Die Ausstellung „Rebecca Horn: Cutting Through the Past“

Die Ausstellung „Rebecca Horn: Cutting Through the Past“

Selbst der Schnitt durch die Vergangenheit nimmt bei Rebecca Horn die Form eines Zirkelschlags an: In ihrer Installation „Cutting Through the Past“ von 1993 fährt ein speerspitzer Metallstab, von einem Motor horizontal zur Rotation gebracht, durch fünf aufrecht stehende Türen.

Flauschig oder messerscharf

Vermeintlich Abgeschlossenes, das schmerzlich aufgebrochen wird; wunde Punkte, die es immer wieder trifft: Die assoziationsreiche Arbeit, in der – für Rebecca Horn untypisch – alte Türblätter als vorgefundene Objekte eine Nähe zur italienischen Arte povera schaffen, wurde 1996 erstmals im Castello di Rivoli ausgestellt und 2019 von dem Museum für zeitgenössische Kunst erworben. Nun ist sie das titelgebende Werk und damit Dreh- und Angelpunkt einer Retrospektive, die der deutschen Künstlerin hier ausgerichtet wird: ihre erste große Einzelschau in einem italienischen Museum und die erste nach dem Tod Rebecca Horns im vergangenen Jahr.

Schnitt durch Türen: Rebecca Horns Installation „Cutting Through the Past“ von 1993
Schnitt durch Türen: Rebecca Horns Installation „Cutting Through the Past“ von 1993Paolo Pellion di Persano / VG Bidkunst, Bonn 2025

Die Schwesterausstellung im Münchner Haus der Kunst, mit dem das Castello di Rivoli bei Turin kooperiert, konnte Rebecca Horn 2024 noch selbst besuchen – und eine sechs Jahrzehnte umfassende Werkschau mit Zeichnungen, Performance-Videos, Spielfilmen, Installationen und kinetischen Arbeiten sehen, die sich besonders für choreographische, vom Tanz inspirierte Aspekte interessierte. In Rivoli werden, trotz Überschneidung bei den gezeigten Exponaten, andere Akzente gesetzt.

Wie auf einer Zeitachse sind in der schnurgeraden Raumflucht des Manica Lunga genannten Flügels in dem unvollendet geblieben Savoyerschloss, das das Museum beherbergt, 37 Arbeiten Rebecca Horns in zeitlicher Folge aufgereiht, darunter zahlreiche Leihgaben aus der von ihr gegründeten Moontower Foundation. Am Anfang steht die mit Metallstacheln bewehrte Version ihrer mechanischen Skulptur „Pfauenmaschine“, die sie 1982 für die Documenta 7 schuf. Den chronologischen Schlusspunkt setzt die kleine kinetische Arbeit „Die Dreifaltigkeit der Begierde“ aus über einer Muschel schwebenden Metallringen.

Gefangen im Geäst: „Das Rad der Zeit“ von Rebecca Horn
Gefangen im Geäst: „Das Rad der Zeit“ von Rebecca HornCastelli di Rivoli / VG Bildkunst, Bonn 2025

Der optische Fluchtpunkt am Ende des Gangs aber ist „Das Rad der Zeit“. In dem 2016 gefertigten Arrangement öffnen und schließen sich rhythmisch goldfarbene Spieße, die wie Speichen radial an einem offenen Reifen angeordnet sind. Er lehnt an einem aus Bronze nachgeformten kahlen Ast, der wie abgeschnitten daliegt. Platziert vor einem wandhohen Fenster, durch das der Blick auf die sattgrünen Bäume der piemontesischen Landschaft geht, und vor einem Spiegel, der die Schau im Rücken des Betrachters reflektiert, verweist „Das Rad der Zeit“ als letztes Objekt der Ausstellungschoreographie nicht nur auf die spirituelle Dimension in Rebecca Horns Schaffen, sondern auch auf dessen zirkuläre Strukturen.

Unter Biomaschinen

Diese zeigen sich auf mehreren Ebenen. Gegen bergende Kreisformen hat die Künstlerin immer wieder aggressiv vorstoßende oder zart wie Antennen gerade ausgestreckte lineare Objekte in Stellung gebracht – oder Erstere aus Letzteren geformt. So trifft die weiblich konnotierte geometrische Grundform auf die männlich besetzte, scharfes Metall auf flauschige Federn, Technik auf Natur, der Körper auf den Raum. Gegensätze, miteinander in Kontakt gebracht, setzen in Rebecca Horns beweglichen Skulpturen Metamorphosen in Gang. „Tanzende Notenblätter“ (1994) spreizen sich motorgetrieben pfauengleich auf, von einer schwarzen Feder scheinbar mit Tinte befleckt. In „Zen der Eule“ (2010) schlagen Federn allein ein Rad. In „Hauchkörper“ wiegen sich dagegen senkrecht in ein Podest gespießte Messingstangen sanft wie Schilf in einem imaginären Wind – und fordern den Gleichgewichtssinn der Betrachter ebenso heraus wie die Konstruktion „Mirroir du Lac“ (2004) aus korrespondierenden Spiegeln in der reduzierten Form von Renaissance-Tondi.

