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Die Briten sind wieder im Schwanenfieber. Es ist eine der vielen schrulligen Traditionen, die es nur im Vereinigten Königreich geben kann. Fünf Tage lang rudern Männer mit roten Uniformen in alten Holzbooten über die Themse, unter der Flagge des Königs, und zählen dessen Eigentum: die Schwäne. Am Ufer helfen Hunderte Schaulustige tatkräftig mit oder machen gemütlich ein Picknick. Manchmal sind die Royals persönlich dabei. Über all dem wacht The King’s Swan Marker, und das ist seit 1993 David Barber MVO.
Das Swan Upping fand vermutlich erstmals im Jahr 1186 statt. Damals ging es noch darum, dem Palast die Leibspeise zu sichern. Bis heute behält der König das Recht, jeden Schwan auf der Themse für sich zu beanspruchen. Mittlerweile ist die größte Gefahr für den 15 Kilogramm schweren Vogel jedoch nicht mehr, auf dem Grill zu landen. Stattdessen setzen ihm Hunde, Angelschnüre und Luftgewehre zu. Beim Upping geht es darum, die Schwäne zu schützen, Schulkindern den Vogel des Königs näherzubringen – und die Tradition fortleben zu lassen.
„Ich bin auf der Themse groß geworden“
In Cookham-on-Thames, eine Stunde westlich von London, ist jeden Tag Schwanenzeit. Es ist ein britisches Dorf, wie man es sich vorstellt: Im Mai spaziert man an Cottages aus braunem Backstein vorbei, in deren Vorgärten bunte Rosen blühen, an einer 700 Jahre alten Kirche und dem Dorf-Pub „The Old Swan Uppers“. Die Residenz des königlichen Swan Markers hingegen ist eine Industriehalle am Flussufer, in der Boote repariert werden.
David Barber hat ein freundliches, wettergegerbtes Gesicht, buschige Augenbrauen und spricht ein Queen’s English, wie man es von einem „Member of the Royal Victorian Order“ (MVO) erwartet. Aber er trägt nicht seine rote Uniformjacke, auch nicht die weiße Kapitänsmütze mit einer Schwanenfeder daran. Immerhin steht auf dem Regal hinter ihm ein Strauß schlohweißer Schwanenfedern in einer Vase. Jedes Jahr, sagt Barber, stecke er sich eine neue Feder an den Hut. Neben den Federn sind ein paar riesige grünliche Eier drapiert und drei Fotos in Bilderrahmen, die Barber mit Königin Elisabeth II. zeigen – natürlich in Uniform.

„Sie war eine wunderbare Person“, sagt Barber. „Sie hat sich sehr für Schwäne interessiert. Aber auch für Menschen. Sie hat jeden, den sie traf, gefragt, wie es ihm gehe und was er mache.“ Er habe die Königin im Laufe der Jahre häufig getroffen, etwa wenn er sich um die Schwäne am Schloss Windsor gekümmert habe. Theoretisch sei er nämlich für alle Schwäne im Königreich verantwortlich.
Wie kommt man an diese Arbeit? „Ich bin auf der Themse groß geworden“, sagt Barber. Geboren wurde er in Marlow, ein paar Kilometer den Fluss hinab. Als Erwachsener reparierte und verkaufte der Ingenieur Boote. Auch für die Bewohner des Flusses habe er sich stets interessiert, und so half er dem früheren Swan Marker etwa dabei, die Schwäne in Sicherheit zu bringen, wenn eine Regatta anstand. Der schlug ihn dann als Nachfolger vor. Damals musste er im Buckingham-Palast vorsprechen, mit 20 anderen Kandidaten.
Dieses Jahr leitet er das Upping, das am kommenden Montag beginnt, zum 33. Mal. Gestartet wird um neun Uhr in Sunbury-on-Thames. Rund 125 Kilometer rudern die sechs Boote in den fünf Tagen, bis sie nächsten Freitag in Abingdon ankommen. Pausen gibt es zum Mittagessen, und natürlich wenn sie in Windsor vorbeirudern und zum Toast auf den König anhalten. Hinter alldem steckt viel Arbeit, wie die zahllosen Ordner mit Schwänen auf dem Einband in Barbers Regal bezeugen. „Es ist jedes Jahr mehr los“, sagt er. Upping heißt es, weil sie den Fluss hinaufrudern. Und weil man den Schwan aus dem Wasser hochhebt.
