Ein Massengrab der Wikinger-Ära mit einem “Riesen”

Ein Massengrab der Wikinger-Ära mit einem “Riesen”

Die englische Stadt Cambridge liegt in einem vor rund 1200 Jahre zwischen Angelsachsen und Wikingern umkämpften Grenzgebiet. Jetzt zeugt ein dort entdecktes Massengrab von der Gewalt dieser Zeit. In ihm haben Archäologen die Gebeine von zehn jungen Männern entdeckt, die Spuren schwerer Verletzungen zeigen. Mindestens einer der Toten wurde enthauptet, vier andere starben offenbar gefesselt. Ungewöhnlich ist auch das Skelett eines 1,95 Meter großen Mannes mit einem verheilten Loch im Schädel.

Bis zum neunten Jahrhundert herrschten Könige der Angelsachsen über weite Tieeile Englands. Auch als im neunten Jahrhundert immer wieder Wikinger die Küsten heimsuchten und Klöster und Siedlungen überfielen, blieben die angelsächsischen Königreiche bestehen und bekriegten sich eher untereinander. Doch im Jahr 865 änderte sich dies: Von Dänemark kommend landeten die Wikinger mit einer ganzen Armee an der Ostküste Englands. Von dort aus drangen sie immer weiter ins Landesinnere vor. 869 eroberte die “große heidnische Armee” das Königreich East Anglia und machten es zu einem Vasallen Dänemarks. Die westlich angrenzende Region um Cambridge wurde nun zum Grenzland zwischen East Anglia und dem angelsächsischen Königreich Mercia.

Massengrab im Grenzgebiet

In diesem Kontext steht auch eine Entdeckung, die Archäologen in der Nähe von Cambridge gemacht haben. Bei einer Lehrgrabung im nahe gelegenen Wandlebury Country Park stieß das Team der University of Cambridge im Sommer 2025 auf eine Grube, in der die Gebeine und Schädel von mindestens zehn Menschen ungeordnet durcheinander lagen. Erste Radiokarbondatierungen der Knochen ergaben, dass dieses Massengrab aus dem neunten Jahrhundert stammen muss – der Zeit, in der diese Region umkämpftes Grenzgebiet war.

“In dieser Zeit bekämpften sich Angelsachsen und Wikinger jahrzehntelang immer wieder”, erklärt Grabungsleiter Oscar Aldred. “Wir gehen davon aus, dass dieses Massengrab mit diesen Konflikten zusammenhängt.” Indizien dafür liefern Spuren schwerer Verletzungen an mehreren Knochen, die Position von einigen Skeletten deutet zudem darauf hin, dass diese Personen gefesselt starben. Ein weiterer Toter war enthauptet worden, wie Hackspuren an seinen Halswirbeln belegen. Die ungeordnete Bestattung sowie die Verletzungen legen nahe, dass diese Toten als Folge eines Kampfes oder vielleicht auch einer Massenhinrichtung starben. Dazu passt, dass alle Toten junge Männer zu sein scheinen.

Ungewöhnlich ist nach Angaben der Archäologen allerdings, dass in diesem Massengrab neben vollständigen Skeletten auch einzelne Körperteile begraben wurden: In eine Ecke lagen einige Schädel ohne restliches Skelett, in einer anderen fand das Team einen Stapel Beinknochen. “Es könnte sein, dass einige der einzelnen Körperteile zuvor als Trophäen dienten und dann zusammen mit den Getöteten oder Hingerichteten vergraben wurden”, mutmaßt Aldred.

Schädel mit Loch
Schädel des ungewöhnlich großen Mannes mit dem Trepanationsloch. © Cambridge Archaeological Unit/ David Matzliach

“Riese” mit Trepanationsloch im Schädel

Eine Besonderheit ist auch das Skelett eines zwischen 17 und 24 Jahre alten Mannes, der für die damalige Zeit ungewöhnlich groß war: Er hatte eine Körpergröße von 1,95 Metern, damit hätte er seine im Schnitt nur 1,65 Meter großen Zeitgenossen um mehr als einen Kopf überragt. Die Archäologen vermuten, dass dieser Mann an einer Störung seiner Wachstumshormone litt und deshalb anomal groß wurde. “Dieser Mann könnte einen Tumor an seiner Hypophyse gehabt haben, durch den diese übermäßig viel Wachstumshormone ausschüttete”, erklärt Trish Biers von der University of Cambridge. “Wir sehen Anzeichen dafür in den Merkmalen der langen Knochenschäfte seiner Beinknochen und anderer Skeletteile.”

Von einer Krankheit zeugt auch ein rund drei Zentimeter großes, ovales Loch im hinteren linken Schädelbereich dieses Mannes. Die regelmäßige Form und die sauberen, verheilten Kanten des Lochs legen nahe, dass es sich hierbei nicht um eine Verletzung, sondern das Ergebnis eines medizinischen Eingriffs handelte, wie die Archäologen erklären. Sie interpretieren das Schädelloch als Resultat einer Trepanation. Solche Eingriffe wurden schon vor Jahrtausenden vorgenommen, um den Druck auf das Gehirn zu verringern und Kopfschmerzen oder Krampfanfälle zu behandeln. Der “Riese” aus dem Massengrab könnte sich dieser Prozedur unterzogen haben, um die von einem Hirntumor erzeugten Schmerzen zu lindern. “Eine solche Erkrankung hätte zu einem erhöhten Schädeldruck geführt und Kopfschmerzen verursacht”, sagt Biers. “Die Trepanation sollte dies womöglich lindern.”

Noch sind die Untersuchungen an den Funden nicht abgeschlossen. Die Archäologen wollen als nächstes DNA- und Isotopen-Analysen der Knochen durchführen. Dies könnte klären, ob es sich bei den Toten um Wikinger oder Angelsachsen handelte – und so womöglich mehr Licht auf ihre Todesumstände werfen.

Quelle: Cambridge University

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