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Auch rund 200 Jahre nach dem Tod Johann Wolfgang von Goethes sorgt der Forscherdrang des Dichters für neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Goethe hatte zu Lebzeiten neben vielen Mineralen und Gesteinen auch zahlreiche Bernsteinstücke aus der Ostsee gesammelt und aufbewahrt. Bei der näheren Untersuchung dieser Bernsteinsammlung haben Paläontologen nun das rund 40 Millionen Jahre alte Fossil einer Ameise entdeckt. Dank seiner guten Konservierung im urzeitlichen Baumharz liefert diese Ameise nun wertvolle Informationen über die Art und ihre Verwandtschaftsbeziehungen. Die Forschenden konnten sogar in das Innere der Urzeit-Ameise blicken und Strukturen des Endoskeletts im Kopf- und Brustbereich sichtbar machen.
Bernsteine sind einzigartige Zeitkapseln für vergangene Lebenswelten. Denn als urzeitliche Bäume vor Millionen von Jahren dieses Baumharz freisetzten, wurden immer wieder auch kleine Tiere und Pflanzenreste in der zähen Masse einschlossen. Als das Baumharz dann erhärtete, blieben diese Inklusen im Bernstein konserviert – bis heute. Auch der berühmte Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe interessierte sich im Rahmen seiner naturkundlichen Studien für Bernstein. Er sammelte dieses Material allerdings nicht aus biologischem Interesse, sondern primär, weil ihn die optischen Eigenschaften und die Transparenz des Bernsteins faszinierten. So schliff sich Goethe beispielsweise Linsen aus dem versteinerten Baumharz, um für seine Farbenlehre bestimmte Farbspektren beobachten zu können. Der Dichter hinterließ eine Bernstein-Sammlung, die heute noch insgesamt 40 Stücke umfasst. Sie stammen aus dem Ostseeraum und werden heute von der Klassik Stiftung Weimar im Goethe-Nationalmuseum aufbewahrt.

Feinstruktur einer ausgestorbenen Ameise
Jetzt haben Biologen um Brendon Boudinot von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt die Bernsteine in Goethes Sammlung erstmals genauer untersucht. Dabei entdeckten sie in zwei Bernsteinstücken insgesamt drei fossile Einschlüsse von Tieren. Vermutlich waren diese Millionen Jahre alten Inklusen dem Dichter gar nicht aufgefallen, denn für das ungeübte Auge sind die fossilen Tiere in den ungeschliffenen Steinen kaum zu erkennen. Erst als die Forschenden die Bernsteine am Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY in Hamburg mittels Röntgen-Mikro-Computertomographie analysierten, zeigte sich der Inhalt der Bernsteine genauer. Die Aufnahmen enthüllten: In den Bernsteinstücken aus Goethes Sammlung verbargen sich die konservierten Überreste einer Trauermücke, einer Kriebelmücke und einer Ameise. Dank der hohen Auflösung der Scans und des guten Erhaltungszustands der Fossilien geben diese Funde nun neuen Einblick in die Insektenwelt vor rund 40 Millionen Jahren.
Im Fokus der jetzt veröffentlichten Studie von Boudinot und seinem Team steht die in Goethes Bernstein entdeckte Ameise. „Die Ameise gehört zur ausgestorbenen Art Ctenobethylus goepperti, die in Bernstein sehr häufig vorkommt“, erklärt Co-Autor Bernhard Bock vom Phyletischen Museum der Universität Jena. „Dank ihres guten Erhaltungszustands und der umfangreichen Untersuchungen konnten wir sie allerdings so detailliert beschreiben wie noch nie zuvor.“ Die Aufnahmen und digitalen 3D-Modelle machten die feinen Härchen am Körper der Arbeiter-Ameise sichtbar, enthüllten aber auch erstmals innere Strukturen von Kopf und Thorax dieser ausgestorbenen Insekten-Spezies. Dies liefert wertvolle neue Informationen über die Art und ihre Verwandtschaft. „Wir haben das Exemplar komplett aufgearbeitet und dank der neu gewonnenen Informationen eine 3D-Rekonstruktion geschaffen, die online abrufbar ist“, berichtet Co-Autor Daniel Tröger von der Universität Jena. „Dieses Modell hilft Kolleginnen und Kollegen weltweit dabei, weitere Fossilien dieser Art zu identifizieren und zu vergleichen.“
Baumnester in Europas Koniferenwäldern
Die Analysen ergaben, dass die ausgestorbene Ameisenart Ctenobethylus goepperti große morphologische Ähnlichkeiten mit der heute noch in Nordamerika und in wärmeren Regionen Europas lebenden Ameisengattung Liometopum aufwies. Die Forschenden gehen daher davon aus, dass die Vorfahren dieser Ameisen eine Schwestergruppe der Bernstein-Ameise waren. Dies hilft auch dabei, erste Rückschlüsse auf die Lebensweise von Ctenobethylus zu ziehen: „Die heutigen Vertreter von Liometopum leben in Baumnestern aus einem kartonähnlichen Material“, schreiben Boudinot und seine Kollegen. „Es ist daher wahrscheinlich, dass auch Ctenobethylus goepperti eine primär baumlebende Art war, die in den feuchten, warmen Koniferenwäldern des europäischen Eozän vorkam.“ Die Forschenden vermuten, dass Ctenobethylus damals eine ähnlich paläoökologisch wichtige Ameisengruppe war wie heute Liometopum. Doch durch Klimawechsel und Vegetationsveränderungen starb diese Urzeit-Ameise dann aus.
„Goethe gilt als Begründer der Morphologie und wäre vermutlich begeistert davon gewesen, wie wir mit ganz neuen Methoden wertvolle Erkenntnisse auf diesem Gebiet gewinnen konnten“, sagt Bock. „Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse den Wert solch alter Sammlungen. Es ist schon faszinierend, dass ein Stück, das aus seiner Hand und Zeit stammt, in der diese Wissenschaft ihren Anfang nahm, uns heute noch so bereichern kann.“
Quelle: Brendon Boudinot (Friedrich-Schiller-Universität Jena) et al., Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-026-36004-4
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