„Du brauchst manchmal ein paar Draufgängerinnen“

„Du brauchst manchmal ein paar Draufgängerinnen“

Inhaltsverzeichnis

Kim Kulig, welche Erwartungen verbinden Sie mit der Frauen-Europameisterschaft in der Schweiz?

Erst mal freue ich mich, dass sie hier stattfindet. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass so ein Turnier in dem Land, in dem man lebt, besondere Emotionen freisetzt. Ich habe es damals in Deutschland mit der WM 2011 erlebt. Ich denke, es wird ein cooles Event, und bin gespannt, ob man eine ähnliche Atmosphäre wie bei der letzten EM 2021 in England erreichen kann.

Wie schätzen Sie die Chancen des Schweizer Teams ein, das an diesem Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Frauenfußball-EM, in der ARD und bei DAZN) gegen Norwegen sein Eröffnungsspiel bestreiten wird?

Es ist schwer vorauszusehen, was passieren wird, da viele Nationen gut gearbeitet haben und alle Teams näher zusammengerückt sind. Aber ich glaube, dass sie den Heimvorteil nutzen können. Mit Pia Sundhage haben sie eine sehr erfahrene Trainerin, die viel gesehen und erlebt hat und genau weiß, worauf es ankommt. Die Schweizer Vorrundengruppe (die Gegner heißen Finnland, Island und Norwegen, d. Red.) ist machbar. Das Wichtigste wird aber sein: nicht zu weit vorauszudenken und erst mal die Premiere vor ausverkauftem Haus erfolgreich zu bestreiten. Wenn da ein Sieg herausspringt, lässt sich für den weiteren Verlauf Fahrt aufnehmen.

Ende vorigen Jahres unterlag das Schweizer Team 0:6 gegen Deutschland – ist dieses Resultat, das einem Denkzettel gleichkam, noch präsent?

Ja, sicherlich. Ich hatte zuletzt das Gefühl, dass Pia Sundhage deswegen sehr viel ausgetestet hat. So hat sie einige junge Spielerinnen, die bis dahin gar nicht so auf dem Radar waren, hinzugenommen. In der Endphase der Vorbereitung wurde weiter an den Abläufen gearbeitet. Man muss klar sagen: Viele Tore haben sie zuletzt nicht geschossen, das ist ein Punkt, in dem sie sich steigern müssen.

Die DFB-Frauen haben den EM-Titel im Visier.
DFB-Frauen bei der EMAuf diese 23 Spielerinnen setzt Christian Wück

Wie bewerten Sie als ehemalige deutsche Nationalspielerin den Formzustand der DFB-Auswahl?

Deutschland gehört zum Favoritenkreis. Sie haben einen großen Umbruch vollzogen. Persönlichkeiten, die die vergangenen Jahre geprägt haben, sind dagegen nicht mehr dabei. Ich bin gespannt, wer nun die Achse bei ihnen bildet, die das Zepter in die Hand nimmt. Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich die neuen Spielerinnen jetzt auf internationalem Niveau etablieren. Die Voraussetzungen für Bundestrainer Christian Wück sind top, weil er viele junge Mädels in seinem Kader hat, die enormes Talent mitbringen.

Sie wurden mit dem FC Basel in der Meisterschaft durch das verpasste Play-off-Finale zuletzt Dritter. Über die Entwicklung der Schweizer Liga haben Sie sich positiv geäußert, gleichzeitig aber noch mehr Engagement von Vereinen und Verbänden angemahnt. Wie schwierig ist Ihr Fußball-Alltag wirklich?

Ich bin sowohl als Mensch als auch als Trainerin bodenständig, habe aber hohe Ansprüche. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich als Spielerin ein Topniveau erreicht habe und genau weiß, wo man ansetzen muss, um weiterzukommen. Die Strukturen hier sind professioneller geworden, das stimmt. Dafür bin ich dankbar. Gleichzeitig erkenne ich aber auch, was wir alles noch nicht erreicht haben – da stecke ich viel Energie rein. Mir ist wichtig, dass wir bessere Rahmenbedingungen schaffen – nicht nur bei uns im Elitebereich, sondern auch im Nachwuchs. Wir sollten uns nicht mit weniger, als möglich wäre, zufriedengeben.

DSGVO Platzhalter

Sie haben kritisiert, dass die Schweizer Liga eher eine Ausbildungsplattform sei – was müsste passieren, damit daraus ein echter Profibetrieb wird?

