#Er holte den Himmel auf die Erde

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Er holte den Himmel auf die Erde

Als Köln in Trümmern lag, entwarf Gottfried Böhm als erstes eine Kapelle. Von der gotischen Pfarrkirche St. Kolumba in der Innenstadt war der Rest eines Pfeilers mit einer Madonnenfigur stehengeblieben, durch einen Zufall oder ein Wunder. Der junge Böhm, Mitarbeiter seines Vaters, des Kirchenbaumeisters Dominikus Böhm, den Oberbürgermeister Konrad Adenauer 1926 an die Kölner Werkschulen geholt hatte, wollte den Pfeiler zunächst stehenlassen und musste ihn dann doch versetzen. Er befindet sich nun nicht im Zentrum, sondern an der östlichen Wand des achteckigen Kapellenbaus; im Zentrum unter dem flachen Zeltdach steht der Altar auf einem dreistufigen Podest. In der dunklen kleinen Vorhalle, die Böhm unter Verwendung von Trümmersteinen baute, sitzt die Gemeinde – wie am 23. Januar 2020, dem hundertsten Geburtstag von Gottfried Böhm, als Kardinal Woelki eine Messe zum Dank für das Lebenswerk des Mannes zelebrierte, der die zweitgrößte Kirche des Erzbistums errichtet hat, den Wallfahrtsdom von Neviges.

Gottfried Böhm, in Offenbach geboren, wurde 1939 Soldat und 1942 wegen einer Verletzung in die Heimat entlassen. An der Münchner Kunstakademie studierte er nicht nur Architektur, sondern auch Bildhauerei. Auf einem Mauervorsprung der Kapelle Madonna in den Trümmern wacht eine von ihm geschaffene Bärin, wie sie der Legende nach die Patronin der Pfarrkirche beschützte, eine Märtyrerin des dritten Jahrhunderts.

Die Alte Pinakothek von Böhms Lehrer Hans Döllgast ist das berühmteste Beispiels eines Wiederaufbaus, der die Spuren der Zerstörung konserviert und integriert. Bei der Wiederherstellung von Kirchenbauten, die dem Familienbetrieb noch über den Tod von Dominikus Böhm 1955 hinaus zu tun gab, wurde der Unterschied von Altem und Neuem klar markiert. Wie Stefanie Lieb und Hartmut Junker in ihrem 2019 von Schnell & Steiner verlegten Buch über die Sakralbauten der Familie Böhm zeigen, dienten dazu insbesondere die Deckengewölbe, stillgestellte Wolkenlandschaften, die das gerettete Maßwerk mit einer höheren, freieren Ordnung kontrastieren.

Die Emanzipation der Decke

Es wäre zu fromm, das gesamte Schaffen von Gottfried Böhm aus der Trümmerkapelle wie aus einer Knospe hervorgehen zu sehen, aber die aufgefächerte Gewebedecke gibt so etwas wie die ganz einfache Idee – mehr Gedanke als Vorstellung – des Himmelszelts. In den Betonkirchen der sechziger Jahre geht die Emanzipation der Decken dann so weit, dass sie die Gestalt der Bauten bestimmen: Der Himmel greift auf die Erde über, die Wände verwandeln sich in Elemente eines Mobiles.

Böhms berühmtester Bau, der Mariendom von Neviges im Bergischen Land, wird saniert. Der Architekt selbst überwachte bis zu seinem Tod den Fortgang der Arbeiten.



Bilderstrecke



Werke Gottfried Böhms
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Der Beton, der Blick, das Glas

Auch die Klosterkirche Unsere liebe Frau in Oberhausen, die Böhm im Jahr nach dem Tod seines Vaters für einen Orden von Missionaren errichtete, stellt eine aus dem Vorgängerbau geborgene, in diesem Fall neugotische Madonnenstatue zur Schau. Sie steht vor einer Ecke des Backsteinbaus unter dem flachen Vordach. Böhm hatte auch prosaische Lösungen im Repertoire. Das weiße Stahlgitter, das den Klosterbezirk abschließt, weist voraus auf die Verwaltungsgebäude, auf die er sich nach dem Ende des Kirchenbaubooms verlegte: der Platzhalter einer Wand, Funktionalität an der Grenze zur Unsichtbarkeit.

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