Emine Sevgi Özdamar wird achtzig

Wer das Leben von Emine Sevgi Özdamar kennenlernen möchte, der lese nicht diese sechzig Zeilen, sondern die 750 Seiten ihres Romans „Ein von Schatten begrenzter Raum“. Als er vor fünf Jahren erschien – die Autorin war gerade 75 Jahre alt geworden –, war das Staunen groß. Über die Sprachgewalt, über das Sprachspiel, vor allem aber über das, was da zur Sprache kam: eine künstlerische Selbstfindung, die erst mit diesem Buch zum Ziel gelangt war. Im Jahr darauf erhielt Emine Sevgi Özdamar den Georg-Büchner-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung des deutschen Sprachraums.

Dass der zu ihrem Sprachraum wurde, war die Folge des politischen Umsturzes 1971 in ihrer türkischen Heimat. Özdamar war damals 25 und hatte sich gerade als Theaterschauspielerin etabliert, deshalb versuchte sie es noch fünf weitere Jahre unter der Militärregierung, dann wurde die Gefahr zu groß, und sie floh nach Westberlin, wo sie sich als Teenagerin schon einmal für sechs Monate als Gastarbeiterin verdingt hatte. Der türkische Pass erleichterte ihr immerhin einen politischen Balanceakt der künstlerisch produktiven Art: Sie wurde an der Ostberliner Volksbühne als Regieassistentin tätig, unter anderem bei Benno Besson. Dem folgte sie 1978 nach Paris. Und wenig später wurde sie Ensemblemitglied bei Claus Peymann in Bochum. Sie spielte, schrieb und entwarf Bühnenbilder fürs Theater.

Vor allem über die zweite Hälfte der Siebzigerjahre und über ihre  vielfältigen Befremdungs- und Bereicherungserfahrungen erzählt Özdamars großer Roman von 2021. Der zugleich die Summe einer mehr als dreißigjährigen Schreiberfahrung auf Deutsch zieht – 1990 war als ihr Prosadebüt der Erzählungsband „Mutterzunge“ erschienen. Immer wieder aber hat Özdamar auch Bücher auf Türkisch verfasst; die Verknüpfung der deutschen mit der türkischen Kultur ist keiner anderen Autorin so gelungen wie ihr, und dabei war gerade der Aufenthalt in Frankreich, wie man nun dank „Ein von Schatten begrenzter Raum“ weiß, entscheidend wichtig.

Weil sie dort zu sich selbst fand und zu dem, was sie im Buch am Beispiel eines Konzerts von Tina Turner, das sie später in Bochum besuchte, als „Zergehen vor Liebe“ beschreibt. Die Hingabe an die Kunst und an die Menschen ist der Lebensantrieb von Emine Sevgi Özdamar, die heute in ihrer Wahlheimatstadt Berlin achtzigsten Geburtstag feiert.

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