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„Ende einer Institution“
Er war, nach dem Bedeutungsverlust des Telefonbuchs, vielleicht das letzte massenhaft verbreitete Druckwerk, das man in wirklich jedem Haushalt finden konnte: Der Ikea-Katalog kam einmal im Jahr, wurde durchgeblättert, von Feuilletons als Zeugnis seiner Zeitgenossenschaft analysiert, in einem Werbevideo von Literaturkritiker Hellmuth Karasek vernichtend rezensiert und vom Rest der Menschheit als nutzwertiges Druckerzeugnis rezipiert, in dem man vielleicht endlich die Kommode oder das Sofa finden konnte, das in diese oder jene Ecke passt.

Der siebzigste Ikea-Katalog wurde im Sommer noch mit einer Ausstellung im Firmenmuseum in Älmhult und im Internet gefeiert. Alle schwedischen Ausgaben seit 1950 wurden eingescannt und für jedermann zugänglich gemacht. Nun folgt der Musealisierung auch das Ende dieser ehrwürdigen Institution: Der Katalog für 2021 wird der letzte sein. Und auch wenn man das verstehen kann, es gibt jetzt schließlich das Internet für alles, so ist es doch schade. Denn der Ikea-Katalog war mehr als nur ein Register bestellbarer Waren.
Vielleicht hielt er sich deshalb deutlich länger als die dicken gedruckten Schwarten von Otto, Quelle oder Neckermann, die in ihrer Ästhetik eher an die berühmten Schweinehälften in den Supermarkt-Sonderangebotsblättchen erinnern: Waren, dicht an dicht, dazu ein paar Daten und Preise. Im Ikea-Katalog gibt es solche Seiten voller Sofas und Regale auch, aber daneben Einrichtungshilfen für kleine Räume, Dekorationsanregungen für Kinderzimmer, Grundausrüstung für Singles und dergleichen. Ikea nimmt den Kunden je nach Lebenssituation an die Hand und nimmt auch die Kunden ernst, die nicht unendliche Quadratmeter für ausladende Sitzlandschaften zur Verfügung haben und keinen Platz für Sofatische, die nur als Solitär auf weiter Teppichflur gut aussehen.
Lebenshilfe für Stapelprobleme
Der Ikea-Katalog gibt den Großstadtmenschen in ihren beengten Mietbutzen das Gefühl, mit ihren Stapelproblemen nicht alleine zu sein. Da zeigt ein Pfeil auf eine Box unterm Bett, und daneben steht, was da alles noch hinverstaut werden kann. Das ist praktische Lebenshilfe. Einerseits.

Letzter Ikea-Katalog
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Ende einer Institution
Und andererseits war der Ikea-Katalog immer auch ein Spiegel seiner Zeit. Wer ihn durchblättert, stößt auf erste Leiterregale, die Abkehr vom Möbelsolitär zum System. Wo erst nur Bücher und Nippes verstaut werden müssen, folgt bald Heimelektronik wie Fernseher, HiFi-Anlagen und Computer. Letzterer wandert vom heimischen Büro in alle Räume und liegt in Gestalt eines Laptops überall herum. Sofas und Sitzmöbel verlieren zwischendurch ihre Form und fließen in den siebziger Jahren geradezu im Zimmer herum, inzwischen sind sie, wie die meisten anderen Möbel, vor allem eines: flexibel. Denn der Mensch neigt zunehmend zum Umzug.
Und doch war der Ikea-Katalog immer ein wenig anders. Als sich in den deutschen Wohnzimmern gruftartige Eichentrümmer erhoben oder der Landhaus- oder Kolonialstil gepflegt wurde, da setzte Ikea konsequent auf helle, skandinavische Moderne für alle, in aller Welt. Und das funktionierte. Das wird auch weiterhin funktionieren, wenn auch im Internet oder in den labyrinthischen Gängen im Möbelhaus vor Ort. Was verlorengeht, das ist das Blättern im jährlich neuen Katalog, dessen Erscheinungstag immer auch ein werbewirksames Ereignis war und auf lange Sicht kulturhistorische Konstante. Das kann Instagram beim besten Willen nicht ersetzen.
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