#„Du musst, du musst – das macht uns krank“

„Du musst, du musst – das macht uns krank“

Frau Heller, um sich gegen Krisen zu wappnen, werden Metaphern verwendet: sich eine Ritterrüstung anlegen, den Lotusblüteneffekt nutzen. Was soll das eigentlich heißen?

Ursula Kals

Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

Diese Teflon-Bilder sollen zeigen, nichts an sich ranzulassen, schwierige Dinge an sich abperlen zu lassen, so wie die Blüten die Wassertropfen abweisen.

Nutzen solche Bilder denn?

Nein, die sind falsch. Wir brauchen Kontakt, Nähe und Unterstützung. Habe ich innerlich solch ein Bild, lasse nichts mehr durch, dann ist das eher schädlich, weil die Botschaft implizit rüberkommt: Mache dich hart genug, dann kommst Du mit jeder Krise klar.

Mit der vierten Corona-Welle kommen aber viele nicht mehr klar. Wie geht das mit dem Durchhalten?

Die Corona-Situation bedeutet Stress für den Organismus, es ist völlig in Ordnung zu sagen: Hey, das ist jetzt schwierig. Durchhalten wollen wie bei einem Dauerlauf ist ein ungünstiges Konzept. Vor allem, wenn wir nicht wissen, wie lange diese Phasen sind, um unsere Kraft entsprechend einteilen zu können.

Was funktioniert denn besser?

Tagtäglich für Selbst-Stabilisierung sorgen. Das ist das zentrale Prinzip, das wir für Resilienz brauchen. Denn wenn wir kleine oder größere Krisen empfinden, ist es normal, dass wir in Schieflage geraten. Resilienz ist kein Wundermittel mit Superkraft, sondern ein Prozess.

Und wie kann ich den beflügeln?

Entscheidend ist, wenn wir etwas erleben, was negativ ist, uns innerlich umzufokussieren. Statt den Fokus auf Ärger, Kritik und Angst zu richten, ihn darauf zu richten, was uns gelungen ist, angenehme Gespräche führen, kleine Rituale pflegen, Musik hören und Sport machen.

Diese wenig überraschenden Tipps sind schon vielfach zitiert worden.

Sie helfen aber. Egal in welcher Situation wir uns befinden, sollten wir darauf achten, dass wir von der Physis und der Psyche gut drauf sind. Alles hat letztendlich mit Stress zu tun. Wir brauchen körperliche Bewegung, um ihn abzubauen. Das ist die Basis.

Aber die Couch ist verlockender als durch die nasskalte Dunkelheit zu spazieren. Wie klappt das Aufraffen?

Durch Selbstaustricksen, sich mit einem Freund, einer Freundin verabreden. Es geht nicht darum, viel zu machen, sondern täglich 15 Minuten. Und wenn es nur darin besteht, die Lieblingsmusik anzumachen und durchs Zimmer zu tanzen. Es gibt so viele Möglichkeiten und auf Youtube ein Riesenangebot. Mir fällt es auch schwer, aber einmal in der Woche mache ich ein Bewegungs-Krafttraining, danach bin ich platt, aber zufrieden. Zwischen Online-Meetings hilft es, sich zu recken und zu strecken.

Haben Sie noch eine Blitzübung, wenn es anstrengend wird?

Das allereinfachste: Sich aufs Ausatmen konzentrieren, das hilft sofort. Ich kann zehnmal hintereinander bewusst ausatmen oder von 100 bis 1 rückwärts zählen und dabei ausatmen. Das hilft übrigens auch beim Einschlafen. Also Embodyment – wenn ich den Kopf hoch nehme, die Schultern straffe, vermittelt das auch nach innen Sicherheit.

Angeblich lässt sich Resilienz bis zu einem gewissen Grad lernen. Aber wie?

Ich arbeite mit den sieben Resilienz-Schlüsseln und nutze sie als Schutzfaktoren.

Bitte dröseln Sie uns das auf.

Erstens geht es um Akzeptanz. Soll im Unternehmen etwas verändert werden, was mir nicht gefällt, ist es so lange sinnvoll, dagegen anzugehen, solange es nicht entschieden ist. Danach soll man es akzeptieren. Das hat nichts damit zu tun, den Kopf in den Sand zu stecken. Das ist das Konzept des „Circle of Influence“, zu klären, was ist mein Einflussbereich, da kann ich gestalten und habe die Dinge für mich im Griff.

Ein zweiter Resilienzschlüssel ist der Optimismus. Der ist aber nicht allen zu eigen.

Sollte er aber. Optimismus ist ein großer Forschungsbereich von Professor Raffael Kalisch an der Uni Mainz. Seine These: Wir brauchen einen positiven Bewertungsstil und es hilft, die Dinge einen Tick schöner zu reden als sie sind. So kommen wir mit Belastungen besser klar.

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