
Warmherzig, voller Entdeckerfreude und mit scheinbar nie versiegender Energie: Der positiven Ausstrahlung der Frankfurter Galeristin Anita Beckers konnte sich keiner entziehen, der das Vergnügen hatte, ihr zu begegnen. Menschen mit Kunst und untereinander in Verbindung zu bringen, Künstlerinnen und Künstler aufzubauen, sie über lange Wegstrecken hinweg zu begleiten und an Institutionen heranzuführen, das war ihr Lebenselixier. Dass die Beschäftigung mit bildkünstlerischen Ausdrucksformen weit mehr ist als Dekorum oder ein Geschäft, nämlich ein fundamentales menschliches Glück und wesentlich für den Zusammenhalt der Gesellschaft, vermittelte sie mit einer Selbstverständlichkeit, die sich vielleicht biographisch erklärte.
Als ein Schlaganfall vor Jahrzehnten die Mutter von vier Kindern traf traf und weite Teile ihres Gedächtnisses auslöschte, konnte sie ihren Beruf als Lehrerin nicht mehr ausüben und nahm das Leben von Anita Beckers eine neue Wendung. Auf Rat ihres Ehemanns, des Arztes und Sammlers Günter Beckers, befasste sie sich mit Kunst. 1991 gründete sie eine Galerie in Darmstadt, 1998 folgte der Umzug nach Frankfurt, zunächst ins Gallusviertel, von wo aus es 2015 mit dem Design- und Kunsthändler Frank Landau in die Braubachstraße 9 ging, ganz in die Nähe des Museums für Moderne Kunst.
Zu diesem Zeitpunkt war Anita Beckers längst eine der erfolgreichsten Galeristinnen für zeitgenössische Kunst in der Stadt geworden – und darüber hinaus eine feste Größe des Handels, die auf internationalen Messen wie der Paris Photo, der ARCO Madrid oder der Art Cologne präsent war. Fasziniert von Bewegung, schlug ihr Herz für kinetische Werke, Multimediainstallationen und Videokunst – auf diesem Feld war sie Pionierin. Früh zeigte sie Arbeiten etwa von Bjørn Melhus oder Laurel Nakadate. Ihre Expertise führte zur langjährigen Programmarbeit für die Videokunstmesse LOOP in Barcelona und der Gründung der Rechercheplattform blinkvideo, die sie 2012 mit Julia Sökeland ins Netz brachte.
Daneben spielte Fotografie eine wichtige Rolle für ihre Tätigkeit; aktuell ist in den Räumen der Galerie die fünfte Soloausstellung des niederländischen Fotografen Anton Corbijn zu sehen, der durch seine Zusammenarbeit mit Popstars berühmt geworden ist. Zu den von Anita Beckers vertretenen arrivierten Fotokünstlern gehört auch Jürgen Klauke.
Alt neben jung, etabliert neben aufstrebend: So gestaltete Anita Beckers ihr Programm, immer langfristige Entwicklungen im Blick. Enge Kontakte zur Hochschule für Gestaltung in Offenbach, zur Städelschule in Frankfurt und zum Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe, insbesondere unter dessen verstorbenem früheren Leiter Peter Weibel, ließen aufstrebende Talente wie Nadja Büttner oder Jonas Englert den Weg zu ihr finden. Mit Annegret Soltau oder Kubra Khademi zeigte sie feministische Positionen, mit Johan Grimonprez einen investigativen Videokünstler an der Schwelle zum Dokumentarfilm, dem das ZKM gerade eine Retrospektive widmet, und mit Andreas Mühe einen fotografischen Forensiker der Gesellschaft. Neueste Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz oder NFTs beobachtete sie mit kritischer Neugierde.
„Es ist die Kunst, die uns ermöglicht, Menschen zusammenzubringen und alte Sehgewohnheiten aufzubrechen“, fasste Anita Beckers in einem Interview ihr Credo zusammen. Das leitete auch ihr Engagement als Sprecherin für die Interessengemeinschaft der Galerien in Frankfurt, die nun eines ihrer profiliertesten Mitglieder verloren hat. Am 31. Juli ist die unermüdliche Netzwerkerin der Kunst im Alter von 78 Jahren gestorben.
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