#Ein „noch nie da gewesener Brand“

Ein „noch nie da gewesener Brand“

In Essen ist am frühen Montagmorgen ein modernes Mehrfamilienhaus durch einen verheerenden Großbrand weitgehend zerstört worden und einsturzgefährdet. Die 128 Bewohner konnten das lichterloh brennende Gebäude noch rechtzeitig verlassen, drei von ihnen erlitten Rauchvergiftungen und wurden ins Krankenhaus gebracht. 35 Wohnungen brannten komplett aus, vier weitere wurden durch Rauch und Löschwasser beschädigt. Die Feuerwehr sprach von einem „noch nie da gewesenen Brand“. Am Montagmittag teilten Statiker mit, dass große Teile des Wohnblocks einsturzgefährdet sind.

Das Feuer hat sich von einem Balkon ausgebreitet. Wie die Feuerwehr mitteilte, sorgte das in der Nacht wütende Sturmtief „Antonia“ offensichtlich dafür, dass sich das Feuer dann rasend schnell über die im Wind liegende Fassade und Balkone ausdehnte. Das Gebäude mit einer Fassadenlänge von etwa 65 Metern mit viereinhalb Geschossen sei mit einer Wärmedämmverbundfassade ausgestattet. Ein Augenzeuge berichtete, die Flammen seien binnen kurzer Frist an dem Wohnhaus hochgelodert und vom Wind regelrecht aufgepeitscht worden. „Es glich einem Inferno.“

39 Wohnungen ausgebrannt

Ein Sprecher der Feuerwehr sagte, die „massive Brandausbreitung“ habe die um kurz nach zwei Uhr in der Frühe herbeigerufenen Einsatzkräfte sehr überrascht. Normalerweise gebe es in modernen Gebäuden Brandsperren, so dass ein solches Feuer eigentlich nicht möglich sei. Eine der zentralen Fragen, mit denen sich Sachverständige beschäftigen, wird deshalb vermutlich sein, ob diese Brandschutzriegel ordnungsgemäß eingebaut waren.

Der Wohnkomplex war ein Neubau von 2015, der gemäß den Bauvorschriften mit Brandschutztüren gegen eine schnelle Verbreitung eines Feuers ausgestattet war. Die Brandschutztüren seien zuletzt im März 2021 gewartet worden, sagte ein Sprecher des Hauseigentümers Vivawest Wohnen GmbH. Die Dämmung des Hauses erfolge überwiegend mit Mineralfaserplatten, weil diese weniger brandanfällig als Polysterol-Dämmstoffe seien, sagte der Sprecher.

Erst kürzlich hatte die „WAZ“ über eine Serie von Bränden in der Stadt berichtet. Dreimal habe es innerhalb einer Woche im Eltingviertel nördlich des Stadtkerns gebrannt. Die Polizei will möglichst bald Ermittlungen aufnehmen.

Der Brand konnte nach Angaben der Feuerwehr noch nicht gelöscht werden. Innerhalb des Gebäudes gebe es immer noch einzelne aufflackernde Brandnester, sagte ein Feuerwehrsprecher. Eine Ausbreitung des Brandes auf andere umliegende Gebäude könne man dagegen mittlerweile ausschließen. Zur Schadenshöhe und erst recht zur Brandursache seien Aussagen noch nicht möglich, da auch die Brandsachverständigen noch nicht ins Gebäude könnten.

Der Großbrand betreffe 39 Wohnungen, teilte die Vivawest Wohnen GmbH mit. Das Unternehmen sagte den 128 Mietern der abgebrannten Wohnungen Unterstützung zu. „Wir sind tief betroffen und wünschen den verletzten Mietern baldige Genesung“, sagte Uwe Eichner, Vorsitzender der Geschäftsführung. 

„Innerhalb von 20 Minuten stand das ganze Haus in Flammen“

Bei dem Brand waren drei Menschen verletzt worden. Sie kamen mit Rauchvergiftung ins Krankenhaus. Nach Angaben von Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) wird niemand vermisst. Die Feuerwehr war mit 150 Einsatzkräften vor Ort. 

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) hat sich erschüttert über den Brand eines Wohnkomplexes geäußert. „Die Nachrichten aus Essen sind erschütternd“, schrieb der Regierungschef am Montag auf Twitter. „Viele Menschen haben über Nacht ihre Wohnung, Hab und Gut verloren. Ich habe mich bei OB @TKufen in einem Telefonat über die Lage informiert. Mein großer Dank gilt den Einsatzkräften vor Ort, die noch immer gegen das Feuer kämpfen.“

Aus dem ausgebrannten Wohnhaus und den umliegenden Gebäuden sind etwa 180 Bewohnerinnen und Bewohner in einem benachbarten Hörsaalzentrum untergebracht worden. Dazu gehörten Kinder, Ältere, Menschen im Rollstuhl, „der komplette Altersquerschnitt“, sagte der zuständige Abschnittsleiter Betreuung, Sebastian Smitmans, von den Maltesern. Die Menschen „seien gefasst“ und ruhig. Notfallseelsorger würden Gespräche anbieten. 

Der 35 Jahre alte Lennart Diedrich war als direkter Anwohner einer der ersten Augenzeugen des Feuers. „So um zwei Uhr war’s, als ich ins Bett gehen wollte und so die letzten Lichter ausgemacht habe und draußen ‚Feuer! Feuer!’ geschrien wurde“, berichtet Diedrich der Deutschen Presse-Agentur. „Und dann hab ich aus dem Fenster geschaut, und da kam da, wo die Jalousien so auf Halbmast hängen, Rauch raus. Da hab ich gesagt: ’Ok, das ist ernster.’“

Er versuchte, die Feuerwehr zu rufen, zog sich an und rannte raus. „Dann kamen schon von der ganzen anderen Gebäudeseite Flammen hochgelodert. Es glich einem Inferno. Der Wind peitschte die Flammen an – Funken.“ Kurz darauf traf der erste Feuerwehrwagen ein. Die Feuerwehrleute liefen ins Haus und riefen dann: „Wir brauchen mal Hilfe!“ Diedrich folgte dem Aufruf zusammen mit zwei anderen Personen. „Dann sind wir das Treppenhaus dort hochgelaufen, zu dritt. Und da war ein Rollstuhlfahrer, der den Fahrstuhl natürlich nicht mehr benutzen konnte und nicht heruntergekommen ist. Da haben wir den zu dritt heruntergetragen. Zwei hinten, ich hab vorne angepackt, haben ihn runtergetragen. Dann kam die Polizei, und es wurde alles evakuiert.“

Es sei dann unheimlich schnell gegangen. „Innerhalb von 20 Minuten stand das ganze Haus in Flammen.“

Aufgrund der Löscharbeiten kam es zu Behinderungen im Berufsverkehr. Die Segerothstraße und die Friedrich-Ebert-Straße im Essener Westviertel waren nach Feuerwehr-Angaben voll gesperrt. Das Westviertel grenzt unmittelbar westlich an den Essener Stadtkern an.

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