Die Königin konnte sich ein Kommentar nicht verkneifen
„All up!“, lautet das Signal, wenn einer der Ruderer oder Barber eine Schwanenfamilie erspäht. Dann kreisen sie die Tiere ein. Ob Barber die Schwäne wiedererkennt? Die Tiere können mehr als 20 Jahren alt werden. „Nein, aber leider erkennen sie uns!“ Sobald sie die roten Jacken sähen, würden sie nervös. „Meist helfen uns Zuschauer am Ufer und füttern die Schwäne, sodass sie abgelenkt sind.“ Mit geschicktem Griff heben sie den Schwan aus dem Wasser. Ob er schon einmal hineingefallen ist? „Oh ja“, sagt Barber. „Glücklicherweise war gerade kein Journalist in der Nähe.“

An Land binden sie den Schwänen kurz die Flügel fest, damit sie nicht wegfliegen. Die Küken können Mitte Juli ohnehin noch nicht fliegen. Sie werden gewogen, vermessen und auf Verletzungen untersucht. Dabei helfen Schulkinder. Groß war die Aufregung, als die Königin 2009 vorbeischaute – das erste Mal seit Jahrhunderten, dass der Monarch oder „Seigneur of the Swans“ kam. „Zahllose Journalisten sind ihr gefolgt. Ich wusste: Wir haben keine Chance, einen Schwan zu fangen!“ Darum habe er rasch flussaufwärts bei einer bekannten Brutstätte ein paar arglose Schwäne schnappen und rüberbringen lassen, für die Fotos. Die Königin habe sich einen Kommentar nicht verkneifen können: „Mister Barber, sollten sie die nicht auf dem Wasser fangen?“
Nur Schwanenfamilien werden eingefangen, gezählt werden die Küken. 2024 waren es nur 86 Jungvögel – nur etwa halb so viele wie zwei Jahre zuvor. „Hier grassierte die Vogelgrippe“, sagt Barber. Zudem hätten Fluten die Nester am Ufer weggespült, Marder und Raubvögel machten Jagd auf die Küken. Er glaubt, dass es dieses Jahr mehr Schwäne sein werden. „Aber das habe ich auch vergangenes Jahr gedacht.“ Für die Krone beanspruchen die Swan Upper, die bis auf Barber ehrenamtlich dabei sind, etwa die Hälfte der Schwäne, die sie finden. Früher wurden den Vögeln Zeichen in die Schnäbel geritzt. Heute kriegen sie einen Ring des British Trust for Ornithology um den Fuß, zu wissenschaftlichen Zwecken. Der Rest der Schwäne, die sie zählen, wird offiziell zwei alten Zünften für Weinhandel und Färberei zugeteilt, den Livery Companies der Vintners und Dyers. Sie sind beim Upping in blauen Uniformen dabei. Das Privileg, Schwäne besitzen zu dürfen, kann nur die Krone erteilen. Den Vintners und Dyers wurde dies Ende des 15. Jahrhunderts gestattet. Sonst hat nur noch die Familie Ilchester im Süden Englands Schwäne.
„Sie sind ein wenig wie Menschen“
Die eleganten Vögel mit mehr als zwei Meter Spannweite waren einst ein dekadentes und darum bei Mönchen und Adeligen beliebtes Mahl. Ein Schwan, gern inklusive Federn, war das Juwel der Festtafel. Heinrich VIII. servierte 1520 beim Festbankett zur Aussöhnung mit dem französischen König Franz I. angeblich 13 Schwäne. Besonders appetitlich war das aus heutiger Perspektive vermutlich nicht: Der Schwan wurde nach dem Braten wieder in sein Federkleid gestopft, seine Innereien wurden dazu serviert. Oder er wurde zu einer Pastete verarbeitet, mit Butter und Muskatnuss. Wie schmeckt so ein Schwan? Es ist verboten, Schwäne zu verspeisen. In mäßig vertrauenswürdig erscheinenden Foren liest man, erwachsene Tiere schmeckten wie fischiger Hammel.
Barber weiß auch keine Antwort darauf. Seine hochgezogenen Augenbrauen deuten an, dass er dies noch nicht oft gefragt wurde. Dabei ist er das ganze Jahr damit beschäftigt, Fragen über Schwäne zu beantworten. Am häufigsten hört er: „Bleiben Schwanenpaare wirklich ein Leben lang zusammen?“ Theoretisch schon. „Doch manchmal sucht einer etwas Ablenkung. Ich sage immer: Sie sind ein wenig wie Menschen.“ Auch von großem Interesse: Können Schwäne den Arm brechen? „Nein, aber sie können einem ein gehöriges blaues Auge verpassen.“
Wie alt er ist, verrät er nicht. „Doch ich sollte mir wohl langsam Gedanken über einen Nachfolger machen.“ Nervös ist er nicht vor dem Upping. Der König wird dieses Jahr wohl nicht dabei sein können. Er glaubt auch nicht, dass sich unter Charles’ Herrschaft viel ändern wird. „Seine Majestät ist sehr engagiert im Tierschutz.“ Beim Swan Upping bleibt also bis auf Weiteres alles, wie es immer war – sehr britisch.
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