Die deutsche Rüstungsindustrie ist noch ein Scheinriese

Die deutsche Rüstungsindustrie ist noch ein Scheinriese

Am 27. August wird Unterlüß im Rampenlicht stehen. Der Ort mit seinen etwa 3500 Einwohnern liegt in der idyllischen Lüneburger Heide. Doch genau hier wird auf einer Fläche von fünf Fußballfeldern Deutschlands größtes Munitionswerk in Betrieb gehen. Zur Einweihungsfeier hat sich mit Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius und seinem SPD-Parteifreund, Bundesfinanzminister Lars Klingbeil, Politprominenz aus Berlin angekündigt.

Kein Wunder, ist die Rüstungsindustrie derzeit doch so etwas wie der helle Schein inmitten düsterer Aussichten für die deutsche Wirtschaft. Ein Fototermin vor dem neuen Artilleriewerk ist Balsam für geschundene Politikerseelen. Ließ man sich früher vor neuen Montagelinien ablichten, von denen Autos „Made in Germany“ rollten, bilden heute Granaten, Sprengstoff und Raketenantriebe die Kulisse. Auch so sieht Zeitenwende aus.

Die Bäume scheinen für die Rüstungsindustrie gerade in den Himmel zu wachsen. Während viele börsennotierte Unternehmen in der zu Ende gegangenen Bilanzsaison ihre Jahresprognosen kassieren mussten, hielten deutsche Rüstungsgrößen wie Rheinmetall , Hensoldt und Renk nicht nur an ihren Ausblicken fest. Sie weisen auch darauf hin, dass es im Jahresverlauf zu deutlichen Anpassungen kommen kann, wenn die Aufträge aus den beschlossenen Milliarden-Paketen aus Brüssel und Berlin endlich eingehen. Korrekturen nach oben, versteht sich.

Papperger sieht goldene Zeiten

Das Gesicht des Aufstiegs der Rüstungsbranche in Deutschland ist zweifellos Armin Papperger, der langjährige Vorstandschef von Rheinmetall. Das Unternehmen hat an der Börse seit dem russischen Überfall auf die Ukraine einen kometenhaften Aufstieg erlebt und zuletzt wieder einen Rekordgewinn vermeldet. Die Anleger sind jedoch verwöhnt und angesichts der Meldungen zu den Friedensgesprächen in Alaska gaben die Titel etwas nach.

Papperger tat, was er seit Jahren regelmäßig tut: Er nutzte die Korrektur und kaufte Aktien seines Arbeitgebers. Seit Jahresbeginn gab er dafür rund 2,7 Millionen Euro aus. Der Manager ist davon überzeugt, dass die goldenen Zeiten seiner Branche erst noch bevorstehen. Die Zahl seiner Mitarbeiter werde innerhalb von zwei Jahren von 40.000 auf 70.000 steigen, sagt Papperger und spricht von der „Jobmaschine“ Rüstungsindustrie, die bis 2027 rund eine halbe Million Menschen beschäftigen kann.

Das Ausmaß des Aufschwungs zeigt sich beim Blick auf den Auftragsbestand. Rheinmetall verbucht Bestellungen im Wert von Sage und Schreibe 60 Milliarden Euro, Papperger rechnet zeitnah sogar mit 80 Milliarden. Der Sensorspezialist Hensoldt und Panzerantriebslieferant Renk sind deutlich kleiner, blicken aber auch auf einen Bestand von sieben beziehungsweise sechs Milliarden Euro. Noch aufschlussreicher ist das Verhältnis von neuen zu abgearbeiteten Aufträgen, die „book-to-bill-ratio“. Renk und Hensoldt geben jeweils einen Wert von 1,5 an – es besteht erheblich mehr Nachfrage als bedient werden kann. Für Rheinmetall dürfte es ähnlich aussehen, ebenso für viele nicht börsennotierte Unternehmen, die die Rüstungswelle reiten. Arbeit ohne Ende.

Die Industrie wird vorerst nicht mit der Nachfrage mithalten können

Hier liegt auch die größte Herausforderung der kommenden Jahre. Denn aufgrund erheblicher Unterinvestition während der vergangenen Jahrzehnte ist absehbar, dass der Aufbau neuer Kapazitäten mit der rasanten Nachfrage aus dem In- und Ausland vorerst nicht Schritt halten kann. Zwar prüfen derzeit so gut wie alle Industriebranchen, wie sie ihren Teil des großen Rüstungskuchens abbekommen können und es gibt Meldungen, dass Teams oder ganze Werke aus der leidgeprüften Autoindustrie künftig Wehrtechnik produzieren. Doch unterliegt diese strengen Auflagen. Ein Kfz-Monteur darf nicht mal eben Waffen zusammenschweißen und in der Werkshalle des Autozulieferers am Ortsrand wird kein Sprengstoff fabriziert werden können. Auch wenn die Regulierung aufgrund der überragenden Bedeutung gelockert werden sollte, scheinen Lieferprobleme und Verzögerungen in den kommenden Jahren programmiert.

Die größte Gefahr besteht auf mittlere Sicht also darin, dass die Rüstungsbranche mit Erwartungen überladen wird. Mögen auch beeindruckende Geschichten um Start-ups wie Helsing oder Stark zeigen, was Deutschland etwa im Bereich unbemannter Drohnen zu leisten im Stande ist. Die Zahlen sprechen vorerst eine klare Sprache: Mit einem Gesamtumsatz von rund 30 Milliarden Euro kommt die Rüstungsindustrie nicht einmal auf ein Zehntel der Autoindustrie. Die Skalierung der Produktion braucht ihre Zeit. Noch verhält es sich mit Rheinmetall und Co. wie mit dem Scheinriesen Tur Tur aus der Geschichte um Jim Knopf. Der wird immer kleiner, je näher man ihm kommt.

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