Die Berliner Paarläuferin Minerva-Fabienne Hase ist 26 Jahre alt. Mit ihrem gleichaltrigen Partner Nikita Wolodin, einem gebürtigen Russen, gewann sie im Januar die Europameisterschaft. Bei der Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft in Boston belegte das Paar den zweiten Platz. Hase/Wolodin gehören bei den im Februar 2026 in Cortina d’Ampezzo und Mailand ausgetragenen Olympischen Winterspielen zum engen Kreis der Goldmedaillen-Kandidaten.
Mit der Nebelhorn-Trophy verbinden Sie und Ihr Partner Nikita Wolodin schöne Erinnerungen. 2023 siegten Sie in Oberstdorf zum Beginn Ihrer erfolgreichen Laufbahn und 2024 starteten Sie dort mit Platz eins in ein Jahr voller Erfolge. Wie optimistisch sind Sie, trotz starker Konkurrenz, aufs Neue gewinnen zu können?
Es ist unser erster Saisonwettkampf, in dem wir unsere neuen Programme zeigen. Da sind die Erwartungen noch nicht so hoch. Wir wollen erst mal wieder in den Wettkampfrhythmus kommen. Es ist natürlich schön schon wegen der Unterstützung von den Rängen, zum Auftakt der olympischen Saison vor deutschem Publikum zu laufen. Das gibt uns eine Extradosis an Motivation. Was wir vorhaben, ist, unsere Programme auch choreographisch bestmöglich zu zeigen, um einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen.
Ein weiterer Sieg in der Halle am Nebelhorn könnte aber auch wegweisenden Charakter haben.
Das wäre natürlich das Bestmögliche, was bei unserer Saisonpremiere herauskommen könnte.
Zu welcher Musik laufen Sie und Ihr Partner in dieser Saison und was wollen Sie noch besser machen als zuletzt?
Das Kurzprogramm wird ein Tango sein, ganz neu komponiert von Maxim Rodriguez. Ihm haben wir unsere Ideen von diesem Tango übermittelt, also, was wir mit diesem Programm zeigen, aber auch nicht zeigen wollen. Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Es ist ein rhythmisch kraftvoller Tango, der gut zum Paarlaufen passt und das Tänzerische nicht extrem abverlangt. Schließlich sind wir Paarläufer und keine Eistänzer. Das Kurzprogramm wird, glaube ich, etwas ganz Cooles werden. Die Kür ist eine Komposition von Max Richter, unter anderem bekannt für viele Filmmusiken („Maria Stuart, Königin von Schottland“, „Ad Astra – Zu den Sternen“). Die Kür wird etwas modern Gefühlvolles, ein Programm, bei dem wir darauf geachtet haben, unsere Körpergröße (Hase ist 1,68 Meter, ihr Partner Wolodin 1,88 Meter groß/d.R.) und unsere langen Linien maximal auszunutzen und choreographisch maximal zu verarbeiten. Die Kür haben wir auch mithilfe des renommierten französischen Choreographen Benoit Richaud aufgebaut. Wir freuen uns darauf, diese Kür erstmals vor Publikum zeigen zu können.
Viel Positives konnte ich aus China nicht mitnehmen. Ich kann mich zwar Olympionikin nennen, aber das war es auch schon. Wir haben es mit Müh und Not bis in die Kür geschafft, wurden dort aber 16. und Letzte, weil Nolan erkennbar kraftlos war und unter den Folgen seiner in Peking diagnostizierten und mit einer mehrtägigen Quarantäne verbundenen Corona-Infektion litt. Viel schlechter als dort hätte es für uns nicht laufen können.
In Mailand 2026 winkt aber die Chance, Olympia von ganz oben kennenzulernen – an der Seite Ihres russischen Partners, der inzwischen die für den Start erforderliche deutsche Staatsangehörigkeit erworben hat.
Ich bin darüber sehr froh, hatte aber auch keine Zweifel daran, dass er seine Sprach- und Wissensprüfung bestehen würde. Nikita ist inzwischen vertraut mit der deutschen Sprache und hat dafür bei zwei Lehrerinnen, eine, die russisch und deutsch spricht und eine, die nur deutsch mit ihm sprach, fleißig gelernt.
Mit welchen Gefühlen, Hoffnungen und Erwartungen blicken Sie auf ihren mutmaßlich zweiten olympischen Anlauf?
