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#Ernten im freien Fall

Ernten im freien Fall

Was die Klimapolitik von den Klimawissenschaften im Umgang mit der drohenden Katastrophe unterscheidet, ist zu Beginn des UN-Gipfels in Glasgow in dieser Woche einmal mehr deutlich geworden: Die Politik ringt vor allem mit sich selbst und hofft insgeheim darauf, dass es doch nicht so ernst wird. Die Forscher hingegen nehmen die schlechten Nachrichten, wie sie kommen, in der Hoffnung, dass die Politik die Risiken endlich genügend ernst nimmt. Der eine oder andere Staatschef jedenfalls könnte sich bei dem Warnhinweis von UN-Generalsekretär António Guterres, dass sich die Kohlendioxid-Konzentrationen der Atmosphäre in den vergangenen dreißig Jahren fast verdoppelt und die Temperaturen entsprechend deutlich erhöht hätten, unter dem Konferenztisch die Hände gerieben haben.

Joachim Müller-Jung

Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

In der Vergangenheit war das vor allem der mächtige russische Regierungschef. Wärme und mehr Kohlendioxid, das ist genau das, worauf man in den nördlichen, weiten Teilen seines Landes hofft, weil damit bisher brachliegende Landflächen bald schon nutzbar und die Pflanzen ertragreicher werden könnten. So zumindest die Idee. In Wirklichkeit, warnen Klimaforscher schon länger, könnte sich das Ganze als Pyrrhussieg erweisen.

Anfang dieser Woche nun kam die schlechte Nachricht als Publikation in der Zeitschrift Nature Food. Eine internationale Gruppe von Agrarforschern mit Beteiligung mehrerer deutscher Wissenschaftler hat durch Kombination der neuesten Generation von Klima- und Agrarmodellen und mit einer sehr guten räumlichen Auflösung gezeigt: Zumindest bei den wichtigsten Kulturpflanzen gibt es mit dem beschleunigten Klimawandel nicht viel zu holen. Wassermangel, Hitzeperioden, Extremwetter, Schädlinge – die ungünstigen Folgen der Erhitzung überwiegen vor allem im Süden deutlich. Mehr noch, in weiten Teilen der Welt wird die Beschleunigung des Prozesses bereits innerhalb der nächsten 20 Jahre deutlich spürbar sein – und damit viele Jahrzehnte früher als bisher angenommen. Mit gewaltigen Ernteverlusten ist also zu rechnen, und das noch zu Lebzeiten vieler Staats- und Regierungschefs, die jetzt in Glasgow ihrerseits um eine Beschleunigung kämpfen – die Beschleunigung der Emissionsminderungen.

Der Zeitraum für Anpassungen wird kürzer

Am meisten überrascht hat die Agrarwissenschaftler die Reaktion der Maispflanzen. Sie reagieren offenbar besonders empfindlich auf den Klimawandel und werden schon bald geringere Ernten einbringen. Aber auch Sojabohnen und Reis sprechen negativer auf den Klimawandel an als in bisherigen Szenarien. Weniger eindeutig wird die Entwicklung für Weizen pro­gnostiziert. Er profitiert erfahrungsgemäß von einer Zunahme des CO2. Wie die Modelle zeigen, wird sich aber auch dieser für die Erträge eher geringe positive Effekt spätestens bis zur Mitte des Jahrhunderts verflüchtigen.

Für Matin Qaim, Agrarökonom an der Universität Bonn, der an der Studie nicht beteiligt war, markiert die Studie einen wichtigen Moment in der lange Zeit extrem unsicheren Debatte um die Zukunft der Landwirtschaft: „Im Klartext heißt das: Der Zeitraum für mögliche Anpassungen wird kürzer; der Druck, schnell und entschieden zu handeln, wächst massiv an. Ohne deutliche Veränderungen kann es regional sehr leicht zu Versorgungsengpässen und Hungersnöten kommen.“ Für den Nutzpflanzenexperten Klaus-Peter Götz von der Humboldt-Universität zu Berlin liegt die nötige Reaktion auf der Hand: „Das Wissen um den Handlungsbedarf, die Kohlendioxid-Emissionen zeitnah und weltweit zu reduzieren, besteht in jedem Fall.

Die eklatante Schwierigkeit besteht allerdings schon in der praktischen Umsetzung innerhalb eines ‚kurzen‘ Zeitfensters von zehn bis 15 Jahren. Ein konsequenter Kampf gegen Nahrungsmittelverluste beim Anbau, bei der Lagerung, bei der Verarbeitung und gegen Nahrungsmittelverschwendung sind zusätzlich notwendig. Immerhin gehen ein Drittel der weltweit produzierten Nahrungsmittel verloren.“ Und das schon zum Teil deutlich vor dem Jahr 2040 – also noch vor der Dekade, in der die Welt nach Maßgabe der Glasgower Klimagipfelteilnehmer klimaneutral wirtschaften wollen.

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