#Erst der Nobelpreis, dann der Eklat

„Erst der Nobelpreis, dann der Eklat“

Für Tim Hunt war es keine Liebe auf den ersten Blick: Als Jugendlicher habe er – als Sohn eines Mittelalter-Forschers in Oxford aufwachsend – die Biologie nicht sehr gemocht, aber er sei darin sehr gut gewesen. Doch habe er sie in der Schule nicht nur als ein ihm leichtfallendes Fach kennengelernt, wie Hunt in einem biographischen Text schrieb, sondern die Schulzeit habe ihn wie auch das spätere naturwissenschaftliche Studium in Oxford sehr inspiriert.

Schon in den 1960er-Jahren erforschte Hunt die Kontroller der Proteinsynthese in Zellen. Dabei lernte er einfache Modellorganismen schätzen, was sich nach seinem Umzug nach Cambridge bei Sommeraufenthalten im Marine Biological Laboratory in Woods Hole, Massachusetts, bezahlt machte: Hier erforschte Hunt Änderungen in der Proteinsynthese in Eiern von Seeigeln und Muscheln nach der Befruchtung.

Der Biologe entdeckte ein Protein – und wie es verschwand

1982 seien die Arbeiten jedoch fast zum Erliegen gekommen, schildert Hunt. „Jede Idee, die meine Studierenden und ich testeten, erwies sich als falsch.“ Doch im Juli habe er sich damals einer Frage gewidmet, die eigentlich beantwortet schien: Warum kommt es mit der Befruchtung zu einem Anstieg der Proteinsynthese? Er verglich Eier, die mit Spermien befruchtet worden waren, mit anderen, denen dies nur mittels eines Signalstoffs vorgespielt wurde.

Hunt fand dabei ein unbekanntes Protein, das nach der Befruchtung zeitlich parallel zu den Zellteilungen ausgeprägt wurde und verschwand, mit seinen Kollegen nannte er es Cyclin. Auch in anderen Spezies fanden sich Cycline. Die Arbeit hieran konnte er in Cambridge nicht fortführen, da dort keine Seeigel und Muscheln gehalten wurden, aber im Sommer danach erwiesen sich die früheren Entdeckungen als reproduzierbar. „Was ich entdeckt habe, war das Verschwinden eines Proteins“, sagte Hunt später.

Wichtige Ergebnisse für die Krebsforschung

Cycline spielen eine zentrale Rolle bei der Steuerung des Zellzyklus und der Zellteilung, zu dessen Beendigung sie wiederum gehemmt werden. Für die Entdeckung erhielt Hunt 2001 den Medizinnobelpreis, zusammen mit den Biochemikern Leland Hartwell und Paul Nurse, die andere Aspekte der Kontrolle des Zellzyklus erforschten – auch für das Verständnis der Entstehung und Bekämpfung von Tumoren sind diese Prozesse von zentraler Bedeutung.

An die Mediziner gerichtet – „die glauben, die Erforschung des Menschen sei der Schlüssel zum Verständnis der Menschheit“ – erinnerte Hunt in seiner Nobelpreisvorlesung, dass das erste Verständnis des Konzepts des Zellzyklus‘ durch Studien an Zwiebelwurzeln erzielt wurde, deren Ergebnisse die Radiobiologin Alma Howard und der Physiker Stephen Pelc 1953 veröffentlichten. Naturgemäß hat Hunt einen neugierigen Charakter, doch Humor ist ihm auch sehr wichtig. „Die Wissenschaftler, die ich am meisten bewundere, setzen sich leidenschaftlich für die Suche nach der Wahrheit ein – aber sie wollen auch eine schöne Zeit haben“, sagte Hunt. Forschung sollte „auch viel Freude bereiten“.

Eine frauenfeindliche Äußerung änderte Hunts Leben fundamental

Doch abrupt endete seine eigene wissenschaftliche Karriere im Jahr 2015: Journalisten berichteten, dass Hunt auf der Weltkonferenz der Wissenschaftsjournalisten in Seoul bei einer Diskussion zur Rolle von Frauen in der Wissenschaft gesagt habe, er habe Schwierigkeiten mit der Zusammenarbeit mit Kolleginnen. „Drei Dinge geschehen, wenn sie im Labor sind: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich und wenn man sie kritisiert, fangen sie an zu heulen“, sagte er laut Teilnehmern. „Vielleicht sollten wir getrennte Labore für Jungen und Mädchen einrichten?“

Die frauenfeindliche Bemerkung des Nobelpreisträgers verbreitete sich in sozialen Medien sehr schnell, auf Twitter trendete der Hashtag #distractinglysexy, Medien berichteten groß – teils jedoch wurde nicht kommuniziert oder abgestritten, dass er die Aussage offensichtlich als Scherz gemeint hatte. Hunt entschuldigte sich später. Gleichzeitig bekräftigte der Biochemiker, der seine Ehefrau selbst im Labor kennengelernt hatte, dass Probleme mit Frauen zu Beeinträchtigungen der Wissenschaft führen könnten, er wisse dies aufgrund eigener Unzulänglichkeiten.

„Ich war ein dummer Junge“

Noch auf dem Rückflug aus Seoul hatte ihn das University College London zum Rücktritt von einer Honorarprofessur aufgefordert, wie Hunt sagte, nach zwei Tagen erklärte er diesen; angesichts von auch öffentlichen Forderungen trat er auch von Ehrenamtsposten bei der Royal Society und dem Europäischen Forschungsrat zurück. Frühere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie andere Forscher sprachen sich erfolglos für ihn aus.

„Ich war ein dummer Junge“, sagte Hunt bei einem Gespräch im Jahr darauf – seiner Ansicht nach hätten Wissenschaftsjournalisten mehr Interesse am Skandal als an der Vermittlung der Schönheit der Wissenschaft. „Ich hätte nicht sagen sollen, was ich gesagt habe.“ Schon die Verwendung des Wortes „Mädchen“ sei schlecht, räumte Hunt ein, aber er spreche auch von „Jungen“ und habe immer absolut fair und nicht diskriminierend sein wollen. Die Folgen des Eklats nahmen ihn deutlich mit, seitdem lebt er weitgehend zurückgezogen.

Kurz vorher hatte sich Hunt bescheiden gezeigt: Der Nobelpreis beschäme ihn, da die ausgezeichneten Entdeckungen von Beiträgen zahlreicher Menschen abhingen. „Nobelpreise sollten Hunderten Menschen verliehen werden – nicht nur einem, zwei oder drei.“ Diesen Sonntag feiert Hunt seinen achtzigsten Geburtstag.

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