Radschlag im Federkleid: aus Rebecca Horns Film „Der Eintänzer“ von  1978
Radschlag im Federkleid: aus Rebecca Horns Film „Der Eintänzer“ von 1978Castello di Rivoli Museo d’Arte / VG Bildkunst, Bonn 2025

Mit belebt, zuweilen fast beseelt wirkenden Maschinen, hat Horn die Grenze zwischen Objekten und Organismen der Anmutung nach schon vor Jahrzehnten verwischt – und vorausgedeutet auf digitale Entwicklungen unsere Tage. Zirkelbewegungen wiederum zeichnen ihr Werk auch dahingehend aus, dass die Künstlerin sich immer wieder im Rückgriff auf zuvor Erarbeitetes schöpferisch voranbewegte.

Reminiszenz an einen Sanatoriumsaufenthalt

Das vollzieht die Ausstellung nach. Die 1964 gefertigte Zeichnung „Lippenmaschine“ legt eine prothetische Erweiterung des Körpers nahe, wie sie Horn mit Freunden in Performances der Siebziger etwa als „Einhorn“ mit Flügeln unter den Armen oder „Bleistiftmaske“ realisierte. So gelang ihr, die eigentlich die elterliche Textilfabrik im Odenwald hätte übernehmen sollen, nach Kunststudien in Hamburg und London der künstlerische Durchbruch: 1972 war sie jüngste Teilnehmerin der Documenta 5.

Freigelegt: Wandzeichnung von Rebecca Horn im Castello di Rivoli
Freigelegt: Wandzeichnung von Rebecca Horn im Castello di RivoliCastelli di Rivoli / VG Bildkunst, Bonn 2025

Aus ihrer New Yorker Zeit sind im Castello di Rivoli von Buster Keaton inspirierte Experimentalfilme wie „Der Eintänzer“ zu sehen. Er spielt mit Motiven aus dem Ballett, für das Gerade und Kreis gleichfalls konstitutiv sind, wie bei Pirouetten um die eigene Achse. Damit ist in der Ausstellung die Bühne bereitet für die bekannten Monumentalinstallationen der Künstlerin. In „Inferno“ von 1993 wird das Prinzip des Kreises zu einem stillstehenden Wirbel aus sich im Raum emporschraubenden Krankenhausbetten erweitert. Das hätte auch Dante gefallen, aus dessen „Göttlicher Komödie“ über konzentrisch angeordnete Höllenzonen der Titel stammt. Die Installation aus Metallbetten ist eine Reminiszenz auch an den Sanatoriumsaufenthalt, zu dem die Künstlerin wegen einer Lungenvergiftung gezwungen war, die sie sich bei der Arbeit mit Polyesterharz zugezogen hatte.

Aus Leitern und maschinell von Bögen gestrichenen Violinen setzt sich der „Turm der Namenlosen“ (1994) zusammen und spielt voller Melancholie an auf entwurzelte Menschen in den Jugoslawienkriegen. Frech lässt dagegen der kopfüber von der Decke hängende Konzertflügel – einer der absoluten Stars in Horns Œuvre – bei seinem „Concert for Anarchy“ (2006) den Aggression freien Lauf und speit die Tastatur aus.

So wird, kuratiert von Marcella Beccaria, exemplarisch veranschaulicht, wie sich Rebecca Horns Leben und Werk – mit Rilke gesprochen – „in wachsenden Ringen“ entwickelt hat. Eine Serie körpergroßer abstrakter Zeichnungen aus den Neunzigerjahren mit gestischen Schwüngen rund um ein Zentrum auf Bauchnabelhöhe kann an das Konzept des Vitruvianischen Menschen denken lassen oder das japanische Enso-Symbol in der Kalligraphie. Der Kreis könnte sich schließen, doch die Ausstellung öffnet sich in gleich mehrere Richtungen für neue Begegnungen: In der Sammlungsausstellung des Museums sind weitere Arbeiten der Künstlerin zu entdecken, darunter eine bisher verborgene Wandzeichnung. Die dem Museum angeschlossene Sammlung Cerruti hat derzeit Arbeiten von Rebecca Horn zu Gast, und im knapp zwanzig Kilometer entfernten Turin leuchten die blauen Kreise der Lichtinstallation „Piccoli Spiriti Blu“ auf dem Kapuzinerberg unter dem Nachthimmel.

Rebecca Horn: Cutting Through the Past, Castello di Rivoli, bis zum 21. September. Der Katalog kostet 54 Euro.

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