Erreger der Seestern-Krankheit identifiziert

Erreger der Seestern-Krankheit identifiziert

Seit 2013 sind Milliarden von Seesternen an einer unbekannten Infektionskrankheit gestorben. Diese Epidemie hat schwere Folgen auch für andere Meeresbewohner. Jetzt haben Biologen den Erreger dieser mysteriösen Krankheit identifiziert. Demnach handelt es sich um einen Stamm der Bakterienart Vibrio pectenicida. Mit dem Wissen kann nun nach dem Ansteckungsweg und Behandlungen gesucht werden, so dass die Mikroben künftig gezielt bekämpft werden und sich die betroffenen Küstenökosysteme wieder von der Krankheit erholen können.

Im Jahr 2013 trat eine neue Krankheit bei Seesternen auf. Die Meerestiere werden durch die Infektion ausgezehrt, ihr Gewebe schmilzt förmlich und zerfällt innerhalb von zwei Wochen, daher wird sie „Seestern-Auszehrungskrankheit“ (SSWD) genannt. Betroffen sind mindestens 20 der über 1900 Seesternarten weltweit. Die Krankheit grassiert vor allem in Populationen entlang der Pazifikküste Nordamerikas, von Mexiko bis Alaska. Milliarden Seesterne sind dem unbekannten Erreger bereits zum Opfer gefallen.

Unterwasserfoto von einem kranken Sonnenblumen-Seestern
Ein Sonnenblumen-Seestern im späten Stadium der Auszehrung, im Jahr 2015 kurz vor Calvert Island in British Columbia. © Mit freundlicher Genehmigung von Grant Callegari/Hakai Institute

Diese Epidemie hat die marinen Ökosysteme im Pazifik aus dem Gleichgewicht gebracht. Denn ohne die räuberischen Seesterne konnten sich ihre bevorzugten Beutetiere schnell ausbreiten: die Seeigel. Diese ernähren sich von Seetangwäldern, fressen sie kahl und rauben somit wiederum tausenden anderen Meeresbewohnern ihren Lebensraum. Das hat Folgen für die Fischerei. Zudem fehlen die Seetangwälder dann als natürliche CO2-Speicher und für den Küstenschutz. „Das hat weitreichende Auswirkungen auf alle anderen Meeresarten und die Menschen, die auf den Seetang angewiesen sind. Der Verlust eines Seesterns geht also weit über den Verlust dieser einzelnen Art hinaus“, sagt Melanie Prentice von der University of British Columbia in Vancouver.

Auslöser ist ein Bakterienstamm

Nach jahrelanger Suche hat das Team um Prentice jetzt den Krankheitserreger identifiziert. Dafür führten die Biologen verschiedene Experimente mit wilden und im Labor gezüchteten Sonnenblumen-Seesternen (Pycnopodia helianthoides) durch. Diese Art hat 24 Arme und wird so groß wie ein Fahrradreifen. Durch die SSWD-Epidemie ist sie inzwischen vom Aussterben bedroht. In den Tests setzten Prentice und ihre Kollegen die Seesterne probeweise mit kontaminiertem Gewebe oder Körperflüssigkeit von kranken Individuen aus. Anschließend untersuchten sie das Gewebe der Seesterne sowie deren blutähnliche Körperflüssigkeit und verglichen die DNA in den Proben mit denen von gesunden Kontroll-Seesternen. Daraus schlossen sie, welche Arten von Mikroorganismen auf den gesunden und kranken Seesternen leben.

Foto von einer Petrischale mit den kultivierten Bakterien
Die Forschenden haben Vibrio pectenicida in Reinform kultiviert und dann in gesunde Seesterne injiziert. Die darauf folgende schnelle Sterblichkeit war der endgültige Beweis dafür, dass V. pectenicida die Seestern-Auszehrungskrankheit SSWD verursacht. © Mit freundlicher Genehmigung von Toby Hall/Hakai Institute

Die Auswertung ergab: Der Erreger der Seesternkrankheit ist nicht wie zuvor vermutet ein Virus, sondern ein Bakterium namens Vibrio pectenicida. Damit gehört dieses Bakterium zur gleichen Gattung wie der Erreger der Cholera (Vibrio cholerae) und im Meer vorkommenden Vibrio-Arten wie Vibrio parahaemolyticus und Vibrio vulnificus, die bei uns Brechdurchfall auslösen und Fische krank machen können. Der jetzt in den Seesternen identifizierte Stamm FHCF-3 ist zudem eng verwandt mit einem anderen Bakterienstamm von V. pectenicida, der die Larven von Jakobsmuscheln und Austern infiziert und sie über ein spezielles Gift tötet, das das Immunsystem der Muscheln hemmt. Folgeexperimente mit gezielten Infektionen mit dem neu identifizierten Bakterienstamm FHCF-3 bestätigten den Befund: Die Seesterne erkrankten und starben durch diesen neuartigen Erreger.

Ende der Epidemie in Sicht?

Mit dem Wissen um den Erreger kann die Seesternkrankheit nun näher erforscht werden. Die Meeresbiologen wollen unter anderem herausfinden, welche Seesternarten und -populationen von dem Bakterium befallen werden, ob der Bakterienstamm ebenfalls über ein Gift tötet und auf welchem Weg die Ansteckung erfolgt. Denn noch ist unklar, ob sich die Seesterne bei ihren Artgenossen oder über die Nahrung, beispielsweise befallene Weichtiere, anstecken. Zudem wollen Prentice und ihre Kollegen ersten Hinweisen nachgehen, wonach sich der Erreger besonders in warmem Meereswasser ausbreitet, etwa während mariner Hitzewellen.

Daraus können dann neue Behandlungen entwickelt werden, um die Epidemie einzudämmen und neue Ausbrüche zu vermeiden. Beispielsweise könnten Fjorde mit kaltem Wasser als Seestern-Refugium dienen oder Probiotika verabreicht werden. Damit könnten sich auch die betroffenen Seetangwälder und ihre Küstenökosysteme eines Tages wieder von der Krankheit erholen, hofft das Team.

Quelle: Melanie Prentice (University of British Columbia) et al.; Nature Ecology & Evolution, doi: 10.1038/s41559-025-02797-2




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