Wir gehören inzwischen zu den besten Paaren der Welt und wollen dort auch um die Goldmedaille mitlaufen. Es ist aber trotzdem noch gewöhnungsbedürftig, daran zu denken. Als kleines Mädchen war das meine Traumvorstellung. Den Traum als erwachsene Läuferin an der Seite von Nikita verwirklichen zu können macht auch ein bisschen Angst. Mein Respekt vor diesem potenziellen Karrierehighlight ist jedenfalls groß. Ich hätte es mir nach den deprimierenden Tagen in Peking in meinen größten Träumen nicht vorstellen können, innerhalb von vier Jahren eine 180-Grad-Kehrtwende vollziehen zu können. Wir wollen unsere bestmögliche Leistung zeigen, wie auch immer der Wettbewerb ausgeht.
Rechnen Sie mit einem russischen Paar bei den Olympischen Winterspielen unter „neutraler“ Flagge?
Nein. Die Internationale Eislauf-Union hat kein russisches Paar zur Olympia-Qualifikation in Peking zugelassen. Soweit ich weiß, wird es in dieser Saison aber zum Comeback der Chinesen Sui/Han kommen, die 2022 in Peking die olympische Goldmedaille gewonnen haben.
Ist das Paar Hase/Wolodin im Vergleich zur vorigen, überaus erfolgreichen Saison noch besser geworden?
Ich hoffe es natürlich, auch wenn ich sehr selbstkritisch bin. Wir merken in unserem dritten gemeinsamen Wettkampfjahr, dass wir unseren Rhythmus noch ein Stück schneller finden. Wir versuchen beim Dreifachwurftwist auf ein höheres Niveau zu kommen und sind auf einem guten Weg. Wir haben den dreifachen Wurfsalchow gegen den bei guter Ausführung höher bewerteten Dreifachflip getauscht. Und wir hoffen, uns mit unserer Musikauswahl auch in den Komponenten (dem, was früher in der B-Note für den künstlerischen Wert zum Ausdruck kam) verbessert zu haben. Wir arbeiten hart an uns und haben in der Saisonvorbereitung nichts unversucht gelassen. Auf Nummer sicher sind wir nicht gegangen, denn mit Nummer sicher kommt man nicht ganz nach vorne.
Warum kommt Ihr erwachsener Laufstil ohne jeden Schnickschnack so gut beim Publikum an?
Wir haben ein sehr reflektiertes Umfeld aus Trainern und Choreographen, die uns immer wieder gesagt haben, dass es egal ist, mit wem wir verglichen werden, dass wir unseren eigenen Weg gehen sollen, ohne nach links und rechts zu schauen. So haben wir unseren Stil mit den richtigen Musiken gefunden. Nikita und ich waren von Anfang an darin einig, dass wir authentisch rüberkommen wollen. Und das strahlen wir auch aus. Wir haben uns als Erwachsene kennengelernt und dadurch auch erkannt, was wir vom Leben und vom Eiskunstlaufen haben wollen. So haben wir auf Augenhöhe relativ schnell unseren Weg gefunden.
Dazu ist Ihr Trainerteam mit dem weltläufigen russischen Chefausbilder Dmitri Sawin und dem Berliner Knut Schubert erkennbar gut koordiniert.
In Berlin, wo wir größtenteils trainieren, haben wir ein größeres Team um Knut Schubert herum, das uns bedingungslos unterstützt und eine gute Atmosphäre schafft. Dort haben wir unseren Safe Space. „Dima“ – Dmitri Sawin – holt uns immer mal wieder aus unserer Bubble heraus und tut uns mit seiner Expertise sehr gut.
Wenn Sie dann mal einen Fehler in Ihren Küren machen, folgt daraus so gut wie nie eine negative Kettenreaktion. Warum ist das so?
Wir trainieren in dem Bewusstsein, dass eine Kür nach einem missratenen Element noch nicht verloren ist. Das musste ich mit meinem Hang zum Perfektionismus erst lernen.
Was zeichnet das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Partner Wolodin aus?
Die Menschen mögen, dass wir authentisch sind. Wir reflektieren das, was wir gemeinsam tun, sehr gut und sind füreinander da. Und man sieht uns an, dass wir Spaß haben an dem, was wir machen. Wir versuchen auch in Stresssituationen die Freude am Eislaufen nicht zu verlieren. Die Menschen spüren, dass das von Herzen kommt.
Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.
Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.