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#Die Buchempfehlungen vom September 2020 – Astrodicticum Simplex

Die Buchempfehlungen vom September 2020 – Astrodicticum Simplex

Der September ist fast vorbei und es wird Zeit darüber zu reden welche Bücher ich im letzten Monat gelesen habe. Wieder nicht so viele, wie ich gern gelesen hätte. Und diesmal auch leider eines über das ich mich wirklich geärgert habe. Aber auch ein paar, die ich sehr empfehlen kann. Auf gehts!

Planet Neun

Auf das Buch “Planet Neun: Auf der Suche nach dem großen Unbekannten unseres Sonnensystems” von Marcus Stöger habe ich mich gefreut. Es geht um ein wirklich faszinierendes Thema; um die Suche nach einem hypothetischen Planeten im äußeren Sonnensystem. Eine Suche mit einer langen Geschichte. Es geht um Himmelsmechanik, also um die Erforschung der Bewegung der Himmelskörper, eine Disziplin die schon seit Jahrtausenden betrieben wird. Eine Disziplin die noch dazu mein eigenes Spezialfach in der Astronomie ist. Über all das hätte man ein wirklich spannendes Buch schreiben können. Was der Autor aber leider nicht getan hat.

Der Name “Marcus Stöger” ist mir bis jetzt noch nicht begegnet; es ist auch nicht viel über seine Biografie herauszufinden. Ob und was für eine Ausbildung er in Sachen Astronomie hat ist unbekannt. Aber es ist selbstverständlich absolut möglich ein gutes Buch über Astronomie zu schreiben ohne dieses Fach auch studiert zu haben. Aber dann sollte zumindest eine Person mit entsprechender Ausbildung vor dem Druck einen Blick auf das Manuskript werfen. Was in diesem Fall nicht passiert sein kann, denn “Planet Neun” ist voller Fehler. Eine kleine Auswahl: Die Internationale Astronomische Union trifft sich nicht jedes Jahr sondern alle drei Jahre. In den Lagrangepunkten heben sich nicht die Gravitationskräfte auf, sondern alle wirkende Kräfte (also Gravitationskraft und Zentrifugalkraft). Der “aktuelle offizielle Wert der Lichtgeschwindigkeit” wird nicht gemessen, sondern wurde per Definition exakt festgelegt. Die Maßeinheit der Lichtgeschwindigkeit ist außerdem nicht “c” sondern “m/s” (oder eine andere Geschwindigkeitseinheit). Bei der Sternentstehung gehen keine “Atomkerne zu Bruch”. Planeten kann es selbstverständlich auch in Doppelsternsystemen geben (hat man auch schon oft genug beobachtet). Jupiter und Saturn stehen nicht in einer “1:2-Harmonie” – das korrekte Wort wäre “1:2 Bahnresonanz”, was aber auch nicht stimmt, weil die Umlaufbahnen von Jupiter und Saturn in gar keiner exakten Resonanz stehen sondern nur in der Nähe einer 5:2 Resonanz. Wenn sich Stöger schon die Mühe macht, darauf hinzuweisen dass man “Meteorit” mit “t” und “Meteoroid” mit “d” schreibt, dann sollte er nicht gleichzeitig konsequent falsch das Wort “Meteorid” verwenden. Die Oberfläche eines Kometen “verdampft” nicht, wenn der Komet in die Nähe der Sonne kommt. Die Sterne eines Sternbilds liegen nicht “Millionen von Lichtjahren” auseinander (so groß ist nicht mal die gesamte Milchstraße). Die Sterne die wir am Himmel sehen existieren alle noch und sind nicht längst per Supernova explodiert (wir sehen nur die nahen Sterne in unserer Milchstraße, da spielt die Lichtlaufzeit keine große Rolle). Das dritte Keplersche Gesetz lautet nicht “Ein Planet wird auf seiner Bahn um so schneller, je näher er dem Stern kommt”. Wilhelm Herschel lebte von 1738 bis 1822 und es ist sehr unwahrscheinlich dass es ihm im “dreißigjährigen Krieg nach England verschlagen” hat. Die Hawking-Strahlung ist nicht die Auflösung des Informationsparadoxons.

