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„Ein Monsterzug schlängelt sich durch das Albulatal“
Eine Viertelstunde später als geplant setzt sich der Zug im Albulatunnel in Bewegung. Er ist kein „Bähnli“, wie die knallroten Kompositionen der Rhätischen Bahn (RhB) hier gerne genannt werden, sondern ein Koloss. Er ist 1,91 Kilometer lang, 2290 Tonnen schwer und rollt über 48 Brücken und durch 22 Tunnel eine fast 25 Kilometer lange Bergstrecke im Schweizer Kanton Graubünden hinab. Dabei sitzen bloß 150 Fahrgäste in ihm, im sechsten von 25 zusammengekoppelten Capricorn-Triebzügen. Sie sind auserwählt, an diesem Samstag an einem Weltrekord-Versuch teilzunehmen. Wenn der Monsterzug fast 800 Höhenmeter tiefer in Alvaneu ankommt, hat er jenen 1,7 Kilometer langen Zug, der 1991 von Gent nach Ostende rollte, als längsten Personenzug der Welt abgelöst.
Die Fahrgäste johlen, als der Rekordzug sanft anrollt. So sanft, dass sie gar nicht merken, in was für einem ungewöhnlichen Zug sie sitzen. Doch als er am Tunnelportal in Preda das Tageslicht erblickt, drängen sie alle an die Fenster, von denen sich einige sogar öffnen lassen. Sie tun dies nicht bloß wegen des Bündner Herbsts, der durch die Kombination aus strahlendem Sonnenschein und gelb gefärbten Arven- und Lärchenwäldern sich von seiner besten Seite zeigt. Den besonderen Effekt in der Berglandschaft macht aus, dass ein Blick nach rechts der Zugspitze entlang talwärts schweift, während mehrere Viadukte und Tunnel weiter oben ein anderer Zugteil sich durch die Serpentinen schlängelt. Wüsste der Reisende nicht, worin er sitzt, dächte er wohl, es sei ein anderen Zug.
„Aufmerksamkeit für die Rhätische Bahn“
Es ist anspruchsvoll, eine so lange Komposition sicher zu Tal zu bringen. Nicht nur RhB-Chef Renato Fasciati sagt vor der Abfahrt, er sei aufgeregt „wie am Morgen vor einem Skimarathon“. Denn die sieben Lokführer dürfen auf keinen Fall alle gleichzeitig bremsen. Die immense Energie, die bergab durch die sogenannte Rekuperation an die Fahrleitung zurückgegeben wird, würde eine Überspannung verursacht. „Dann bleiben wir einfach stehen“, bereitet ein RhB-Fachmann die Passagiere auf diesen offenbar schlimmsten Fall vor. Den Weltrekordversuch bergauf zu machen, war aber nie eine Option. Es wäre in Zeiten, in denen die Schweizer Landesregierung zum Stromsparen aufruft, auch politisch ein verheerendes Signal. Stattdessen rühmen die Verantwortlichen den Zug als „das längste Kraftwerk der Welt“.
Eisenbahnfans säumen nicht nur in Bergün die Wiesen an der Albula-Strecke in Scharen.
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Bild: Niklas Zimmermann
Etwas mehr als eine halbe Stunde nach der Abfahrt fährt der Zug nach einer letzten langgezogenen Rechtskurve in Bergün ein. Fast alle Fahrgäste verlassen in dem 500-Einwohner-Ort, der sich als „Bahndorf“ bewirbt, den Zug und schreiten zum Festgelände. Eine Dreiviertelstunde später kommt aus Alvaneu die Kunde, dass aus dem Weltrekordversuch ein Weltrekord geworden ist. RhB-Chef Fasciati erhält vom Guinness Buch der Rekorde eine Urkunde über den „longest narrow gauge passenger train“ und tritt vor die Presse.
Dabei macht Fasciati keinen Hehl daraus, was die Aktion in erster Linie bezweckt: „Aufmerksamkeit für die Rhätische Bahn“. Er freue sich, wenn die Chinesen wieder Urlaub in der Schweiz machen, antwortet er auf eine entsprechende Frage einer chinesischen Vertreterin. Zugleich betont er, nach schwierigen Jahren mit Corona und dem russischen Krieg einen nachhaltigeren Tourismus anzustreben. Mit der Bündner Hotellerie hat die RhB den sogenannten „Alpin Cruise“ erfunden. Während dieser vier- bis achttägigen „Schienenkreuzfahrt“ übernachten die Gäste in drei Orten, also in Chur, St. Moritz und Davos. Es soll eine Alternative zum schnellen Durchhuschen mit den Klassikern „Glacier Express“ und „Bernina Express“ sein und den Tourismus auch in der Nebensaison beleben.
Wie stehen die Bündnerinnen und Bündner zu der öffentlichkeitswirksamen kurzen Fahrt mit dem langen Zug? „Tipptopp“ findet sie ein Alteingesessener im Zentrum von Bergün. Weniger angetan ist die regionale Zeitung „Südostschweiz“. Sie kommentiert in ihrer Samstagsausgabe: „Solche Aktionen fördern kein nachhaltiges Image, sondern befördern höchstens bestehende Klischees“. Dabei sei Graubünden ein sehr ernst zu nehmender Industriekanton mit internationaler Ausstrahlung. Es brauche weniger durchaus faszinierende, aber nutzlose Weltrekorde, sondern mehr wirkliche Leistungen, mahnt die Zeitung mit Sitz in Chur.
Volle Begeisterung weckt die Aktion allerdings bei den zahlreichen Schaulustigen, welche die spektakuläre Strecke schon am Morgen säumen, um die besten Plätze auf Wiesen, Felsen und in Waldlichtungen zu ergattern. Manche Fahrgäste beneiden sie, weil sie offensichtlich den besten Blick auf den Zug haben, der sich durch das Albulatal schlängelt. Schade ist bloß, dass eine kleine Gruppe der auserwählten VIPs es im gewöhnlichen Zug zurück nach Chur für nötig hält, sich über die teilweise von sehr weit her angereisten „Pufferküsser“ lustig zu machen, die selbst in der Dämmerung aus dem offenen Fenster fotografieren. Authentische Bahnbegeisterung ist schließlich auch ein Standortfaktor des stolzen Bahnlands Schweiz.
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