Diese Beschreibung passt ja nicht nur zu der Schweizer Super League der Frauen, sondern auch der Männer. Hier wird ausgebildet, um dann alle Spieler und Spielerinnen in die große weite Fußballwelt zu schicken. Ich glaube aber, wir haben in der Frauenliga das Potential, dass wir uns nicht darauf reduzieren müssen. Denn dies wäre nicht förderlich für die weitere Professionalisierung. Ein Stehenbleiben dürfen wir uns nicht leisten. Man kann natürlich trotzdem die jungen Talente aus der Schweiz und dem nahen Ausland integrieren und sie an eine oberste Liga heranführen. Der Fußball der Frauen hat hierzulande aber definitiv ein wesentlich größeres Potential, als es aktuell den Anschein hat.

Wird die EM daran etwas ändern?

Sie kann auf jeden Fall ein Türöffner sein, ich hoffe, dass der Verband sie gut nutzt. Wir müssen aber auch im Nachgang alle richtig fleißig sein, denn nichts passiert automatisch. Das beste Beispiel ist für mich die ungenügende mediale Präsenz der Frauen-Spiele in der Schweiz: Ich habe noch Familie in Deutschland, und wenn sie unsere Partien gucken will, ist es superschwierig. Wenn man rausgefunden hat, wo man es schauen kann, reißt der Stream manchmal ab, weil die Übertragungstechnik schlecht ist und nur wenige Übertragungen haben einen Kommentar. Somit ist die Außendarstellung der gesamten Liga insgesamt noch nicht gut genug, und wir können uns auf Dauer nicht als konkurrenzfähig präsentieren. Insgesamt ist uns die deutsche Liga unter professionellen Gesichtspunkten weit voraus.

DSGVO Platzhalter

Sie haben selbst auf den Einfluss der Schweizer Nationaltrainerin Pia Sundhage verwiesen. Sie gilt als die profilierteste Expertin ihres Fachs. Was macht Sie aus?

Als Anfang 2024 bekannt wurde, dass sie die Schweizer Mannschaft übernimmt, habe ich sofort gedacht: Das ist mal eine Ansage! Ihre Verpflichtung zu einer Zeit, als auch in Deutschland die Nachfolge von Martina Voss-Tecklenburg geregelt wurde, war ein echter Coup. Sie ist eine Trainerin mit enormer Erfahrung und einer klaren Strategie. Ich kannte sie früher vor allem als gegnerische Trainerin der USA und habe mir damals bereits überlegt, was sie wohl auszeichnet. Ich kann es heute als Außenstehende immer noch nicht so recht einschätzen, aber aus vielen Erzählungen von meinen Spielerinnen habe ich den Eindruck gewonnen, dass sie ein sehr, sehr besonderer Mensch sein muss.

Sie ist in allen Lebenslagen supergelassen, sie bringt mit ihrer Routine nichts aus der Ruhe. Sie übt ihren Job mit kreativem Einfluss aus, sie singt sehr gerne, und Musik spielt für sie auch im Umgang mit dem Team eine große Rolle. Das finde ich interessant, für mich erscheint sie so ein bisschen wie eine verrückte Professorin – aber das meine ich absolut im positiven Sinne. Ich bin echt gespannt, wie sie mit der Schweiz diese EM gestaltet.

Sundhages Entscheidung, mit Nadine Angerer eine ehemalige deutsche Teamkollegin von Ihnen als Torwart-Coach in den eidgenössischen Trainerstab zu berufen, war eine gute Idee?

Absolut! Ich habe mit „Natze“ lange zusammengespielt und als junge Spielerin sehr profitieren können von ihr. Sie hat einen guten Draht zu den Menschen und weiß genau, wie sie die Dinge ansprechen muss. Sie war im deutschen Nationalteam extrem beliebt. Deswegen kann ich mir gut vorstellen, dass sie jetzt nicht nur die Schweizer Torhüterinnen happy macht, sondern positiven Einfluss auf die ganze Mannschaft nimmt. Mit ihr und Pia Sundhage ist bei den Schweizern jede Menge Gewinnermentalität vorhanden.

DSGVO Platzhalter

Wie intensiv verfolgen Sie die Entwicklung der DFB-Frauen – und worin liegt aus Ihrer Sicht der größte Unterschied zum Schweizer System?

Das ist eine spannende Frage. Und ich denke auch oft darüber nach. Hier in der Schweiz herrscht eine sehr harmonische Kultur. Ich merke es immer dann, wenn man die kleinen Kinder auf der Straße oder auf dem Fußballplatz trifft: Alle sehr höflich, alle sehr gut erzogen, zuvorkommend. Da denke ich manchmal: Krass, wie sind die hier bloß aufgewachsen, wer hat ihnen alles beigebracht . . .

. . . klingt doch durchaus angenehm.

