Die Quote ist nicht das Problem

ARD, ZDF, RTL und ProSiebenSat.1 haben in den vergangenen Jahren deutlich mehr Frauen in Führungspositionen gebracht. Warum stagniert die Entwicklung trotzdem? Vielleicht, weil die entscheidenden Hürden längst außerhalb der Medienhäuser liegen.

Als bekannt wurde, dass Pro Quote Medien künftig keine Förderung des Bundesfamilienministeriums mehr erhalten soll, war die Empörung groß. Schließlich hat der Verein die Debatte über Frauen in Führungspositionen deutscher Medienhäuser wie kaum eine andere Organisation geprägt. Seit 2012 werden Chefredaktionen, Ressortleitungen und Führungsebenen gezählt. Der Frauenmachtanteil der Leitmedien stieg in diesem Zeitraum von 14 auf knapp 38 Prozent. Das ist ein Erfolg, den selbst Kritiker kaum bestreiten können.

Gerade deshalb stellt sich heute eine andere Frage: Was kommt nach dem Erfolg? Denn wer die aktuelle Studie liest, stößt auf ein merkwürdiges Paradox. Pro Quote kann sehr genau erklären, wie viele Frauen in Führungspositionen sitzen. Deutlich schwieriger wird es bei der Frage, warum die letzten zehn oder zwanzig Prozentpunkte offenbar so schwer zu erreichen sind.

Die ersten Fortschritte waren vergleichsweise einfach. Medienhäuser konnten bei Neubesetzungen stärker auf Frauen achten, Mentoringprogramme auflegen oder Führungsteams umbauen. Der Erfolg ist sichtbar. Die Süddeutsche Zeitung steigerte ihren Frauenmachtanteil massiv, beim Spiegel und bei der Zeit sitzen heute deutlich mehr Frauen in Führungspositionen als noch vor zehn Jahren.

Doch inzwischen scheint die Debatte an einen Punkt gekommen zu sein, an dem weiteres Zählen allein nicht mehr weiterhilft. Gerade in der Fernsehbranche wird das deutlich. Wer auf die Führungsetagen von ARD, ZDF, RTL oder ProSiebenSat.1 blickt, erkennt schnell, dass Frauen dort längst keine Ausnahmeerscheinung mehr sind. Beim WDR steht mit Katrin Vernau eine Intendantin an der Spitze, beim RBB ist es Ulrike Demmer, beim Saarländischen Rundfunk Elena Yorgova-Ramanauskas. Das ZDF wird von Norbert Himmler geführt, doch zahlreiche zentrale Direktionen sind weiblich besetzt. Bei RTL Deutschland verantwortet Inga Leschek große Teile des Programms, während bei ProSiebenSat.1 seit Jahren Frauen in entscheidenden Managementpositionen sitzen.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Gleichberechtigung erreicht wäre. Aber die Realität des Jahres 2026 ist eben eine andere als die von 2012. Die Vorstellung, die Medienbranche werde flächendeckend von Männern dominiert, beschreibt die Lage nur noch teilweise. Die eigentliche Frage lautet inzwischen: Warum schaffen es viele Frauen trotz besserer Voraussetzungen noch immer nicht bis ganz nach oben? Und hier wird es interessant. Denn die größten Hürden liegen oft nicht in den Personalabteilungen von RTL, ARD oder ProSiebenSat.1. Sie liegen außerhalb der Sendergebäude.

Wer Karriere im Journalismus machen möchte, arbeitet selten von neun bis siebzehn Uhr. Frühschichten, Spätdienste, Wochenendarbeit und kurzfristige Termine gehören zum Alltag. Eine Chefredakteurin einer Nachrichtensendung kann nicht einfach um 15.30 Uhr den Stift fallen lassen, weil der Kindergarten schließt. Eine Programmgeschäftsführerin von RTL oder ProSiebenSat.1 kann nicht jede Dienstreise ablehnen. Wer in diesen Positionen arbeitet, muss zeitlich flexibel sein.

