#Die Tür steht immer offen

Die Tür steht immer offen

Zu Hause ist es nicht immer am schönsten, so viel Ehrlichkeit muss sein. Wäschekörbe im Schlafzimmer und Papierhäufchen im Büro wollen nie ganz verschwinden. Sie stören das Wohnglück, genau wie die Fliesen, die der Vermieter vor 30 Jahren ausgesucht hat, und ein Kontostand, der die Vorliebe für Designklassiker nicht unterstützt. Und doch war das Zuhause, mit all seinen Unzulänglichkeiten, lange nicht so wichtig wie jetzt: Unser Bewegungsradius verkleinert sich wieder, Reisen sind abgesagt, bei Freunden an der Haustür klingeln, um wenigstens mal Zeit in einem anderen Wohnzimmer zu verbringen, fällt aus.

Anna-Lena Niemann

Ob den Hausherren der Villa Cardo solche Nöte fremd sind? Zumindest lässt sich die neue Einsamkeit in einem Haus wie diesem und in der apulischen Landschaft Italiens wohl ganz anders erleben. Die kleinen Banalitäten und großen Sorgen des Alltags machen im Angesicht dieser weißen, fast bescheiden wirkenden Villa einfach kehrt. Es ist ein Haus mit klaren kubischen Formen, durchbrochen von Torbögen und gewölbten Decken, und einer Farbpalette, die sich neben dem Weiß der Mauern auf Puder- und helle Erdtöne beschränkt. An ausgewählten Stellen öffnen bodentiefe Fenster und Glastüren den Raum in den Garten, wo Olivenbäume und Feigenkakteen wachsen und Pool und Freiluftküche unter azurblauem Himmel warten. So kann zeitgenössisches Wohnen aussehen.

Zugleich hat sich Architekt Andrew Trotter bei traditionellen Baustoffen bedient. Das moderne Haus wirkt dadurch nicht wie ein Fremdkörper im ländlichen Apulien. Weiß getünchte Ziegel, Natursteinboden im Haus, Flachdach, Holz und Leinen prägen das reduzierte Mobiliar. Ein „Zufluchtsort“, wie geschaffen für Tage der Isolation.

Die Villa Cardo fügt sich in strahlendem Weiß und sanftem Puder in die apulische Landschaft ein.



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Herausragende Wohnarchitektur
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Die Tür steht immer offen

Dass nicht nur seine Besitzer um ihn wissen, ist wiederum Andrew Trotter selbst zu verdanken. Der Architekt und Designer ist ein Anhänger des offenen Hauses. Trotter und Designerin Mariluz Vidal veröffentlichen seit sieben Jahren das Magazin „Openhouse“, für das sie immer wieder Designer, Architekten und Kreative überzeugen, die Tür zu ihren Wohnzimmern zu öffnen. So etwas wie die erlesene Auswahl daraus haben die beiden nun in Zusammenarbeit mit dem Gestalten Verlag in einen Bildband gegossen. Wer ihn aufschlägt, kann wenigstens im übertragenen Sinn an fremde Türen klopfen. Ganz der Wohnarchitektur gewidmet, bietet „Living In“ in englischer Sprache Einblick in 30 Häuser weltweit, die, wie die Autoren schreiben, authentisch und ihrer Umgebung eng verbunden sind, subtile Harmonie bieten und sich durch herausragende Architektur auszeichnen.

Der Band gliedert sich in vier Kapitel, die den vier hier formulierten Grundpfeilern entsprechen sollen, die gute Architektur ausmachten: Natur, Tradition, Persönlichkeit und Gemeinschaft. Neben Trotters eigenem Entwurf der italienischen Villa Cardo finden sich so bekannte wie unterschiedliche Objekte in der Auswahl. Die Villa Tugendhat ist als Bauhaus-Ikone aus Stahl und Onyxmarmor ebenso vertreten wie das flache Abiquiú House aus rotem Lehm. In der amerikanischen Wüste New Mexikos hatte es Malerin Georgia O’Keeffe einst zu ihrem Zuhause und Studio gemacht.

Dem an die Seite gestellt werden Wohnhäuser wie das chilenische „Casa Poli“, ein Betonwürfel, dessen Außenhaut von Wind und Meer gezeichnet ist. Der Bau duckt sich, fast schon fragil wirkend, in eine Klippe direkt am Pazifik. Die Holzplanken, die der Betonfassade ihre Form gegeben haben, verkleiden weiß getüncht nun die Innenräume. Zudem haben die Architekten auf eine Doppelwandstruktur gesetzt, in die Küche, Dusche und Schränke integriert sind. Doch am Ende mag man die Eigentümergemeinschaft aus vier Künstlern vor allem um den Blick durch die riesigen quadratischen Fenster aufs offene Meer beneiden. Weit und breit kein Mensch. So schön kann Einsamkeit zu Hause sein.

Living In. Modern Masterpieces of Residential Architecture. Herausgegeben von Openhouse und Gestalten, Berlin 2020.

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