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„Eine ganze Generation wendet sich ab“
Ungerechtigkeit. Immer wieder Ungerechtigkeit. Kein anderes Wort verwendet Büsra Üner so oft wie dieses, wenn sie über die heutige Türkei spricht. Dabei heißt doch die seit 2002 regierende Partei von Präsident Recep Tayyip Erdogan „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP).
Die junge Frau findet aber, dass von diesen hehren Zielen nicht viel übrig geblieben ist. Sie zählt auf, wodurch Ungerechtigkeiten entstehen: Durch Erdogans Megaprojekte, durch die Erosion der Gleichstellung von Mann und Frau, durch die Aushöhlung der Demokratie und durch die Polizeigewalt gegen Demonstranten. Und was ihre Generation besonders bedrückt: Die Arbeitslosigkeit nimmt stark zu. „Ungerechtigkeiten, wohin ich blicke“, sagt Büsra Üner. „Und die Ursache dafür ist das Fehlen von Demokratie“, ergänzt ihre Kollegin Cemre Kara. Die beiden kennen nur eine Partei, die das Land regiert: Erdogans AKP. Nur vom Hörensagen sind ihnen die Zeiten davor vertraut. Viele ältere Türken, die zu Erdogan kritisch stehen, trauern der Zeit vor der AKP nach. Nicht aber die 26 Jahre alte Üner und nicht ihre um ein Jahr ältere Kollegin Kara. Sie blicken in die Zukunft. Sie wollen in einer anderen, einer demokratischen Türkei leben.
„Die Ungerechtigkeiten um mich herum treiben mich an“
Büsra Üner ist Soziologin, Cemre Kara Stadtplanerin. Ihr Arbeitsplatz ist das ehemalige britische Postamt, das Postane, das im schicken Stadtteil Beyoglu in der Nähe vom Galataturm liegt. In dem historischen Gebäude hat die Nichtregierungsorganisation „Mekanda Adalet Dernegi“ (MAD) ihren Sitz, dem „Zentrum für räumliche Gerechtigkeit“. Bei Istanbulern ist das Eckhaus ein beliebter Treffpunkt. Sie tauschen sich im Café des Erdgeschosses aus, wo man auch vegan essen kann, sie lesen in der inzwischen gut bestückten Bibliothek, sie nehmen an Veranstaltungen teil oder genießen einfach von der Dachterrasse den Blick auf die Silhouette Istanbuls. Engagierte junge Leute finden sich in dem 2016 gegründeten Verein zusammen, um die Folgen von Projekten, vor allem von Großprojekten, auf die Umwelt und die Gesellschaft zu untersuchen. Im Fokus steht, den Raum fair zu verteilen und zu verhindern, dass es wenigen erlaubt wird, diesen Raum auf Kosten der Gesellschaft für sich allein zu beanspruchen.
„Die Ungerechtigkeiten um mich herum treiben mich an zu handeln“, sagt Büsra Üner. Zunächst hatte sie als junge Feministin für die Gleichstellung der Geschlechter gekämpft. Dann nahm sie an einem Workshop von MAD zur „urbanen politischen Ökologie“ teil. Dabei schritten sie einen Stadtteil ab, der weit ab vom Zentrum Istanbuls liegt. Das überzeugte sie, dass Forschung nicht allein Büroarbeit bedeutet, und so sind heute die Umwelt und die politische Ökologie ihre Forschungsgebiete. Büsra und Cemre arbeiten derzeit an Projekten mit, welche die Auswirkungen von Investitionen in Flussbecken auf die lokale Bevölkerung und die Umwelt untersuchen. Mit solchen Projekten geben die jungen Menschen denen eine Stimme, die sonst nicht gehört würden.
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