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#Dieses Schwein ist entzückend!

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Dieses Schwein ist entzückend!

Die gute Nachricht vorneweg: es gibt eine Pause! Die weniger überraschende Ergänzung: Danach geht es auch in dieser Inszenierung durch Frank Castorf unerschüttert weiter, wie zuvor. Immerhin, für diese „Österreichische Erstaufführung“ des Textes „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ von Elfriede Jelinek im Wiener Akademietheater wird die angekündigte Dauer von dreieinhalb Stunden (plus Pause, also knapp unter vier Stunden Theaterverweildauer) ziemlich brav eingehalten. Von der wie immer herzerfrischend kalauernden Vorlage der Nobelpreisträgerin verwendet Frank Castorf grob geschätzt ein Drittel und fügt scheinbar Beliebiges hinzu, doch das vermag auch nur diejenigen zu erschrecken, die noch nie eine Castorf-Produktion gesehen haben. Also alles wie gehabt? Ja und nein! Das wie so oft üppige Bühnenbild, entworfen von Aleksandar Denić, dominiert ein unübersehbarer Riesenmetallschädel, bei dem man rätseln darf, ob er eher dem Mann mit der eisernen Maske oder einem griechisch-trojanischen Abbild nachempfunden ist. Innen jedenfalls ist er mit der ehemaligen königlich-französischen Heraldik – goldene Lilien auf blauem Grund – austapeziert. Außerdem verkünden Neonleuchtschriften mehr oder weniger Wissenswertes. Am Hinterscheitel wird dauernde Begehbarkeit versprochen – „OPEN 24/7“ –, und die Stirn umkreist das Dumas-Motto der Musketiere: „Un pour tous – Tous pour un“.

Also haben wir es wohl doch eher mit dem Eisenmaskenmann zu tun. Auf der anderen Bühnenseite finden sich ein mächtiger Holzlattenzaun mit einer Aufschrift, gleichfalls in französischer Sprache, die Versammlungen wegen der „neuen Welle“ („nouvelle vague“ – vermutlich auch als Insiderwitzchen für filmhistorisch Interessierte gedacht) untersagt, sowie ein Geldautomat und Heuballen. Heu oder Stroh ist übrigens auf der ganzen Bühne verteilt. Im Hintergrund aber ist noch ein Treppenabgang zu erahnen, der zur die Unterbühne führt. Dort, wie man dann immer wieder auf der Leinwand sehen kann, wenn diese zwecks Videozuspielungen sich vom Bühnenhimmel vor den Zaun senkt, ist eine Gefängniszelle aufgebaut.

Gibt es auch eine Handlung? Nun, das wäre fast zu viel verlangt. Man darf jedoch vermuten, dass sich Frank Castorf von einigen Passagen in Jelineks Text dazu inspirieren hat lassen, seinem Publikum zu erklären, nein zu erzählen, nein, vielmehr zeigen zu lassen, dass der Mensch unweigerlich zum Schwein wird. Und das darf das sechsköpfige Schauspielensemble, diesmal nur Mitglieder des Burgtheaters, nämlich Mehmet Ateşçi, Marcel Heuperman, Dörte Lyssewski (sie ist bisweilen als Elfriede Jelinek zu erkennen), Branko Samarovski, Marie-Luise Stockinger und Andrea Wenzl, körperlich und textlich extrem gefordert, nun ausbaden. So rezitieren, wahlweise auch: brüllen sie, fast dauernd in neuer, selten zum Text passender, wenn auch aufwendiger Verkleidung (Kostüme: Adriana Brag Peretzki) neben fröhlich-kritischem Unfug aus der Feder der Literaturnobelpreisträgerin über österreichische Innenpolitik und diverse Schattierungen der Corona-Wahrheiten und Virus-Verschwörungsmythen unangemessen viel aus der Odyssee, konsequenterweise aus dem Kirke-Gesang, wo es ja um die Verwandlung von Odysseus’ Männern in Schweine geht.

Zum Glück für das Tier

Mehr Homer geht kaum. Daniel Defoes „Die Pest in London“ (der gute Herr Defoe konnte freilich von Viren noch nichts wissen, Pest passt aber immer!) und die nicht ganz so bekannte Erzählung von Auguste Villiers d’Isle Adam „Die Marter der Hoffnung“ über die psychischen und körperlichen Formen der Folter durch die spanische Inquisition (hätte hier auch niemand erwartet, aber dafür das Verlies im Untergrund!) kommen gleichfalls nicht zu kurz. Die übrigen eingebauten Textbrocken lohnt es sich kaum, aufzuzählen. Nicht zu vergessen allerdings der Kurzauftritt eines entzückenden Schweins namens Edmund. Zum Glück für das Tier erscheint es nur wenige Minuten im abgedunkelten Hintergrund, darf ein bisserl grunzen und ist dann wieder weg. Wollen wir hoffen, dass das arme Schwein wirklich nicht zu Schaden kommt.

Nach der Pause wird es dann richtig wild, man leert Bierkrüge, Wodkaflaschen und Beatmungsgeräte, geht mit einem Riesenhammer aufeinander los, plündert den Geldautomaten, und endlich scheinen die meisten zu Borstenvieh („Bist Du auch überall enthaart?“, wollen sie voneinander wissen) geworden. Letzter Akt: der diesmalige Castorf’sche Beitrag zur Klassenkampftheorie. Warum die Schweine das Proletariat verkörpern, und, nein, nicht ersetzen, sondern ergänzen, brüllt Marcel Heuperman bis zum Ende laut heraus. Na bitte, wäre das jetzt auch klargestellt. Und vielleicht dennoch nicht ganz unrichtig, jedenfalls am Ende ein neuerlicher Schlag ins Gesicht des globalisierten Kapitalismus. Verehrer von Frank Castorf können sich über einen diesmal nicht extrem überlangen Streich ihres Meisters freuen.

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