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#Eine antiwilhelminische Donquichotterie

Eine antiwilhelminische Donquichotterie

Jede Reise ist auch eine Reise nach innen, in jene Echokammer, in der seit Kindertagen die Sehnsucht nach der Fremde, das Abenteurertum und all die bunten Vorurteile um die Wette tönen. Was nun Arnold Stadler, trotz aller Ironie und Theologiekritik des ehemaligen Priesteranwärters vielleicht der katholischste deutsche Schriftsteller (gegen die historisch-kritische Exegese hält er am Mysterium fest), mit seinem als Kilimandscharo-Reisebericht getarnten Besinnungs- und Bezichtigungsbuch, das einmal gar mit dem Titel „Reise nach innen“ spielt, unternimmt, ist eine Inventur dieser intimen Kammer – aber zugleich doch viel mehr. Das umgestülpte Innere erweist sich als Rutschbahn in eine tragikomische, radikale Analyse postkolonialer Aporien. Lässt sich noch „ich“ sagen, ohne damit schon schuldig zu werden? Siegen die Stärkeren einfach weiter? Ist unser aller Heimat der Tod?

Der Klappentext verspricht zunächst (und nicht falsch) den Abgleich einer kindlichen Paradiesvorstellung, die sich ihrerseits einem Abbild verdankt, einem Kilimandscharo-Gemälde des Stuttgarter Malers Fritz Lang aus dem Jahre 1931, das bis heute in Stadlers Elternhaus bei Meßkirch hängt, mit dem Urbild dieses Garten Eden: Der Autor sucht und findet die Stelle, an der Lang etwa gestanden haben muss. Just das hatte Stadler bereits im Januar 2017 getan, und zwar für die Reisebeilage einer Wochenzeitung. In dieser vier Jahre zurückliegenden Reportage näherte er sich sechs Tage lang, einem Pilger gleich, dem Ziel an, das ihm schließlich ein Epiphanie-Erlebnis bescherte, die Ahnung, „wie schön etwas sein könnte, das nicht vergeht“. Für diese Lebenszäsur fand der Autor Worte vom Range eines Novalis: „dass die Sehnsucht nach diesem Berg, der so lange meine Zukunft war, nun in der Erinnerung mein Heimweh ist“. So weit, so romantisch.

Auf den ersten Blick scheint das Buch, das dem Schlusssatz der Reportage auch seinen Titel verdankt (und den Genesis-Anklang noch ausweitet: „Und ich sah, dass es gut war“), eine poetisch-assoziative Ausfaltung dieser Vorlage zu sein. Der Bericht von der Pilgerreise umfasst jetzt zusätzlich köstliche Nahbeobachtungen eines geführten Touristen, hintersinnige Aperçus („Der Mensch ist kein Baum, sondern ein Mensch, er hat auch keine Wurzeln“), Erinnerungen des Erzählers, der in Afrika viele Parallelen zu seiner Dorfherkunft entdeckt (virtuos bereits der Einstieg, der das Verschwinden der heimischen Feldwege unter dem Teer des nach John McAdam benannten Makadams zum Symbol einer ganz privaten Weltauslöschung macht), Verweise auf Stadler-Werke wie „Komm, gehen wir“ oder „Salvatore“, Überlegungen zum Kolonialismus, zur Geschichtsvergessenheit („von Königgrätz wusste kein Schwein mehr“) oder zur Vergänglichkeit. Zudem finden sich kulturgeschichtliche Exkurse, so zu Pascal Danels verträumtem Chanson von 1967, die aber eigensinnig bleiben, etwa Ernest Hemingway und die Verfilmung von „The Snows of Kilimanjaro“ weitgehend ignorieren, dafür jedoch breit von Hemingways Bruder Leicester und dessen New-Atlantis-Gründung erzählen.

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