Genau hier beginnen die Probleme. Deutschland diskutiert seit Jahren über den Fachkräftemangel. Gleichzeitig schließen viele Kitas am Nachmittag. Wer schon einmal versucht hat, eine Betreuung für Randzeiten, Wochenenden oder Schichtdienste zu organisieren, weiß, wie schwierig das ist. Für Journalistinnen und Journalisten gilt das besonders. Nachrichten entstehen nicht zwischen acht und sechzehn Uhr. Fernsehen schon gar nicht.

Ausgerechnet die Pro-Quote-Studie beschreibt diese Problematik selbst. Dort heißt es, dass Elternzeit, Teilzeitmodelle und Kita-Öffnungszeiten keine Karrierehemmnisse mehr sein dürften. Die Frage lautet deshalb: Warum konzentriert sich die Debatte weiterhin vor allem auf Führungsstatistiken? Denn die eigentlichen Hebel liegen längst woanders.

Stellen wir uns einmal vor, dieselben Summen, die über Jahre in Studien, Kampagnen und Zählungen geflossen sind, wären in konkrete Projekte investiert worden. Betreuungsangebote für Journalistinnen und Journalisten mit Schichtdienst. Programme für Führung in Teilzeit. Mentoring für junge Redakteurinnen. Anreize für Männer, länger Elternzeit zu nehmen. Kooperationen mit Kitas, die auch Randzeiten abdecken. Das wären Maßnahmen, die direkt an den Ursachen ansetzen würden.

Stattdessen diskutiert die Branche oft über Symptome. Dabei zeigen gerade die öffentlich-rechtlichen Sender, dass strukturelle Veränderungen wichtiger sein können als jede Quote. ARD und ZDF verfügen über Tarifverträge, flexible Arbeitszeitmodelle und vergleichsweise stabile Beschäftigungsverhältnisse. Trotzdem kämpfen auch sie mit denselben Fragen. Wer übernimmt die Familienarbeit? Wer reduziert die Arbeitszeit? Wer steckt beruflich zurück? Die Antworten darauf entstehen nicht in den Rundfunkräten. Ähnliches gilt für die privaten Sender. ProSiebenSat.1 oder RTL können Frauen fördern, Programme auflegen und Karrieren begleiten. Sie können aber nicht lösen, dass noch immer überwiegend Frauen ihre Arbeitszeit reduzieren, wenn Kinder kommen. Sie können nicht verhindern, dass Karrierewege häufig genau in jene Lebensphase fallen, in der Familien gegründet werden.

Genau deshalb wirkt die Debatte manchmal erstaunlich klein gedacht. Während die Medienbranche über Machtanteile diskutiert, geht es in Wahrheit um eine viel größere gesellschaftliche Frage: Wie organisieren wir Arbeit und Familie in einer Welt, in der beide Elternteile beruflich erfolgreich sein wollen? Die Antwort darauf wird nicht in einer weiteren Tabelle stehen.

Das schmälert die Verdienste von Pro Quote nicht. Im Gegenteil. Der Verein hat ein reales Problem sichtbar gemacht und viele Medienhäuser unter Druck gesetzt. Wahrscheinlich gäbe es ohne diese Debatte heute weniger Chefredakteurinnen, weniger Ressortleiterinnen und weniger Programmverantwortliche. Doch irgendwann muss jede Bewegung entscheiden, ob sie weiter dokumentieren oder anfangen will, die nächsten Probleme zu lösen. Genau an diesem Punkt scheint Pro Quote angekommen zu sein.

Die spannende Frage des Jahres 2026 lautet nicht mehr, wie viele Frauen in deutschen Medien führen. Die spannende Frage lautet, warum viele Frauen trotz besserer Chancen noch immer vor denselben Hürden stehen wie vor zehn Jahren. Die Antwort findet man nicht im Impressum einer Zeitung, nicht in der Geschäftsführung eines Fernsehsenders und auch nicht in einer weiteren Rangliste. Man findet sie in Kitas, Schulen, Familienmodellen und Arbeitszeiten.

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