#Eine Horrorgeschichte vom Rand der Zivilisation

„Eine Horrorgeschichte vom Rand der Zivilisation“

Was wir sehen, ist Geschichte. Der markante hölzerne Leuchtturm auf Chodowaricha ist abgebrannt, so viel erfahren wir noch am Ende von Stanislaw Muchas Dokumentarfilm über eine sibirische Wetterbeobachtungsstation. Und dessen vier Protagonisten fände man heute auch nicht mehr hier: Wladimir, ehedem Leiter des meteorologischen Teams, hat eine aufgegebene andere Station gekauft und ist dorthin gezogen, das Ehepaar Sascha und Alexander hat den meteorologischen Beruf ganz aufgegeben, und der Nachbar Wassili ist gestorben, schon vor zwei Jahren, als Corona ausbrach und sich der alte Mann, der auf Chodowaricha geboren worden war, als einer der Ersten mit dem russischen Impfstoff Sputnik schützen wollte. Wenige Tage später war er tot.

Was wir sehen, ist Zeitgeschichte. Gleich nach Stalins Machtantritt ließ er im hohen Norden der Sowjetunion an der Polarmeerküste 22 solcher Beobachtungsposten errichten; Chodowaricha ist der nördlichste davon, eine Halbinsel in der Barentssee. Drei Menschen sind dort stationiert, und man kann wohl nicht von Karrierehöhepunkten reden.

Als Stanislaw Mucha erstmals von der Existenz dieses Ortes hörte, 2016, als er in Sibirien seine Dokumentation „Kolyma – Straße der Knochen“ über die heutige Wahrnehmung des GULag-Systems drehte, wurde die Wetterstation seit fast zwanzig Jahren von demselben Mann geleitet. Doch als Mucha im Herbst 2018 mit seinem Kameramann Marcus Winterbauer und einer Dolmetscherin erstmals ins militärische Sperrgebiet reisen durfte, hatte sich dieser Leiter gerade selbst in die Psychiatrie einweisen lassen und eine ganz neue Besatzung, bestehend aus Wladimir, Sascha und Alexander, war seit zwei Monaten da. Sie wussten nicht, was dieses Filmteam zweieinhalb Wochen lang bei ihnen machen würde. Geschweige denn, dass es im folgenden Winter und Sommer für jeweils einen Monat wiederkommen würde. Und das sieht man ihren Gesichtern an.

Seit Beginn der Wetterstation kommt einmal im Jahr das Versorgungsschiff und liefert gefüllte Fässer ab. Ein leeres wurde noch nie wieder mitgenommen. Sascha und Alexander beim Aufreihen der Reste.


Seit Beginn der Wetterstation kommt einmal im Jahr das Versorgungsschiff und liefert gefüllte Fässer ab. Ein leeres wurde noch nie wieder mitgenommen. Sascha und Alexander beim Aufreihen der Reste.
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Bild: W-film/Zinnober

Was wir sehen, ist eine Horrorgeschichte. Von unerträglicher Enge und Monotonie, die aber vor der Kamera nie in laute Töne umschlägt. Und von einer Grenzüberschreitung. Als Alexander sich zwischen dem Winter- und dem Sommerbesuch des Filmteams zu einer zahnärztlichen Behandlung in die nächste Stadt begeben musste (zwei Wochen dauerten Hin- und Rückfahrt), machte Wladimir der bei ihm zurückgebliebenen Sascha Avancen. Wie weit sie gingen, führt Mucha nicht aus, doch einmal ist die Rede davon, dass Sascha durch die Station gezerrt worden ist; man darf also eine Vergewaltigung annehmen. Nach Alexanders Rückkehr machte sich der übergriffige Leiter davon, doch als Mucha zum letzten Mal da ist, trifft auch Wladimir wieder ein: mit dem einmal jährlich vorbeifahrenden Versorgungsschiff. In diesen letzten Minuten des Films knistert die Luft, obwohl gar nichts passiert. Und genau das macht den Horror aus.

„Seien Sie froh, dass der Film nicht riecht“

Was wir sehen, ist „Wettermacher“. Dieser Titel ist Metapher und zugleich konkret, denn die alle drei Stunden von der Besatzung auf Chodowaricha erhobenen Messdaten dienen der Wettervorhersage. Vor allem aber sind die drei Meteorologen in einem dauerhaften persönlichen Tief gefangen, sie sind notgedrungen Schlechtwettermacher. Wie sollte es anders kommen an einem solchen Ort? „Seien Sie froh, dass Film nicht riecht“, sagte Mucha bei der Frankfurter Vorabpremiere seines Films.

Stanislaw Mucha, 1970 in Polen geboren und in Berlin-Babelsberg ausgebildet, ist seit „Absolut Warhola“, seinem Dokumentarfilm über Andy Warhols slowakisches Heimatdorf aus dem Jahr 2001, unser Kinomann für den ferneren europäischen Osten: für die Regionen, könnte man sagen, wohin Volker Koepp nicht mehr fahren will. Ganz anders als Koepps Werk haben Muchas Filme aber nichts Melancholisches, sondern werfen einen subversiven Blick auf die postsowjetischen Zustände. „Wettermacher“ ist da keine Ausnahme, denn der wie immer von Mucha selbst gesprochene karge Kommentar ist von geradezu boshafter Lakonie. Und die Tundra lädt auch nicht gerade zur Bewunderung ein.

Lange rätselt man, was der Film dokumentieren will. Der Klimawandel wird einmal gestreift, der russische Krieg gegen die Ukraine begann erst nach Abschluss des Schnitts, über die berufliche Tätigkeit der drei Meteorologen erfährt man so gut wie nichts. Doch wenn sich das persönliche Drama herausschält, wird „Wettermacher“ zu einem weiteren muchatypischen Stimmungsbild aus den Randgebieten unserer Zivilisation. Es schaudert – und das nicht der Kälte wegen.

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