Inhaltsverzeichnis
„„Die Angst darf dich nicht lähmen““
Roman Anin ist erst 34 Jahre alt, aber schon einer der erfahrensten Investigativjournalisten Russlands. Zu seinen Auszeichnungen zählt der amerikanische Pulitzer-Preis, den Anin 2017 mit Kollegen aus vielen Ländern für die Auswertung der „Panama Papers“ erhielt. Seit 2006 arbeitete Anin für die kremlkritische Nowaja Gaseta, seit gut einem Jahr führt er mit Waschnyje Istorii (Wichtige Geschichten) sein eigenes Projekt und deckt Fälle von Korruption, Justizwillkür und Umweltverschmutzung auf. Das bringt Anin und seine 14 Kollegen direkt ins Fadenkreuz der gegenwärtigen Kreml-Kampagne gegen unabhängige Medien.
Am 9. April durchsuchten der Inlandsgeheimdienst FSB und das Ermittlungskomitee Anins Moskauer Wohnung und die Redaktionsräume. „Die ersten drei Minuten, in denen ich den Durchsuchungsbeschluss las, waren die beunruhigendsten der ganzen sieben Stunden“, berichtet Anin. Er wusste erst nicht, was ihn erwartete. Denn Iwan Safronow, einem früheren Journalisten, wird seit dem vergangenen Sommer sogar „Staatsverrat“ vorgeworfen, ihm drohen bis zu zwanzig Jahre Haft.
Fünf Jahre alte Geschichte aufgerollt
Fast erleichtert war Anin, als er las, dass es um eine alte Geschichte ging: Noch für die Nowaja Gaseta fand er 2016 heraus, dass die damalige Frau Igor Setschins, des Putin-Weggefährten an der Spitze des Ölkonzerns Rosneft (dessen Aufsichtsrat nun der frühere deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder leitet), regelmäßig eine wohl 150 Millionen Dollar teure Yacht namens St. Princess Olga nutze, vor Ibiza, Korsika, Capri. Anin stützte sich auf Instagram-Fotos der jungen Frau, doch Olga Setschina erstattete Strafanzeige wegen Verletzung ihrer Privatsphäre.

Mächtiger Gegner: Igor Setschin (r.), der Chef des staatlichen Ölkonzerns Rosneft, dessen Aufsichtsrat der frühere deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder (l.) vorsteht
:
Bild: Matthias Lüdecke
„Mein erster Gedanke war: Mein Gott, wie ist das möglich, das ist doch fünf Jahre her“, sagt Anin. „Dann habe ich mich beruhigt und verstanden: Das ist nur ein Vorwand, um mir alle Computer wegzunehmen und Druck auf mich und die Redaktion aufzubauen.“ Anin blieb auf der Hut und bat die Zeugen, die während Durchsuchungen zugegen sein müssen, darauf zu achten, dass ihm die Ermittler kein Rauschgift unterschieben.
Er musste bloß hoffen, dass sie keine falschen Zeugen waren: Im vergangenen Februar hatte Waschnyje Istorii ein Netzwerk von mit der Polizei verbundenen Zeugen in Moskau enthüllt. Dadurch kamen Hunderte wegen angeblicher Drogendelikte in Lagerhaft. Als die Ermittler Anins Wohnung durchsuchten, erinnerte dieser sie an den Fall Iwan Golunow: Dem Kollegen des Newsportals Medusa hatten Moskauer Polizisten 2019 Rauschgift untergeschoben. „Ja, aber Sie schreiben über etwas anderes“, hätten ihm die Ermittler geantwortet. „Das sollte wohl heißen, dass sie mir nichts unterschieben“, sagt Anin.
Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.
Wenn Sie an Foren interessiert sind, können Sie Forum.BuradaBiliyorum.Com besuchen.
Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.