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„Die Luftfahrbranche hat das Jahr 2022 vergeigt“

Liegen alle Weihnachtsgeschenke unter dem Baum? Wer in der Woche vor dem Fest zur Bescherung flog und Präsente in den aufgegebenen Koffer steckte, hatte schlimmstenfalls bange Tage zu durchstehen. Abermals verschwand Gepäck, Flüge fielen aus oder verspäteten sich.
Wegen geschlossener Info-Schalter und oftmals unerreichbarer Service-Hotlines wurden Passagiere mit den Schwierigkeiten alleingelassen. Die Branche lieferte ein schlimmes Bild ab, sogar Beschäftigte waren schockiert, und das keineswegs zum ersten Mal. Die Luftfahrt hat das Jahr des Hochfahrens nach der Corona-Flaute vergeigt.
Sie patzte und patzt immer dann, wenn etwas mehr Passagiere kamen – zu Ostern, im Sommer, während der Schulferien und vor Weihnachten. Da hilft kein Verweis auf die Bahn, wo es nicht minder rumpelt. Seit Beginn der Pandemie waren viele Menschen daheim geblieben, die inzwischen wieder aufbrechen. Das Land scheint in dieser Zeit jedoch verlernt zu haben, Mobilität zu organisieren. Beteuerungen, dass fortan alles besser werde, erscheinen zum Jahresende wie leere Versprechen.
Die Überraschungsthese ist eine Legende
Die Legende des Jahres lautete, die Reisebranche sei von der Nachfrage überrascht worden. Pauschalreiseanbieter, die auch Flüge füllen, sahen aber schon im Januar eine steigende Nachfrage. Von Februar an lagen ihre Buchungseingänge durchgehend über den Werten von 2019, also vor Corona.
Reisende buchten zudem nur Flüge, die im Flugplan standen. Das Angebot war zuerst da, dann kam die Nachfrage. Die Überraschungsthese ließe sich nur halten, wenn Airlines auf Kundenfang zunächst Flüge auflegten, dann aber insgeheim beabsichtigten, einige wieder zu streichen und Reisende zwangsweise umzubuchen. Es wäre nicht das erste Mal.
Zu spät reifte die Einsicht, wie viel Personal wirklich für einen Flug nötig ist: Zwei Piloten und ein paar Flugbegleiter sind nicht genug. Ohne Gepäckverlader, Betanker, Flugzeugschlepperfahrer und Sicherheitskontrolleure geht es nicht. Und wenn der Reiseplan erst durchkreuzt wird, muss ein Call-Center auch erreichbar sein.
In diesem Jahr gab es überall Mangel – bei Airlines, Flughafenbetreibern und weiteren Dienstleistern. Teils wurde erst zum Frühjahr von Stellenabbau auf Neueinstellungen umgestellt, dann fehlten Bewerber für Dienste, die oft mitten in der Nacht beginnen und bei jedem Wetter auf dem Vorfeld zu erledigen sind.
Ungelenke Reaktion der Branche
Die Branche reagierte ungelenk. Als Rohrkrepierer des Jahres erwies sich der Plan, 2000 Helfer als Kurzfrist-Gastarbeiter aus der Türkei einzufliegen. Es endete peinlich. In der Politik wurde erst um eine Ausnahmeregelung gebettelt. Als es die endlich gab, wurde sie fast gar nicht genutzt. Sie komme zu kurzfristig, die möglichen Helfer hätten ohnehin nicht die nötige Qualifikation, hieß es plötzlich. In Deutschland wurschtelte man sich weiter durch – mit den bekannten Folgen, obwohl die Passagierzahlen letztlich deutlich hinter einstigen Spitzenwerten zurückblieben.
Für eine bessere Luftfahrt sind diverse Schritte nötig. Bislang leistete es sich die Branche, auf Vorfeldern ein Prekariat der Lüfte zu beschäftigen. Die Kräfte, ohne die kein Flugzeug abhebt, erhielten besonders wenig Lohn. Erst die Tarifabschlüsse dieses Jahres haben eine Änderung angestoßen. Auch Sicherheitskontrollen müssen neu strukturiert werden. Bislang herrschte ein Verantwortungsgeflecht zwischen Bundespolizei, Flughäfen und privaten Dienstleistern. Dass eine Neuordnung in Frankfurt zum Jahreswechsel kommt, ist gut, aber spät. Modernere und effizientere Kontrollapparate sind im Ausland mit EU-Zulassung längst im Einsatz, in Deutschland ließ eine gesonderte Freigabe viel zu lange auf sich warten.
Auch Fluggesellschaften müssen nacharbeiten. Ihren Kunden darf es egal sein, woran Reisepläne scheitern. Die Passagiere haben ein Gesamtpaket gebucht, die Sicherheitskontrollen bezahlen sie übrigens mit einer im Ticketpreis enthaltenen Gebühr. Das Ticket kommt stets von einer Fluggesellschaft. Sie muss sich um ihre Kunden sorgen. Es geht nicht um liebe Gesten, sondern um das Einhalten von Gesetzen. Wenn eine Airline für erzwungene Übernachtungen keine Hilfe organisiert, Geld für ausgefallene Flüge schleppend erstattet oder berechtigte Entschädigungen für Verspätungen zurückhält, handelt sie jenseits des Zulässigen.
Die Erlebnisse dieses Jahres werden Kunden nicht so schnell vergessen. Für 2023 steht die Branche vor zwei Aufgaben: Sie muss beweisen, dass sie einen durchgehend stabilen Betrieb anbieten kann. Und sie muss um das Vertrauen der Kunden kämpfen. Passagiere sind zu Recht verärgert. Viel Hoffnung kann man ihnen für das neue Jahr leider noch nicht machen.
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