Erdnaher Asteroid entpuppt sich als „dunkler“ Komet

Erdnaher Asteroid entpuppt sich als „dunkler“ Komet

Lange galten Asteroiden und Kometen als klar getrennte Klassen von Himmelskörpern: Asteroiden sind wasserarme, primär aus Gestein bestehende Objekte, die größtenteils im inneren Sonnensystem um die Sonne kreisen – die meisten von ihnen im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Kometen stammen dagegen von jenseits des Neptun und sind eisreich. Wenn sie auf ihren exzentrischen Bahnen durch das innere Sonnensystem fliegen, entwickeln sie einen Schweif und eine Gashülle (Koma) aus austretenden Gasen und Staub. So die lange gängige Definition.

Grenzgänger zwischen Asteroiden und Kometen

„Doch in den letzten Jahren zeigte sich eine ganze Palette von hybriden Objekten, die die traditionellen Grenzen zwischen diesen beiden Klassen verwischen“, erklären Davide Farnocchia vom 1Jet Propulsion Laboratory der NASA und seine Kollegen. So gibt es einige Brocken in kometentypischen Bahnen, die weder Schweif noch Koma zeigen. Umgekehrt haben Astronomen im Asteroidengürtel einige Objekte entdeckt, die in Bahn und Aussehen Asteroiden gleichen, aber plötzlich kometenähnliche Schweife entwickelten.

Ebenfalls zu diesen Grenzgängern gehören die „dunklen Kometen“. Dabei handelt es sich um Himmelskörper, die aussehen wie Asteroiden und weder Schweif noch Koma zeigen. Dennoch verhalten sie sich ungewöhnlich: Ihre Flugbahn folgt nicht allein den Gesetzen der Gravitation, sondern deutet auf zusätzliche Einflüsse hin. „Bisher wurden 14 erdnahe Objekte als inaktiv, aber durch solche nicht-gravitativen Effekte gestört identifiziert“, berichten die Astronomen.

Ein Asteroid verschwindet

Jetzt ist ein weiterer erdnaher „dunkler Komet“ dazu gekommen. Der rund 380 Meter große Asteroid 1998 SH2 ist schon seit Jahrzehnten bekannt und galt bisher als Apollo-Asteroid: Er umkreist die Sonne im Laufe von gut 4,5 Jahren und pendelt dabei von knapp innerhalb der Jupiterbahn bis zu seinem sonnennächsten Punkt knapp innerhalb der Erdbahn. Dieser Erdbahnkreuzer kommt unserem Planeten daher immer wieder relativ nahe – auch deshalb steht er unter enger Beobachtung.

Als am 28. August 2025 erneut eine nahe Erdpassage von 1998 SH2 anstand, richteten Astronomen die Radarantennen des Deep Space Network der NASA auf die Himmelsgegend, in der der Asteroid früheren Bahnbeobachtungen zufolge auftauchen müsste. Doch 1998 SH2 tauchte nicht auf. Stattdessen detektierten ihn Teleskope zwei Tage später an einer ganz anderen Stelle. „Seine Position wich um 153 Bogensekunden von der rein auf gravitativen Effekten basierenden Bahnprognose ab, das entspricht 19 Standardabweichungen“, berichten Farnocchia und sein Team.

Orbit von 1998 SH2

Die Umlaufbahn des Objekts 1998 SH2 entspricht der eines klassischen Erdbahnkreuzers vom Apollo-Typ. — © NASA

Ausgasungen lenkten 1998 SH2 aus seiner Bahn

Doch was hat diese Bahnabweichung verursacht? Um das herauszufinden, haben die Astronomen mehr als 200 Beobachtungen von optischen Teleskopen ausgewertet, in deren Aufnahmen der Asteroid während seiner Passage auftauchte. Diese Daten nutzten sie, um zu prüfen, ob der Yarkovsky-Effekt die Auslenkung von 1998 SH2 verursacht haben könnte. Dieser Effekt entsteht, wenn der Strahlungsdruck der Sonne und die von der Strahlung verursachte Wärmeabstrahlung ein Objekt aus seiner Bahn schiebt.

Die Berechnungen ergaben jedoch, dass der Yarkovsky-Effekt nur ein Zehntel der Bahnabweichung des Asteroiden erklären kann – es musste noch einen anderen Einfluss geben. Deshalb analysierten die Astronomen nun auch Aufnahmen leistungsstarker Teleskope wie dem Very Large Telescope (VLT) von der Europäischen Südsternwarte in Chile und des Canada-France-Hawaii Telescope auf Hawii.

Und tatsächlich: „Diese Aufnahmen zeigten einen schwach erkennbaren, aber eindeutigen Schweif“, berichtet Olivier Hainaut von der Südsternwarte. Zusätzlich war eine kleine Gashülle um das Objekt sichtbar. Demnach ist 1998 SH2 trotz seines asteroidenähnlichen Aussehens und Orbits ein Komet. Unter seiner Oberfläche verbergen sich offenbar Eisschichten, die in Sonnennähe ausgasen und durch ihren Rückstoß seine Bahn beeinflussen. „1998 SH2 wird damit nun als Doppelstatus-Objekt eingestuft und erhält zusätzlich die Kometenbezeichnung P/1998 SH2“, so die Astronomen.

Bedeutung auch für die planetare Abwehr

Und 1998 SH2 ist wahrscheinlich kein Einzelfall: Die Astronomen vermuten, dass sich unter den erdnahen Asteroiden und Erdbahnkreuzern noch mehr dunkle Kometen verbergen könnten. Dies wirft auch ein neues Licht auf potenzielle Bedrohungen für die Erde: „Durch die Ausgasungen kann die Flugbahn solcher schwachen und dunklen Kometen stärker gestört werden als bei Asteroiden“, erklärt Farnocchia. Daher ist die Bahn solcher Objekte unberechenbarer.

Das hat Konsequenzen für die planetare Abwehr und die Überwachung erdnaher Objekte: „Wenn sich einige als potenzielle Gefahr eingestufte Asteroiden als Kometen entpuppen, könnte dies das Einschlagsrisiko erhöhen“, schreiben die Astronomen. Weil die eisreichen Kometen zudem eine andere Beschaffenheit haben als Asteroiden, müsste auch eine Abwehrmission im Falle eines drohenden Einschlags entsprechend angepasst werden.

Die NASA hat mit dem Near-Earth Object (NEO) Surveyor bereits eine Satellitenmission geplant, die erdnahe Objekte näher untersuchen und nach noch unentdeckten Asteroiden und Kometen suchen soll. Sie könnte auch dabei helfen, weitere dunkle Kometen in Erdnähe aufzuspüren.

Quelle: Davide Farnocchia (NASA Jet Propulsion Laboratory, Pasadena) et al., Nature Astronomy, 2026; doi: 10.1038/s41550-026-02913-7

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