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„Die Welt kam mir abhanden“
Welcher klassische Musikliebhaber kennt nicht Gustav Mahlers Vertonung „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ von Friedrich Rückert? Den kleinen, aber gravierenden Unterschied bei der Formulierung des Titels werden Sie gleich bemerkt haben. Am Ende der Strophe heißt es schließlich „Ich leb’ allein in meinem Himmel, in meinem Lied“ – wie erschreckend zutreffend für unser momentanes Dasein! Eine derartige Entrückung kann uns Chorleitern und Chorsängern für einen absehbaren Zeitraum als Entlastung von Proben und Konzerten willkommen sein, aber nur wenn sie den Charakter einer kreativen Pause hat.
Allzu lange tut uns – für unser Singen so Begeisterte – das Ruh’n und Alleinsein „im Lied“ aus diversen Gründen nicht gut, besonders wenn dahinter eine Verordnung steckt. Ist mir, ist uns die Welt abhandengekommen?
Die Singgemeinschaft, das Zusammen-Üben, dieses Eins-Werden im Klang, in der Gruppe wie ein Instrument zu klingen und schließlich das Erlebnis und Hochgefühl eines Konzerts, dieses immer wiederkehrende Procedere im Hinfiebern auf eine Aufführung: das ist für uns notwendiges Lebenselixier. Nach Martin Luther wird Musik ja auch „als beste Gottesgabe eingestuft, als bester Trost für einen verstörten Menschen, auch wenn er nur ein wenig zu singen vermag. Und sie ist eine Lehrmeisterin, die Leute gelinder, sanftmütiger und vernünftiger macht.“ Man denke nur an die großartigen Choräle von Johann Sebastian Bach und welche Lebenskraft und Energie aus dem gemeinsamen Singen dabei gewonnen werden.
Seit langem wissen wir über die medizinisch nachgewiesenen gesundheitlichen Vorteile des Singens. Trotzdem müssen wir durch den gegenwärtigen viralen Angriff nun eine ungewisse und vielleicht sogar größere Pause akzeptieren. Mit Klimaanlagen, Luftsaugern, offenen Fenstern, polartauglicher Winterausrüstung, einem nahezu vollkommenen Verzicht auf Konsonanten (Superspreader) und schließlich dem Singen mit Maske haben wir uns in Zeiten des Berichts geringerer Fallzahlen durch das Robert-Koch-Institut im Spätsommer und Herbst auf eine Art Überbrückungskurs eingerichtet.
Dieser wirkt im Vergleich zur gewohnten Chorprobe jedoch wie eine seltsam dürftige und provisorisch eingerichtete Notstation – leider oft auch mit ebensolchem Klangergebnis. In der Probe durfte ja immer nur ein Teil des Chores mitwirken, und die Abstände der Sänger mussten so groß sein, dass ein Aerosol-Kontakt – damit verbunden leider auch Klangkontakt – vermieden wurde.
Singen ist eine Muskelleistung
Und in der Rückschau auf diesen „Corona-Proben-Modus“ war vieles anders als zuvor, weil sich Chorarbeit und Chorsingen plötzlich ganz anders anfühlten. Singen ist erst mal „nur“ eine Muskelleistung, aber in hohem Maße von den entsprechenden Rahmenbedingungen des vegetativen Nervensystems abhängig. Stimmung und Stimme, Atmosphäre und Klangdifferenzierung, Freude und Resonanz, Angst und zugeschnürte Kehle sind immer Paare und Partner. Die Gestaltung einer humorvollen zuversichtlichen Probenarbeit wurde zu einer immer schwierigeren Aufgabe. Ängstlichkeit, Vorsicht und Bedenken schwebten demotivierend im zugig-kalten Probenraum. Im Verlauf des Herbstes deckelte schließlich das Singen mit Maske die Kommunikationsenergie auf vielen Ebenen um ein weiteres zu. Ein freies Singen und ebensolches Klingen waren zum Schluss der herbstlichen Probensequenz nur sehr eingeschränkt möglich.
Die Chorsänger haben sich in dieser Ausnahmesituation sehr vorsichtig und solidarisch vorbildlich verhalten, und auf ihr Konto ist eine neuerliche Häufung der Fallzahlen sicher nur wenig zurückzuführen. Die Sänger waren sich nicht nur ihres besonderen Ansteckungsrisikos, sondern vor allem des hohen Werts ihres Tuns bewusst. Und der zu befürchtende Verlust steigerte diesen Wert erheblich und damit die verantwortliche Vorsicht.
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