#Durchs Raster gefallen

„Durchs Raster gefallen“

Erst wenn es gar nicht mehr anders geht, sagt Koordinatorin Carola Wlodarski, kämen die Menschen zu ihr und ihrem Team in die Sprechstunde: wenn es irgendwo wehtut, blutet oder juckt. Zuvor sei die Scham ihrer Patienten einfach zu groß. Und auch die Angst vorm Auffliegen hindere viele daran, durch die Eingangstür des blau gekachelten Ärztehauses Mitte in Jena zu gehen. Den Schildern folgend, vorbei an Physiotherapie, Allgemeinmedizin und Gastroenterologie. Jenem Gesundheitsmikrokosmos, den es so oder so ähnlich in Ärztehäusern im ganzen Land gibt. Doch deren Behandlungen meiden die Patienten von Wlodarskis Team lieber. Im schlimmsten Fall so lange, bis es keine Heilungschancen mehr für sie gibt.

Es ist Donnerstag, 10 Uhr und Beginn der Sprechstunde beim Verein AKST – dem Anonymen Krankenschein Thüringen. Rote Polsterstühle und bunte Flyer auf Arabisch bis Türkisch schmücken das sonst noch karge Wartezimmer. Der Verein ist erst vor Kurzem aus den Kellerräumen der Augenklinik ausgezogen und hat im dritten Stock des Jenaer Ärztehauses ein neues Zuhause gefunden.

Die Dunkelziffer ist groß

Damit soll das Anliegen des AKST mehr ins geographische und gesellschaftliche Zentrum rücken: die medizinische Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes betraf das im Jahr 2019 etwa 61.000 Personen in Deutschland. Die Dunkelziffer ist groß, manche Schätzungen gehen von 500.000 Betroffenen aus. Es sind Zahlen, die es in einem Wohlfahrtsstaat mit Solidarprinzip und allgemeiner Versicherungspflicht nicht geben sollte. Und doch dürfte die Anzahl von Betroffenen wegen der Corona-Krise wohl eher gestiegen sein.

Wie in einer gewöhnlichen Arztpraxis beginnt der Besuch für die Patienten des AKST an der Rezeption. Hier sitzt Koordinatorin Wlodarski am Schreibtisch. Ohne sterilen Kittel, aber mit einer Schale Kirschen. Ihre Arbeit sei aufregend, „aber auch sehr intensiv“, sagt die studierte Islamwissenschaftlerin und Soziologin. Denn wer hier zur Sprechstunde kommt, die der Verein zweimal die Woche anbietet, hat nicht selten bereits eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Erst die hinteren Kapitel handeln von Krankheit.

Auch das Ausstellen von „Krankenscheinen“ sei laut Wlodarski eigentlich gar nicht die richtige Bezeichnung für die Arbeit ihres Vereins, den es in seiner heutigen Form seit 2017 gibt: „Vielmehr geht es uns um Beratung und um das Vermitteln von Behandlungen“, sagt sie.

Dabei ist es egal, ob Menschen ohne Krankenversicherung mit einer eitrigen Wunde, einer Depression oder einem Krebsleiden zum AKST kommen. Laut vorläufigen Zahlen war der Verein 2021 für insgesamt 145 Personen die erste Anlaufstelle auf dem Weg ins Gesundheitssystem. Meistens in Jena. Aber auch in den rund 40 dezentralen Ausgabestellen, die mit sogenannten Vertrauensärzten in ganz Thüringen zusammenarbeiten. Dieser landesweite Ansatz ist in Deutschland derzeit einmalig. Ähnliche Projekte sind sonst eher lokal und in großen Städten wie Berlin, Hamburg oder Leipzig zu finden.

Größtes gemeinsames Risiko: Armut

Aber ist es wirklich so einfach, in Deutschland durch alle Raster zu fallen? „Wir unterscheiden unsere Patientinnen und Patienten nach Herkunft“, sagt Wlodarski. Das heißt: deutsche Staatsangehörige, EU-Bürger und Drittstaatler. Alle drei Gruppen hätten in Sachen Gesundheitsversorgung ihre spezifischen Probleme. „Trotzdem lässt sich das größte gemeinsame Risiko zusammenfassen“, sagt die Koordinatorin: „Armut.“ Trifft diese auf das Dickicht aus privater und gesetzlicher Versicherung, verschiedenen Tarifen und unklaren Behördenzuständigkeiten, fühlen sich viele Menschen schnell überfordert.

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