#Die große Leere beim FC Bayern

Oliver Kahn ließ seinen Frust raus wie früher, wenn es mal wieder an der Zeit war, das Vorrecht des Klassenbesten einzufordern. Im höchsten Maße alarmiert nach der 1:3-Niederlage seines FC Bayern in Mainz, fauchte der frühere Hüter des eigenen Tores und heutige Vorstandsvorsitzende des Münchner Großvereins seinen Frust in den Katakomben des Stadions mit dem ihm eigenen Zynismus heraus.

„Ich weiß auch nicht, wer jetzt die Mannschaft war, die deutscher Meister werden wollte. Die hatte zwar auch rote Trikots an, aber das war ganz bestimmt nicht unsere Mannschaft. Alles, was den Fußball neben dem reinen Spiel ausmacht, hat bei unserer Mannschaft in der zweiten Halbzeit einfach gefehlt.“ Die trat an diesem Samstag anders als die rot-weiß gekleideten großen Tagesgewinner vom 1. FSV 05 in Trikots mit dem Grundton Schwarz auf. Passend zu einem Samstag, an dem der große FC Bayern nach einer passablen ersten Hälfte und einer 1:0-Führung durch Manés Kopfballtor (29. Minute) nach der Pause einen kompletten Systemausfall erlitt und minütlich matter anmutend von den Rheinhessen überrollt wurde.

Die gewannen die zweite Hälfte dieses denkwürdigen Duells, in dem die großen Bayern immer kleiner wurden, binnen 14 Minuten 3:0 durch die Treffer von Ajorque (65.), Barreiro (73.) und Aarón Martin (79.). „Dass wir die Bayern in einer Halbzeit 3:0 schlagen, ist eine unglaubliche Geschichte“, jubilierte der Mainzer Sportdirektor Martin Schmidt.

Kahn macht Bayern-Spieler verantwortlich

Kahn jedoch, grimmig wie so manches Mal während seiner großen Torwartkarriere, blieb geladen an diesem Samstag der Götterdämmerung für die schon im DFB-Pokal-Wettbewerb wie in der Champions League im Viertelfinale gescheiterten Alles-Gewinner von gestern. Nun, da die Bayern als Dauermeister der vergangenen zehn Spielzeiten auch in der Bundesliga vom ersten Rang auf Platz zwei hinter Borussia Dortmund zurückgefallen sind, reagierte Kahn verständlicherweise höchst beunruhigt. „Wir haben in dieser Rückrunde schon alles versucht“, sagte er, „Gespräche, Spieler, Systeme, Taktik, Trainerwechsel. Zum Schluss sind es elf Mann, die da auf dem Platz stehen, die sich für die Ziele dieses Klubs den Hintern aufreißen müssen.“

Ob das in diesen prekären Münchner Wochen hilft? In denen der große FC Bayern verwundbar wie seit Jahren nicht ist, in denen die Kraft und das pralle Selbstbewusstsein der vermeintlichen Übermacht im deutschen Fußball verloren gegangen ist, in denen eine Mannschaft zu besichtigen ist, die körperlich und seelisch schwach wie lange nicht auf der Suche nach dem alten Selbstverständnis ist. „FC Bayern for­ever number one“? Der alte Vereinshit wirkt dieser Tage reichlich analog und ausgeleiert.


Thomas Müller, dem 33 Jahre alten Protagonisten bester Bayern-Zeiten mit Triumphen in der Dauerschleife, war am Samstag sogar sein sonst unverbrüch­licher Humor verloren gegangen. Auch, weil er wie andere vermeintliche Führungsspieler des FCB, Joshua Kimmich oder Leon Goretzka zum Beispiel, in Mainz untergetaucht war. Mehr noch aber, weil der sonst so eloquente Musterbajuware ratlos auf einen Auftritt zurückblickte, der im Desaster endete.

„Ich habe keine Erklärung“, gestand der sonst um keine Erklärung verlegene Müller, „ich bin etwas ratlos, wie es zu dieser Situation kommen konnte.“ Die Bayern seien zwar „gut in das Spiel gestartet und verdient in Führung gegangen“, jedoch dann nicht mehr in der Lage gewesen, den Mainzer Frischeschub in der zweiten Hälfte aufzufangen. „Die Rückschläge und negativen Erlebnisse der letzten Wochen konnten wir nicht so ganz abschütteln.“ Die akut gedrückte Stimmung im Team beschrieb Müller mit den Begriffen „Enttäuschung“ und „Ratlosigkeit“. „Der Stachel“, sagte er, „sitzt tief.“

Götterdämmerung in Mainz: 
  Dem FC Bayern München sind die Kraft und das Selbstbewusstsein abhandengekommen.


Götterdämmerung in Mainz:
Dem FC Bayern München sind die Kraft und das Selbstbewusstsein abhandengekommen.

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Bild: Sampics

Was tun im ramponierten Mia-san-mia-Paradies? Die Münchner müssen wohl zuerst den Kampf gegen sich selbst gewinnen, um danach auch ihre Gegner wieder auf Abstand halten zu können. Der neue Trainer Thomas Tuchel, der von seinen ersten sieben Pflichtspielen gerade mal zwei ge­winnen konnte, sieht sich im Augenblick fast mehr als Psychotherapeut denn als Fußballlehrer gefordert. Darum hat er seinen Spielern, die seit dreieinhalb Wochen ununterbrochen im Einsatz waren und dabei ein Negativerlebnis nach dem anderen zu verarbeiten hatten, bis Mittwochnachmittag freie Tage spendiert.

So müde und leer wie während der zweiten Halbzeit in Mainz hat der FC Bayern keine Chance auf die Titelverteidigung. „Wir wirken ausgelaugt“, lautete Tuchels Diagnose nach dem rapiden Kräfteverfall am Samstag, „im Moment sehen wir aus wie eine Mannschaft, die schon achtzig Saisonspiele (es sind derzeit 53 Pflichtspiele, d.­ Red.) gemacht hat. Wir sind nicht in der Lage, konzentriert zu Ende zu spielen. Wir sind nicht in der Lage, aus Chancen Großchancen zu machen. Und wir sind offensichtlich nicht in der Lage, fehlerfrei Fußball zu spielen.“ Und so gingen die „Spiele weg wie Sand durch die Hände“.

Was seiner Mannschaft derzeit fehle, sei fundamental, hob Tuchel hervor. „Es ist die Basis, die du brauchst. Wir können im Moment keine Reaktion zeigen – weder mental noch körperlich. Es kämpft jeder mit sich selbst.“ Aus dem Meister aller Klassen ist ein Patient geworden, der rasch wieder auf die Beine kommen muss. Andererseits: Es fehlt nur ein Punkt auf den neuen Tabellenführer Borussia Dortmund.

Und noch etwas: Am nächsten Sonntag bekommt der FC Bayern Besuch von der alten Dame der Bundesliga. Hertha BSC, der Tabellenletzte mit düsterer Perspektive, tritt in München an. Die Gelegenheit scheint günstig, dann den ersten regenerativen Schritt nach vorn machen zu können. Der Kampf um die Schale, so viel ist schon beim Blick auf die Tabelle gewiss, ist für die Bayern noch lange nicht verloren.

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