Sehr. Hilft dir aber in einem Fußballteam nicht immer unbedingt weiter, wenn durch und durch Harmonie herrscht. Du brauchst manchmal auch ein paar Draufgängerinnen in deiner Mannschaft, und die sind im Schweizer Team auch durchaus vorhanden. Aus meiner Erfahrung als Spielerin war bei großen Turnieren die Siegermentalität stets wichtiger als das Bestreben nach permanenter Einträchtigkeit. Das hat große Erfolge ermöglicht.

Die Schweiz ist in der Vorbereitung einen eigenen Weg gegangen, mit insgesamt vier Wochen in vier Trainingslagern in vier Städten. Und einem großen Casting, bei dem am Ende von 35 nur die 23 von der UEFA für die EM zugelassenen Spielerinnen übrig blieben. Das deutsche Modell sah wesentlich kompakter aus. Was überzeugt Sie mehr?

Wenn ich mich zurückerinnere, als wir vor vierzehn Jahren die WM in Deutschland gespielt haben, da waren wir vorher auch so lang zusammen. Ich sehe heute durchaus Vorteile in einer kurzen, knackigen Vorbereitungszeit, nach der du auf den Punkt mit einer gewissen Frische parat sein kannst. Man darf nicht vergessen, dass die Spielerinnen heutzutage ein enormes Pensum an Partien haben, durch die es nicht einfach ist, immer wieder mental hungrig auf den nächsten Einsatz zu sein.

Eine lange Zusammenkunft kann den Nutzen mit sich bringen, dass du richtig was entwickeln kannst, ähnlich wie im Verein, und man mehr in Prozessen denkt und in das Mannschaftsgefüge viel Zeit investiert, um eine Einheit zu werden. Was dabei nicht passieren darf, dass die Luft zu früh raus ist – und man müde ist vom vielen Trainieren, bevor es richtig losgeht.

Auf welches Team würden Sie ein paar Schweizer Franken setzen, dass es am 27. Juli im Finale in Basel den Titel gewinnt?

Ich bin echt keine gute Tipperin (lacht). Es kommt sowieso oft anders, als man denkt, wegen eines Pfostenschusses oder einem Spiel, in dem die überlegene Mannschaft zehn Chancen hat, doch keine davon geht rein. Klar ist: Der Kreis der Favoriten ist dieses Mal sehr groß. Dass Spanien und England hoch gehandelt werden, versteht sich von selbst. Ich persönlich mag den Spielstil der Holländerinnen gerne. Und wir dürfen nicht vergessen: Es gibt immer ein Überraschungsteam, vielleicht können es jetzt die Polinnen sein.

In der Bundesliga waren zuletzt einige Trainerstellen bei ambitionierten Vereinen zu besetzen, stets fiel dabei auch Ihr Name, doch es kam zu keinem Vertragsabschluss. Könnten Sie sich perspektivisch eine Rückkehr nach Deutschland dennoch vorstellen?

Es schmeichelt einem, wenn man davon hört. Ich bin in Basel aber gerade am richtigen Ort und habe noch einen Vertrag bis zum Ende der Saison 2026/27. Und ich sehe die Möglichkeiten, hier noch mehr aufzubauen. Aber es ist auch richtig: Deutschland ist mein Heimatland, und ich glaube, dort entstehen im Frauenfußball viele coole Projekte, die ich aus der Entfernung mit Interesse verfolge. Als Trainerin habe ich Ziele und Visionen, die ich erreichen möchte.

Ich bin kein Mensch, den es mit Eile zum nächsten Projekt zieht. So war ich auch als Spielerin nicht. Ich will mich weiterentwickeln, will dazulernen und die beste Version von mir selbst werden, und da habe ich in meiner Karriere immer wieder die richtigen Entscheidungen getroffen. Ich war immer dankbar für die aktuelle Aufgabe, die ich hatte, und habe gespürt, wann die Zeit reif ist, sich zu verändern. So möchte ich es in Zukunft auch als Trainerin halten. Mich drängt nichts.

Zur Person

Kim Kulig ist 35 Jahre alt. Sie trainiert seit Sommer 2023 die Fußballfrauen des FC Basel, mit denen sie in der abgelaufenen Saison in der Schweizer Super League den dritten Platz belegte. Die ehemalige Nationalspielerin gehörte 2011 zum deutschen Team bei der Heim-WM; bei der Viertelfinalniederlage gegen Japan erlitt sie einen Kreuzbandriss. Wegen anhaltender Beschwerden im Knie musste sie ihre Karriere als Spielerin des 1. FFC Frankfurt im Herbst 2015 frühzeitig beenden. (mah.)

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.

Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.

Quelle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert