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Nach dem dualen BWL-Bachelor und zwei Jahren Vollzeitarbeit hatte Lena John einen klaren Plan: einen Master in IT-Management. Was sie unterschätzte, war nicht der Stoff – sondern das System. Denn ihre Zulassung hing nicht am Abschluss, sondern an einzelnen Credits, deren Anforderungen sich von Hochschulstadt zu Hochschulstadt drastisch unterschieden. Bis sie ihren Platz hatte, bewarb sie sich in mehreren Städten, sammelte Credits und investierte deutlich mehr Zeit als geplant.
John ist damit nicht allein. Viele Studierende wechseln nach dem Bachelor das Fachgebiet: aus Interesse, aus Kalkül, manchmal weil der erste Studiengang nicht passte. Wer den Wechsel nicht ausreichend vorbereitet, riskiert Absagen, monatelange Nachholarbeit und einen Aufwand, den offizielle Studiengangsbeschreibungen kaum erwähnen. Das System lässt vieles zu, doch es erklärt sich nicht von selbst.
Keine einheitliche Definition
Wer sich durch Zulassungsordnungen verschiedener Masterprogramme klickt, stößt immer wieder auf ähnliche Begrifflichkeiten. Die Goethe-Universität Frankfurt verlangt für die Zulassung zum Master einen „verwandten oder vergleichbaren“ Bachelorstudiengang, die Universität Mannheim einen „als fachverwandt anerkannten Abschluss“, Bremen einen „fachlichen Zusammenhang“. Alle meinen offenbar dasselbe, doch was das konkret heißt, bleibt meist offen.
Eine bundeseinheitliche Definition gibt es nicht. Die Landeshochschulgesetze geben den Hochschulen das Recht, Zugangsvoraussetzungen selbst zu bestimmen, wobei sich die rechtlichen Vorgaben im Sinne der Hochschulen auf allgemeine Rahmenbedingungen beschränken. Was das im Einzelfall bedeutet, entscheidet die jeweilige Zulassungskommission.
An der Humboldt-Universität zu Berlin zeigt sich das besonders klar. Für den Master Philosophie sind zum Beispiel mindestens sechzig Leistungspunkte in Philosophie gefordert, gleichgültig, wie der Bachelor heißt, aus dem sie stammen. „Die Erfüllung der Zugangsvoraussetzungen ist zwingend erforderlich, um für das fachliche Profil des Masters eine gute Studieneignung nachzuweisen. Das richtet sich nach dem Curriculum des Masterstudiengangs“, erklärt Studienabteilungsleiter Steffan Baron.
Fachleute entscheiden
Die Universität zu Köln rechnet im Kern genauso. An der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät zählt nicht der Titel des Abschlusses, sondern ob die fachlichen Zugangskriterien durch Module und Credits in ausreichendem Umfang belegt sind. Der Unterschied liegt weniger im Prinzip als in der Frage, wer im Grenzfall entscheidet. Laut Torsten Preuß, Leiter des Studierendensekretariats an der Universität zu Köln, trifft diese Entscheidung nicht die Universität zentral, sondern in der Regel der jeweilige Masterzulassungsausschuss des Studiengangs.
Dort legen Fachleute aus dem jeweiligen Fach fest, was als ausreichende Vorbildung gilt. Wo die eine Fakultät bestimmte Bachelor-Module zwingend verlangt, lässt die andere einen Teil der Punkte aus Zweitstudiengängen oder Auslandssemestern zu, bei bestimmten Programmen kann sogar Berufserfahrung einfließen.
Daraus folgt die eigentliche Tücke. Wer mit einem VWL-Bachelor einen Master in Politikwissenschaft anstrebt, kann an einer Universität zugelassen und an der nächsten abgelehnt werden, ohne ein Wort an der Bewerbung geändert zu haben. Nicht, weil die eine auf Namen schaut und die andere auf Punkte, sondern weil beide unterschiedliche Schwellen ansetzen und einzelne Module anders gewichten.
Woran Bewerbungen scheitern
Lena John erlebte diese Logik und ihre Grenzen bei ihrer Bewerbung für einen Wirtschaftsinformatik-Master in Berlin. In Hamburg hatte sie Wirtschafts-Credits gemacht und Informatik-Credits nachgeholt. Was fehlte: Wirtschaftsinformatik-Credits. Ein Kombinationsfach, das sie nie belegt hatte. Daran scheiterte die Bewerbung. „Das war absurd“, sagt John. „Ich hatte beides – aber nicht die Kombination.“
Die Universität Hamburg machte es anders. Sie schaute sich Johns Unterlagen an, rechnete Credits an und sagte klar: Mach noch ein halbes Jahr Bachelor-Informatik hier, dann kannst du wechseln. „Das war das Klarste, was mir je jemand gesagt hat“, erinnert sie sich. Sie absolvierte die Kurse, mehr als nötig, weil die Corona-Pandemie ihr Zeit ließ, und startete in den Master.
Die Humboldt-Universität bietet inzwischen einen Online-Studiengangsfinder an, der Interessierten vor der Bewerbung zeigt, welche Voraussetzungen sie erfüllen müssen. Standard ist das nicht. An den meisten Universitäten erfährt man erst im Bewerbungsprozess, ob man die Kriterien erfüllt. Also nachdem man Stunden in ein Motivationsschreiben gesteckt, bestimmte Module gewählt oder sich ein Leben in der Traumstadt ausgemalt hat.
Der Mehraufwand als zweite Hürde
Wer die Zugangshürde meistert, steht vor der nächsten, dem Mehraufwand. Denn wer mit fachfremdem Hintergrund zugelassen wird, bekommt häufig Auflagen, nämlich Sprachzertifikate, Statistik- oder Methodenkenntnisse, einzelne Bachelor-Module nachzuliefern, die noch fehlen.
Dabei gilt nicht überall dieselbe Regel. Manche Universitäten wie die Humboldt-Universität verlangen, dass fehlende Voraussetzungen vor dem Studienstart vollständig nachgewiesen sind. Andernorts kann man den Master trotz Auflagen beginnen. Die fehlenden Leistungen müssen dann innerhalb eines Zeitfensters nachgewiesen werden. An der Universität Stuttgart etwa sind bestimmte Bachelor-Prüfungen „bis zur Anmeldung der Masterarbeit“ nachzuholen. An der Ruhr-Universität Bochum kann eine Anerkennung mit Auflagen verbunden sein; die genaue Ausgestaltung entscheidet das zuständige Prüfungsamt.
Die zweite Dimension ist die informelle. Sie betrifft, was Studierende selbst nacharbeiten müssen, weil ihr Vorstudium andere Schwerpunkte hatte. Diese Lücken schließt niemand automatisch. Sie füllen sich neben dem laufenden Studium, in Eigenregie, ohne Anrechnung, ohne dass es jemand einfordert. Wie viel Aufwand das ist, ist individuell unterschiedlich.
Nicht schlechter, aber anders
Sind fachfremde Studierende ihren Mitstudierenden deshalb unterlegen? Steffan Baron in Berlin verneint das. „Wer diese Leistungspunkte in dem entsprechenden Fach mitbringt, der hat auch die notwendige Qualifikation. Die sind nicht schlechter gestellt.“ Die Mindestanforderungen der Zulassung sichern Studieneignung, nicht mehr, nicht weniger. Ein BWL-Student mit sechzig Leistungspunkten in Philosophie sei für einen Philosophie-Master so gut qualifiziert wie jemand mit doppelt so vielen Punkten aus dem Kernfach.
Lena John erlebte das im Studium selbst. Ihre Studienfreunde in Hamburg hatten Informatik-Bachelors oder BWL-Bachelors wie sie. In den Wirtschaftsfächern hatte sie klare Vorteile, in den Informatikfächern die anderen. „Das hat sich irgendwie ausgeglichen“, sagt sie.
Früh fragen, realistisch planen
Wer einen fachfremden Master anstrebt, sollte die Planung früh beginnen. Nicht nach der Bewerbung, sondern während des Bachelors. Wer noch Wahlmodule belegen kann, prüft, ob sich damit Zugangsvoraussetzungen des angestrebten Masterprogramms erfüllen lassen. Was im Studienplan wie eine Ergänzung aussieht, kann später über die Zulassung entscheiden.
Wer sichergehen will, wendet sich direkt an die Fachstudienberatung des jeweiligen Masterprogramms, an die Personen, die Zulassungsentscheidungen treffen. Wer unsicher ist, ob sein Studiengang als fachverwandt gilt, fragt vor der Bewerbung und nicht danach. Auf eine Antwort warten ist unangenehm. Auf eine Absage zu warten, nachdem man alles eingereicht hat, ist es noch mehr.
Lena John würde heute manches anders machen. Rückblickend hätte sie das europäische Ausland stärker in Betracht gezogen. Die Anforderungen sind dort oft niedriger, die Masterprogramme kürzer. Und sie würde sich vielleicht für einen rein technischen Master entscheiden. Aus den BWL-Modulen nahm sie weniger mit als erwartet.
Aber sie bereut den Weg nicht. Im Tech-Bereich, sagt sie, zähle es, wenn man sagen kann: „Ich habe das auch studiert.“ Nicht nur als Abschluss, sondern als Erfahrung, die im Arbeitsalltag sichtbar wird.
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