Und so weiter. In jedem Kapitel finden sich haufenweise kleine Fehler. Und dazwischen durchaus auch sehr große Schnitzer, die allerdings mit ebenso großer Selbstverständlichkeit vorgetragen werden. Zum Beispiel: “Eine einfache Rechnung: Wenn das All 13,8 Milliarden Jahre alt ist und das Licht so lange braucht, wie es braucht, kann man nichts beobachten das weiter als 13,8 Milliarden Lichtjahre entfernt ist.” Eine einfache Rechnung. Aber halt auch falsch. Weil das Universum in den 13,8 Milliarden Jahren seit seiner Entstehung expandiert ist hat das beobachtbare Universum heute einen Durchmesser von etwa 93 Milliarden Lichtjahren. Auch die Art und Weise wie Sterne funktionieren scheint Stöger nicht verstanden zu haben; ein Stern bläht sich am Ende seines Lebens NICHT etwa deswegen auf, weil er so viel Masse verloren hat, wie Stöger schreibt, sondern weil der Strahlungsdruck immer stärker wird. Es ist mir auch absolut unverständlich wie man ein komplettes Kapitel über die Entdeckung von extrasolaren Planeten schreiben kann und darin behaupten, dass der erste dieser Planeten im Jahr 2004 entdeckt worden ist. Immerhin feiern wir 2020 das 25jährige Jubiläum der Entdeckung des ersten Exoplaneten im Jahr 1995 und die Entdecker haben im letzten Jahr dafür den Physiknobelpreis erhalten!. Das muss man doch wissen, selbst wenn man nur ein bisschen recherchiert! Ebenso sollte man in einem Buch das ein so himmelsmechanisches Thema hat zumindest halbwegs verstehen, was Himmelsmechanik eigentlich ist. Und nicht behaupten, dass “Astrometrie” die Wissenschaft der Bewegung von Himmelskörpern unter ihrem gegenseitigen gravitativen Einfluss ist. Bei der Astrometrie geht es um die Positionsbestimmung der Sterne. Und die Entfernungen der Sterne bestimmt man ganz explizit NICHT durch die Messung der Rotverschiebung. Das macht nur bei kosmologischen Entfernungen Sinn, wenn man etwa fernste Galaxien untersucht. Die Sterne die wir vermessen können sind alle Teil der Milchstraße und gravitativ aneinander gebunden. Da gibt es keine durch die Expansion des Alls verursachte Rotverschiebung. Und zu behaupten das VLBA (“Very Long Baseline Array”), ein Radioteleskopnetzwerk hätte “erstaunlich wenige Funde von wissenschaftlicher Relevanz vorzuweisen” ist nicht nur falsch sondern eigentlich eine Frechheit!

Asteroidenbahnen im äußeren Sonnensystem und mögliche Bahn von Planet 9 (Credit: James Tuttle Keane/Caltech )

“Planet Neun” ist aber nicht nur voller Fehler was die Astronomie angeht. Sondern handelt nicht einmal wirklich von Planet Neun. Das, was Stöger im Buch tatsächlich über den titelgebenden hypothetischen Himmelskörper schreibt, könnte man auch in einem Magazinartikel unterbringen. Es gibt ja auch tatsächlich nicht viel konkretes zu sagen. 2016 haben amerikanische Forscher die Bahnen ferner Asteroiden untersucht und darin Hinweise auf Störungen gefunden die eventuell von einem noch weiter außen im Sonnensystem gelegenen unentdeckten Planeten stammen könnten. Den entsprechenden Fachartikel hat Stöger sogar am Ende seines Buchs abgedruckt. Komplett, in englisch und unkommentiert. Keine Ahnung wieso, denn der Text ist auch frei im Internet zugänglich. Und recht viel mehr gibt es dazu eigentlich (noch) nicht zu sagen. Man kann Planet Neun natürlich als Anlass nehmen, um ein Buch zu schreiben. Man könnte zum Beispiel die durchaus faszinierende Geschichte der Himmelsmechanik anhand von Planet Neun vorstellen. Angefangen bei der Himmelsbeobachtung in der vorgeschichtlichen Zeit, wo wir aus der Bewegung der Himmelskörper nicht nur einen Kalender sondern auch jede Menge Mythen abgeleitet haben. Über die Versuche in der Antike herauszufinden wie das Universum/Sonnensystem aufgebaut ist und welche Rolle die Erde dabei spielt. Über die Revolutionen durch die Arbeit von Kepler und Newton bis hin zur Sternstunde der Himmelsmechanik als tatsächlich im 19. Jahrhundert ein unbekannter Planet anhand der Bahnstörungen anderer Himmelskörper entdeckt wurde: Nämlich Neptun. Man kann die Dynamik von Asteroiden erklären; man kann sich sogar mit der faszinierenden Mathematik der Chaostheorie beschäftigen die die Bewegung der Himmelskörper bestimmen.

Stöger hat das aber nicht gemacht. Er schreibt über alles. Er erklärt den Urknall und die Entstehung der Sterne. Er redet über Galaxien und schwarze Löcher. Er widmet ganze zwei Kapitel der Suche nach intelligenten Aliens im Kosmos. Es gibt ein Kapitel über Asteroidenbergbau, “motiviert” durch die Frage welche Ressourcen wohl auf Planet Neun zu finden sind. Etc – das Buch ist voll mit Themen die nix mit Planet Neun zu tun haben oder fast schon mit Gewalt mit Planet Neun in Verbindung gebracht worden sind. Was – selbst wenn all die Fehler im Text nicht existieren würden – kein recht ausgewogenes Buch ergibt. Ständig wird das Thema gewechselt; nichts wird richtig zu Ende erzählt. Dazu kommen Unmengen an Fussnoten, die so gut wie immer unnötig und sehr oft regelrecht besserwisserisch sind. Wenn im Text etwa “Boston” als Geburtsort eines Forschers genannt wird, dann braucht es wirklich keine Fussnote die mir erklärt, dass das die Hauptstadt des Bundesstaates Massachusetts ist. Stöger verwendet Wörter wie “Euphemismus”, nur um gleich auch in einer Fußnote zu erklären, dass das “Schönrednerei. Von griech. eu=gut und femí=sagen” bedeutet. Eh schön zu wissen, aber wenn ich das Wort sowieso erkläre, kann ich doch auch gleich “Schönrednerei” im Text schreiben… Zusätzlich zu den nervigen Fußnoten ist das Buch auch durchzogen mit Passagen in denen man eine gewisse Skepsis gegenüber des Wissenschaftsbetriebs erkennen kann. Immer wenn es um theoretische Physik, Quantenmechanik und ähnliche Themen geht hat man das Gefühl, dass Stöger das alles für bestenfalls zweifelhaft hält.

Ich weiß auch nicht genau, wieso mich gerade dieses Buch so geärgert hat. Schlechte Bücher über Wissenschaft gibt es ja leider zuhauf. Vielleicht liegt es daran, dass es um ein Thema geht, das mir persönlich wirklich sehr am Herzen liegt. Die Himmelsmechanik ist wahnsinnig faszinierend und hätte eine bessere Behandlung verdient. Und nicht das, was Marcus Stöger da abgeliefert hat. Ein wirklich gutes Buch das sich unterhaltsam und allgemein verständlich nur mit der Himmelsmechanik beschäftigt kenne ich noch nicht. Es gibt aber das äußerst empfehlenswerte Buch “Die Berechnung des Kosmos: Wie die Mathematik das Universum entschlüsselt” von Ian Stewart, das dieses Thema zumindest zum Teil behandelt. So. Und jetzt hab ich mich genug geärgert.

Bald kommt die Zukunft

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Buch “Bald!: 10 revolutionäre Technologien, mit denen alles gut wird oder komplett den Bach” (im Original: “Soonish: Ten Emerging Technologies That Will Improve and/or Ruin Everything”) von Zach und Kelly Weinersmith schon mal erwähnt habe? Aber selbst wenn: Es ist so gut und unterhaltsam, dass man es ohne Probleme mehrfach loben kann.

Viele werden Zach Weinersmith als Autor der SMBC-Comics kennen, die zum besten gehören was es an wissenschaftsbasierten Comics im Internet gibt. Für dieses Buch hat er sich mit seiner Frau – einer Parasitologin – zusammengetan. Beide haben 10 Technologien untersucht die extrem faszinierend klingen, enorm große Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben könnten aber vielleicht auch die Welt komplett zugrunde richten ? Es geht um den Weltraumfahrstuhl, um Kernfusion, Asteroidenbergbau, Roboter, synthetische Biologie, Bioprinting, und so weiter. In dem Buch werden natürlich nicht nur die Technologien selbst erklärt und das sehr verständlich. Das interessante sind ja vor allem die Auswirkungen die diese Forschung haben könnten; sowohl die positiven als auch die negativen. Und genau das arbeiten Zach und Kelly Weinersmith sehr gut heraus. Und selbstverständlich ist alles auch sehr humorvoll geschrieben und durchsetzt mit den wunderbaren Comiczeichnungen im SMBC-Stil. Am Ende jedes Kapitels gibt es dann auch immer noch eine kurze Geschichte die im Laufe der Recherche aufgetaucht ist, eigentlich nicht viel mit dem Thema zu tun hat aber viel zu gut ist, um nicht erzählt zu werden. Zum Beispiel die Geschichte von Gerry Bull, der für Sadam Hussein an einer Superkanone geforscht hat, die tonnenschwere Projektile ins All schießen sollte.

