Erinnerung an DDR-Flüchtlinge: Notaufnahmelager Gießen wird Museum

Erinnerung an DDR-Flüchtlinge: Notaufnahmelager Gießen wird Museum

Edith Kretschmer zum Beispiel: Als junge Frau muss sie ihre mährische Heimat verlassen. Mit dem Zug kommen sie, ihre Mutter und ihre Schwester an einem Oktobertag in Gießen an. Ihr erster Eindruck: „Eine Stadt voller Trümmer und schwarzer Soldaten.“ In jenen Tagen liegt das Ende des Zweiten Weltkriegs anderthalb Jahre zurück. Die Kretschmers zählen zu den Abertausenden Heimatvertriebenen, die zunächst im Notaufnahmelager hinter dem Bahnhof in der Stadt an der Lahn angekommen und bald darauf auf andere Gemeinden und Städte verteilt worden sind.

Wie sie jene Tage und die Zeit erlebt hat, das hat die 1926 geborene Frau, die seit ihrer Heirat Becker heißt, in einem Gespräch vor der Kamera berichtet. Ihre Geschichte können die Besucher des neuen Lern- und Erinnerungsorts am Meisenbornweg künftig erfahren. Und sie können dort sieben Jahrzehnte deutsche Geschichte im Wortsinne begreifen.

Das vom Historiker Florian Greiner geleitete interaktive Museum von nationalem Rang wird am 17. Juni mit einer Feierstunde seiner Bestimmung übergeben. Als Festredner kommt der frühere Bundespräsident Joachim Gauck, selbst ein Zeitzeuge und Verfechter der Freiheit. Das Datum ist bewusst gewählt. Schließlich war der 17. Juni bis 1990 in der Bundesrepublik der Tag der deutschen Einheit, in Erinnerung an den gewaltsam niedergeschlagenen Volksaufstand in der DDR im Jahr 1953. Noch gleicht das später in Zentrale Aufnahmestelle des Landes Hessen umbenannte ehemalige Notaufnahmelager einer Großbaustelle.

Neuer Platz für Stein zum Gedenken an Volksaufstand 1953

Wo das Festzelt für die erwarteten 350 Gäste aufgebaut werden soll, fahren nach wie vor Lastwagen und legen Bauarbeiter kräftig Hand an. Immerhin steht der zum Gedenken an den Volksaufstand gefertigte Stein nun fest an seinem neuen Platz gegenüber dem Haus Hessen mit der Ausstellung. Jahrzehntelang neben dem Pförtnerhäuschen platziert, sank er nach seinem Umzug zunächst ein, wie Greiner berichtet. Fortan steht der Stein deswegen auf einem Sockel. Anders als die DDR soll er nicht umfallen.

Versetzt: Der Stein zum Gedenken des Volksaufstands in der DDR 1953 steht nun auf einem neuen Sockel gegenüber vom Eingang zur Dauerausstellung
Versetzt: Der Stein zum Gedenken des Volksaufstands in der DDR 1953 steht nun auf einem neuen Sockel gegenüber vom Eingang zur DauerausstellungBen Kilb

Auch im Haus Hessen werkeln noch Arbeiter. Dennoch gibt sich Greiner entspannt. Draußen werde es eine Punktlandung geben, die Baustelle also rechtzeitig abgeräumt. Und drinnen sei das allermeiste schon fertig. Der Ort der Ausstellung passt zur Geschichte des Hauses: Es diente seit 1962 für Kultur und Begegnung. Wer die in den vergangenen Monaten aufgebaute Schau betritt, geht unter einem Türbogen mit der in Blau, Rot und Grün gehaltenen Inschrift „Freiheit – Liebe – Respekt“ hindurch.

Jemand hat sie in geschwungener Schönschrift aufgetragen. Ob es einer von den rund 900.000 Flüchtlingen war, die das Lager seit 1946 durchliefen, steht dahin. Greiner meint, der Schriftzug dürfte aus der Zeit der Flüchtlingswelle von 2015 stammen. In jenen Monaten nahm das 2018 geschlossene Notaufnahmelager letztmals Menschen in großer Zahl auf. Die Inschrift ist als Teil der Geschichte des ehemaligen Lagers bewusst nicht übermalt worden.

