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Drei Tage haben sie während der Tour de France gerade zusammen im selben Hotel verbracht: Tadej Pogacar und Florian Lipowitz. Und Pogacar, der Star der Szene, hat danach erzählt, dass er sich mit dem deutschen Newcomer sehr nett unterhalten habe. Im Aufzug.
Einen passenderen Ort hätten sie nicht finden können – nicht für Lipowitz. Denn dessen Reise im Radsport führt in immer schnellerem Tempo steil nach oben. Das sieht auch Pogacar so. „Er ist ein wirklich starker, ein superguter Fahrer und hat noch viel Spielraum für Verbesserungen in allen Aspekten“, sagte der Slowene. „Wir werden noch viel von ihm sehen – in den nächsten Tagen und in den nächsten Jahren.“
Was folgte, war ein Statement
Was folgte, war ein Statement. Während alle aus der zweiten Reihe längst geschlagen waren, fuhr Lipowitz auf Platz drei vor, nur die Topstars Pogacar und dessen erster Herausforderer Jonas Vingegaard waren noch vor ihm. Und hätte ihn sein Team früher von der Leine gelassen, hätte er gewiss auch noch Vingegaard, den zweimaligen Tour-Sieger, überholt.
Was sich vorher auf mittelschweren Etappen angedeutet hatte, wurde zur Gewissheit: Lipowitz, erst 24 Jahre alt, hat das Zeug zu einem großen Rundfahrer, wahrscheinlich sogar zu einem ganz großen. Er ist schon besser als Emanuel Buchmann, der letzte starke deutsche Kletterer, Vierter der Tour 2019, jemals war.
Er hat nicht nur Talent, er versprüht – obwohl im Umgang eher ruhig und unaufgeregt – auf dem Rad eine Menge Feuer. Er traut sich was. Versteckt sich nicht. Und seit Hautacam weiß er auch, wie nah er schon jetzt an die Besten herangefahren ist.
Gebt Lipowitz die Kapitänsrolle?
Nur Pogacar, der nicht nur am Berg in einer eigenen Liga fährt, ist außer Reichweite, aber der Rest scheint schlagbar. Hymnen auf ihren neuen Star allerdings wollen sie bei Red Bull nicht hören. Sportdirektor Rolf Aldag bleibt bei seinem Mantra: Gebt dem Jungen Ruhe, gebt ihm Zeit. Und gebt ihm die Kapitänsrolle? So einfach ist das nicht.
Dafür gibt es Gründe. Zum einen muss man, auch wenn man sieht, dass Lipowitz der Stärkere ist, Roglic irgendwie bei Laune halten. Der Slowene, ein ehemaliger Skispringer, mittlerweile 35 Jahre alt, hat schon viele Tiefschläge und Degradierungen einstecken müssen.
Zu Red Bull, damals noch Bora-hansgrohe, ist er 2024 gekommen, weil er beim Team Visma nur noch ein schnöder Helfer für Vingegaard war, eine Rolle, die er im Prinzip verabscheut. Zuletzt hatten sie ihn nicht einmal mehr die Spanien-Rundfahrt gewinnen lassen, stattdessen durfte der ewige Helfer Sepp Kuss den Sieg einfahren.
Sein größtes Trauma, von dem er sich nie wirklich erholt hat, hat mit der Frankreich-Rundfahrt zu tun. 2020 nahm ihm Pogacar in einem Zeitfahren auf der vorletzten Etappe in den Vogesen völlig unerwartet das Gelbe Trikot ab. Roglic verlor die Tour – ein Trauma bis heute.
Neue taktische Möglichkeiten
Und nun wieder die Versetzung in die zweite Reihe? Aldag und sein Team müssen versuchen, das irgendwie hinzubiegen, ohne allzu großen Schaden anzurichten. Klar ist, dass auch Roglic bislang eine gute Tour fährt. Wenn auch nicht so gut wie Lipowitz. Aber was, wenn der junge Deutsche nun in die erste Reihe geschickt wird?
Dann wird er die Hilfe von Roglic dringend brauchen. Starke Helfer am Berg sucht man im Team sonst vergebens. Hinzu kommt: Red Bull hat mit Lipowitz und Roglic zwei Fahrer weit vorn in der Gesamtwertung. Das eröffnet taktische Möglichkeiten.
„Deshalb macht es überhaupt keinen Sinn, zu sagen, wir legen uns auf einen fest“, sagte Aldag vor dem Bergzeitfahren am Freitag, das Pogačar vor Vingegaard und Roglič gewann. Lipowitz, der Vierter wurde, hat es auch nicht eilig mit seiner offiziellen Beförderung. „Ich denke, es ist noch nicht so weit“, sagte er in Hautacam. „Wir besprechen das in Ruhe mit dem Team und dann machen wir einen Plan für die nächsten Tage.“
Wie auch immer: Lipowitz ist ein Glückstreffer für das deutsche Team. Sein Potential ist enorm. Seine Entwicklung auch, seit er vor rund fünf Jahren im Büro von Teamchef Ralph Denk saß. Er hatte darum gebeten, sich vorstellen zu dürfen, er sei ein Biathlet, der Radprofi werden wolle.
„Weil es sich anders anfühlt“
Er war von zu Hause mit dem Rennrad gekommen und später auch wieder mit ihm heimgefahren: 100 Kilometer hin, 100 Kilometer zurück. Wäre er mit dem Auto gekommen, hätte Denk vielleicht abgewunken. Aber so? 200 Kilometer? Im Januar? Denk besorgte ihm einen Platz im kleinen österreichischen Team KTM Tirol, und da nahmen die Dinge ihren Lauf, ganz nach Denks Geschmack.
Warum? „Weil es sich anders anfühlt, wenn Sportler erfolgreich werden, die du von klein auf begleitet hast.“ Das fühle sich sehr viel schöner an, als wenn man in Stars investiere und den Erfolg kaufe. Es ist nicht lange her, da hatte man bei Red Bull ein Auge auf den zweimaligen Olympiasieger und Zeitfahrweltmeister Remco Evenepoel geworfen.
Ein Multimillionenprojekt. Wenn alles gut läuft, können sie sich das Geld sparen. In Hautacam und beim Zeitfahren ließ Lipowitz Evenepoel deutlich hinter sich. In der Gesamtwertung trennen ihn nur noch sechs Sekunden vom Belgier – und von Platz drei.
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