Die gleichen Gene prägen Verhalten bei Menschen und Hunden

Die gleichen Gene prägen Verhalten bei Menschen und Hunden

Ähnlich wie wir Menschen unterscheiden sich auch Hunde individuell in ihrem Temperament und Verhalten. Ein Teil dieser Variation basiert auf Erziehung und Erfahrungen, doch vieles ist bereits genetisch festgelegt. Eine Analyse des Genoms von über 1300 Golden Retrievern zeigt nun, dass viele der Genvariationen, die bei Hunden Merkmale wie Trainierbarkeit, Ängstlichkeit und Aggression beeinflussen, auch bei Menschen mit verschiedenen Eigenschaften assoziiert sind. Die Ergebnisse unterstreichen, wie ähnlich sich Mensch und Hund sind, und können dabei helfen, verschiedene Wesenszüge unserer Haustiere besser zu verstehen.

Hundebesitzer wissen aus Erfahrung, wie individuell ihre vierbeinigen Gefährten sind – selbst innerhalb der gleichen Rasse. So gelten beispielsweise Golden Retriever zwar generell als gutmütig und gut trainierbar, doch wie lernfähig der einzelne Hund ist, wie gut er sich mit anderen Hunden verträgt, wie energiegeladen und wie schreckhaft er ist, ist von Tier zu Tier unterschiedlich. Durch Erziehung lassen sich zwar bestimmte Verhaltensweisen fördern oder reduzieren, doch grundlegende Charakterzüge bleiben unveränderlich.

Holden Retriever im Sprung
Wie lernbegabt und gut trainierbar ein Golden Retriever ist, wird auch von einer Genvariante beeinflusst. © Morris Animal Foundation.

Wie der Mensch, so der Hund

„Unterschiede in der emotionalen Reaktivität, Geselligkeit und anderen Verhaltensmerkmalen entstehen durch komplexe Wechselwirkungen zwischen genetischen und umweltbedingten Faktoren“, erklärt ein Team um Enoch Alex von der University of Cambridge in Großbritannien. Um den genetischen Faktoren auf die Spur zu kommen, analysierten die Forschenden das Genom von 1343 Golden Retrievern im Alter zwischen drei und sieben Jahren. Zusätzlich baten sie die Besitzer, einen umfassenden Fragebogen zu den Eigenheiten und Verhaltensweisen des tierischen Versuchsteilnehmers auszufüllen.

Auf diese Weise stieß das Forschungsteam auf zahlreiche Genvariationen, die jeweils mit bestimmten Verhaltensweisen assoziiert waren. Diese Ergebnisse wiederum glichen Alex und seine Kollegen mit ähnlichen Analysen bei Menschen ab. Dabei stellten sie eine weitreichende Übereinstimmung fest: „Bei zwölf der 18 identifizierten Gene aus der genomweiten Assoziationsstudie bei Hunden fanden wir signifikante Assoziationen beim Menschen für psychiatrische, temperamentbezogene und kognitive Merkmale“, berichten die Forschenden. „Dabei zeigte sich eine bemerkenswerte biologische Konvergenz.“

Beispielsweise beeinflusste eine Variation im Gen ASCC3 bei Hunden, wie souverän sie sich gegenüber Artgenossen verhielten. Bei Menschen wurde dieses Gen mit Charakterzügen wie Neurotizismus, Ängstlichkeit und Sensibilität in Verbindung gebracht. Eine Variation in einem Gen namens ROMO1 förderte bei Hunden die Trainierbarkeit. Bei Menschen ist diese Variation mit Intelligenz und emotionaler Sensibilität assoziiert – ein Hinweis darauf, dass auch bei Hunden das Training nicht nur ihre kognitive Leistungsfähigkeit anspricht, sondern auch eine emotionale Komponente hat.

Gemeinsame genetische Wurzeln

„Die Ergebnisse sind wirklich bemerkenswert – sie liefern starke Hinweise darauf, dass Menschen und Golden Retriever gemeinsame genetische Wurzeln für ihr Verhalten haben“, sagt Alex Kollegin Eleanor Raffan. „Die von uns identifizierten Gene beeinflussen häufig die emotionalen Zustände und das Verhalten beider Spezies.“ Aus Sicht der Forschenden könnte die Studie dabei helfen, mehr Verständnis für die Gefühlswelt unserer Haustiere aufzubringen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Genetik das Verhalten steuert und manche Hunde dazu prädisponiert, die Welt als stressig zu empfinden. Wenn ihre Lebenserfahrungen dies noch verstärken, könnten sie sich auf eine Weise verhalten, die wir als schlechtes Benehmen interpretieren, obwohl sie in Wirklichkeit nur verzweifelt sind“, sagt Alex.

Auch Auswirkungen auf die tierärztliche Versorgung wären denkbar. Wenn beispielsweise ängstliches Verhalten bei Hunden durch die gleichen genetischen Mechanismen gefördert wird wie bei Menschen, könnten für Menschen entwickelte Medikamente zur Behandlung von Ängsten auch den Vierbeinern helfen. Andersherum könnten Erkenntnisse zur Hundepsyche womöglich auch für die Humanpsychologie interessant sein. „Hunde in unserem Zuhause teilen nicht nur unsere physische Umgebung, sondern möglicherweise auch einige der psychologischen Herausforderungen, die mit dem modernen Leben verbunden sind“, sagt Co-Autor Daniel Mills von der University of Lincoln. „Unsere Haustiere können deshalb ausgezeichnete Modelle für einige psychiatrische Erkrankungen des Menschen sein, die mit emotionalen Störungen einhergehen.“

Quelle: Enoch Alex (University of Cambridge, UK) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.2421757122

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