Die Schau soll die Besucherinnen und Besucher mitnehmen auf eine Reise durch bewegte Jahrzehnte eines Ortes, der wie kaum ein anderer die deutsche Nachkriegsgeschichte und die Folgen der Teilung spiegelt. Von 1950 an war Gießen neben Uelzen eines von zwei Notaufnahmelagern und von 1963 an das einzige. Die Mitarbeiter erhielten die Auflage, „Flüchtlinge aus der DDR streng zu prüfen. Nur wer politisch wird, darf bleiben“, heißt es auf einer Erklärtafel in der Rückschau. Wer sich die zeitgenössische Debatte über Zuwanderung nach Deutschland bewusst macht, wird Parallelen erkennen. Anfangs war das Lager derart umstritten, dass die Gießener Stadtverordneten in einer Resolution gefordert hatten, es an die sogenannte Zonengrenze zu verlegen, also nah an die Grenze zur DDR. Begründet wurde diese Eingabe unter anderem mit der großen Zahl von „Illegalen“, die im Lager ankämen.

Fahrt in die Freiheit eine Art Pauschalreise

Die weitere Geschichte der Einrichtung verlief aber anders als von den Stadtpolitikern damals gewollt. In der Folge kam Gießen immer wieder in die Schlagzeilen. Zum Beispiel, wenn sogenannte Wunderbusse auf dem Gelände zwischen Bahnhof und Lahn vorfuhren und eine Anzahl Menschen ausstiegen. Dabei handelte es sich um von der Bundesrepublik freigekaufte Männer und Frauen. Von 1977 an überwies die Bundesrepublik für einen Freigekauften genau 95.847 D-Mark an die DDR, die Devisen dringend brauchte, wie in der Schau zu erfahren ist. Insofern glich die Fahrt in die Freiheit einer Art Pauschalreise.

Strapaziert: Diese Levis-Jacke bekam ein aus der DDR ausgereister Mann in einer Kleiderkammer im Westen - er trug sie, bis sie ausgefranst war
Strapaziert: Diese Levis-Jacke bekam ein aus der DDR ausgereister Mann in einer Kleiderkammer im Westen – er trug sie, bis sie ausgefranst warBen Kilb

33.000 Menschen schafften es auf diese Art und Weise in den Westen – 27.000 von ihnen durchliefen das Notaufnahmelager Gießen, wie Greiner sagt. Der Haken: Im Grunde sollte die DDR nur politische Gefangene überstellen, schob der Bundesrepublik aber auch Kriminelle und Rechtsextremisten wie Arnulf Priem unter. Auch das zeigt die Ausstellung anhand von Dokumenten und Fotos. Die Wunderbusse hießen so, weil sie für den Grenzübertritt ihr Kennzeichen ändern mussten. Dies war nach den Worten von Greiner ein Teil der Übereinkunft mit der DDR.

Norbert Nachtweih und eine 99 Jahre alte Frau als Zeitzeugen

Mehr als 1000 Fotos können die Besucher in der Ausstellung sehen. Auf 55 Bildschirmen laufen Filme und werden andere Bilddokumente eingespielt. Dazu gehören 30 Zeitzeugengespräche. Unter anderem äußert sich auch der frühere Fußballprofi Norbert Nachtweih zu seiner Flucht 1976 nach einem Spiel der DDR-Junioren in der Türkei, die ihn zuerst nach Gießen und dann in die Bundesliga zu Eintracht Frankfurt und Bayern München führte. Es gibt aber auch ein Gespräch mit einem Syrer, der nach 2015 in Gießen ankam und die Stadt als seine Heimat preist.

Lesen können Besucher auf ihrem Weg durch die Ausstellung etwa eine Verpflichtungserklärung eines in Gießen arbeitenden Spitzel-Ehepaars der DDR nebst Erklärtafeln. Sie können Reproduktionen von allerlei Originaldokumenten anfassen, Helme von DDR-Sicherheitsorganen und eine Miniatur-Nachbildung des ehemaligen Lagers. Nicht zuletzt lässt sich der sogenannte Einheits-Trabi bestaunen und ein Blick in die Holztruhe werfen, mit der Edith Kretschmer an der Lahn ankam. Am 17. Juni erwartet Greiner sie zur Feierstunde.

Leitet den Lern- und Erinnerungsort. Historiker Florian Greiner in der Dauerschau
Leitet den Lern- und Erinnerungsort. Historiker Florian Greiner in der DauerschauBen Kilb

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