#Die Republik als Kulisse

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„Die Republik als Kulisse“

Am Anfang schaut der Besucher den Totengräbern der römischen Republik in die marmorkalten Augen: Aneinandergereiht stehen die Köpfe von Pompejus, Caesar und Crassus, den Triumvirn, deren Machtkämpfe die morsch gewordene Res publica endgültig zertrümmerten. Neben ihnen, fast doppelt so groß, die Büste Ciceros – ruhmreicher Rhetor und gescheiterter Politiker –, den seine Treue zur alten Staatsform wie Tausende andere das Leben kostete. Als man dem Leichnam des Ermordeten Kopf und Hände abschnitt, um sie auf der Rednertribüne des Forum Romanum auszustellen, hatte der Siegeszug eines schwächlich wirkenden Jünglings namens Octavian bereits begonnen. Aus ihm wurde Augustus, der erste und berühmteste in der Reihe der römischen Kaiser.

Der Kunst seines Zeitalters widmet das Hamburger Bucerius-Forum von heute an eine hervorragende Ausstellung mit 220 Exponaten aus italienischen, französischen, deutschen und österreichischen Museen. Die Möglichkeit, so viele exquisite Stücke aus dieser Epoche an einem Ort versammelt zu sehen, dürfte so schnell nicht wiederkehren. Die Skulpturen, Wandgemälde, Reliefs, Münzen und Keramiken vergegenwärtigen ein Zeitalter, das schon von den Zeitgenossen als „goldenes“ wahrgenommen wurde, während die Blutspur seines Beginns im kollektiven Bewusstsein bald verblasste. Der Propagandabedarf des Kaiserhofs, die Prosperität einer endlich befriedeten Ge-sellschaft, aber auch neue Materialquellen wie die gerade erschlossenen Marmorbrüche von Carrara setzten einen beispiellosen Bilder- und Bauboom in Gang.

Das Relief aus Palestrina zeigt eine Löwin mit Jungen.


Das Relief aus Palestrina zeigt eine Löwin mit Jungen.
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Bild: KHM-Museumsverband

Welche Formen er annahm, schildert die Ausstellung, kuratiert von Annette Haug und Andreas Hoffmann, in mehreren Abschnitten, die den kaiserlichen Personenkult und die visualisierten Narrative seiner Herrschaft, die bauliche Umgestaltung Roms, die Bebilderung von Kultbauten und Altären und die Rolle der Kunst im Privaten thematisieren.

Augustus behielt die Republik als Kulisse bei, um die Anhänger der alten Freiheiten über den realen Verlust ihrer politischen Partizipationsmöglichkeiten hinwegzutrösten. Die vielen Rollen, in der er sich und seine Alleinherrschaft auf dieser Bühne inszenierte, zeigt die Ausstellung, indem sie den Besucher durch ein Spalier aus Statuen und Büsten spazieren lässt. Der Kontrast, den der weiße Marmor vor dem anthrazitfarbenen Hintergrund bildet, ist allerdings ein moderner Effekt. In der Antike waren Teile der Statuen bekanntlich bemalt, während man andere Partien weiß ließ, um den Marmor zur Geltung zu bringen.

Die Skulpturen präsentieren Augustus durch Mimik und Frisur, Kopfhaltung, Pose und Kleidung je nach strategischem Ziel als ersten Bürger Roms, als militärischen Triumphator, als Friedensfürsten, Beinahe-Gott oder vergeistigten Philosophen. Waren Porträts in den Zeiten der Republik meist Unikate, sorgte jetzt eine entstehende Kopistenindustrie für die tausendfache Vervielfältigung der kaiserlichen Bildnisse. Verstärkt wurde die Allgegenwart des Herrschers noch durch die mit seinem Bild geprägten Münzen, von denen die Ausstellung eine große Auswahl präsentiert. Sorgfältig gestaltet wurde auch das Image der Kaiserin Livia. Um ihre als anrüchig empfundenen Eheschließung mit Octavian zu entskandalisieren, porträtierte man sie als betont biedere Matrona. Nach dem Tod ihres Mannes stieg sie zur verbildlichten Gottheit auf, die die Legitimität der Dynastie verbürgte.

Der Aureus des Augustus wurde um das Jahr 19 v. Chr. geprägt.


Der Aureus des Augustus wurde um das Jahr 19 v. Chr. geprägt.
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Bild: Staatliche Museen zu Berlin

Eindrücklich demonstriert die Ausstellung, wie die kaiserliche Bildpolitik die Gestaltung des öffentlichen Raums bestimmte – von der „Marmorisierung“ Roms bis zur Ausstattung der Tempel und Altäre. Doch der Bilderboom des augusteischen Zeitalters war nicht nur das Ergebnis einer politischen Instrumentalisierung der Kunst. Das zeigen die farbenfrohen Wandgemälde, Statuetten, Reliefs, Keramiken und reich dekorierten Brunnen aus den Häusern und Gärten der Reichen. Das Gros dieser Bilder thematisierte die sinnenfrohe Welt von Bacchus und Venus. Augusteische Staatskunst spielte hier keine große Rolle – und wenn, dann mitunter als Parodie. Das zeigt die Ausstellung am Beispiel eines pompejanischen Freskos, das Aeneas und seinen Sohn als hundsköpfige Affen auf der Flucht aus Troja abbilden – die Karikierten waren keine Geringeren als die mythischen Gründer Roms, die zudem von Augustus als Urahnen seines Geschlechts beansprucht und am neu errichteten Augus­tusforum durch Statuen geehrt wurden.

Oft lässt sich nicht klar sagen, wo in dieser Epoche die Grenze zwischen politischer und unpolitischer Kunst verläuft. So ist es auch bei drei filigran gearbeiteten Brunnenreliefs aus Palestrina, die zu den Glanzlichtern der Ausstellung gehören: Sie zeigen ein Schaf, eine Wildsau und eine Löwin beim Säugen ihrer Jungen. Ob die Auftraggeber, Schöpfer und Betrachter diese Darstellungen als symbolischen Ausdruck der segensreichen Herrschaft des Princeps sahen oder sich nur an den bukolischen Motiven und ihrer meisterhaften Ausführung erfreuten, ist nicht zu entscheiden. Für sie wie für viele andere Exponate dieser Ausstellung gilt: Wenn es Staatskunst war, dann jedenfalls von einer bedeutend erfreulicheren Art als das, was spätere Zeiten in diesem Genre hervorgebracht haben.

Die neuen Bilder des Augustus. Macht und Medien im antiken Rom. Bucerius-Forum Hamburg, bis 15. Januar 2023. Der Katalog kostet 39,90 Euro.

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