Ich hab das Buch aus dem Jahr 2017 eigentlich nur kurz zur Hand genommen, weil ich etwas nachschlagen wollte. Und dann doch noch ein zweites Mal komplett durchgelesen. Es macht einfach enorm großen Spaß. Den ihr auch haben solltet, also lest das Buch!

Tintenfisch Science Fiction

Fast ebenso fantastisch wie die möglicherweise bald reale Forschung aus dem Buch der Weinersmiths ist die Science-Fiction-Geschichte “Children of Ruin”, die “Fortsetzung” von “Children of Time” (auf deutsch: “Die Kinder der Zeit” und “Die Erben der Zeit”) von Adrian Tchaikovsky. Den ersten Teil habe ich ja schon mal ausführlich gelobt. Und dieses Lob kann ich jetzt nahtlos fortsetzen.

Im zurecht mit vielen Preisen ausgezeichneten ersten Band der Serie geht es um die Entwicklung intelligenter Spinnen auf einem fremden Planeten und das Aufeinandertreffen mit raumfahrenden Menschen. Das klingt schräg, ist es auch – aber es ist eine sehr unterhaltsame und äußerst intelligente SciFi-Story. In Teil 2 der Serie wird es noch ein wenig schräger. Obwohl “Teil 2” fast schon übertrieben ist. Man könnte “Children of Ruin” auch unabhängig von “Children of Time” lesen; ich würde es aber trotzdem nicht empfehlen. Es ist zwar keine direkte Fortsetzung, aber die Menschen und die intelligenten Spinnen tauchen auch hier wieder als Protagonisten auf und es ist gut, wenn die schon ein bisschen kennt. Neu dazu kommen nun aber Weltraumtintenfische! Auch die sind – wie die Spinnen im ersten Teil – das Resultat eines etwas aus dem Ruder gelaufenen Experiments der Menschen bei ihren Bemühungen einen fremden Planeten terrazuformen.

Tschaikovsky hat sich schon sehr bemüht, eine hypothetische Spinnenintelligenz glaubwürdig zu beschreiben. Was die intelligenten, raumfahrenden Tintenfische angeht hat er sich aber selbst übertroffen. Ich will nicht spoilern. Aber es ist faszinierend zu sehen, wie fremd eine Intelligenz sein kann, die doch eine gemeinsame evolutionäre Vergangenheit mit uns teilt. Wie fremd da erst echte außerirdische Intelligenz sein könnte, kann/will man sich da gar nicht mehr vorstellen. Tschaikovsky gehört weiterhin zu den originellsten SciFi-Autoren die ich kenne. Sollte man auf jeden Fall lesen!

Die Frauen der Mikrobiologie

Das Buch “Women in Microbiology” herausgegeben von Rachel J. Whitaker und Hazel A. Barton lässt mich ein wenig unschlüssig zurück. In der Biologie werden die Beiträge der Forscherinnen – so wie in so gut wie allen anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen – immer noch nicht so ausreichend gewürdigt wie es nötig und angebracht wäre. Ein Buch, dass sich genau diesem Thema widmet ist daher prinzipiell eine gute Sache.

Mir ist aber nicht ganz klar, für welche Zielgruppe “Women in Microbiology” herausgegeben wurde. Ich vermute mal, für StudentInnen und ForscherInnen der Mikrobiologie die mehr über ihr eigenes Fach erfahren wollen. Ich, als fachfremder Astronom, war vom Inhalt teilweise ein wenig überfordert. Dort wo es um die wissenschaftliche Forschung der vorgestellten Frauen geht, ist der Text oft zu wenig allgemeinverständlich. Dazu kommt, dass alle Kapitel unterschiedliche AutorInnen haben, mit ebenso unterschiedlicher inhaltlicher Zielsetzung und Qualität. Manchmal sind es “nur” Erinnerungen ehemaliger Studierender an ihre Professorin. Mal sind es wissenschaftshistorische Abhandlungen. Mal ist es irgendwas dazwischen. Viele Kapitel habe ich gerne gelesen; einige waren zäh und schwer verständlich. Als Quellensammlung ist das Buch auf jeden Fall sehr brauchbar. Als leichte Lektüre für zwischendurch eher nicht.

Das war der September. Es folgt der Oktober. Hoffentlich dann wieder mit ausschließlich guten Büchern! Bis dahin.

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