#Ex-Tennisprofi Serhij Stachowski verteidigt Kiew

„Ex-Tennisprofi Serhij Stachowski verteidigt Kiew“

Es ist Samstagabend, als Serhij Stachowski zum ersten Mal mit der F.A.Z. zum Interview verabredet ist. Ein Videoanruf über Whatsapp, Stachowski nimmt ab. Er sitzt in einem Auto, trägt einen Tarnanzug und hält ein Sturmgewehr. Wohin er unterwegs ist, will er nicht sagen. Zweiter Interviewversuch am Sonntagabend: Der ehemalige Tennisprofi ist zu Hause, die Internetverbindung ist stabil. Stachowski, 36 Jahre alt, jetzt im olivfarbenen Pullover, wirkt müde, erst vor einer Stunde hat er seine Patrouillenschicht beendet. Dicke Gardinen im Hintergrund verschlucken das schummrige Licht der Wohnung. Von Kiew ist nichts zu sehen, doch am Ende des Gesprächs sind Explosionen zu hören. Am Montagmorgen veröffentlichen deutsche Medien Videos davon, wie Raketen im Stadtzen­trum einschlagen.

Herr Stachowski, wie geht es Ihnen? Wie ist die Lage in Kiew?

Mir geht es so weit gut, zumindest physisch. Im Stadtzentrum ist es ruhig. Es werden Raketen abgeschossen. Leider treffen sie manchmal Gebäude und töten unschuldige Menschen. In Kiew selbst gibt es aber keine Schießereien und keine russischen Soldaten. Es ist kein Vergleich zu dem, was zum Beispiel in Mariupol geschieht.

Sie sind Freiwilliger der Territorialverteidigung der Ukraine. Was ist Ihre Aufgabe?

Wir können nur innerhalb der Stadt eingesetzt werden. Die Einheit wurde geschaffen, damit die Streitkräfte freier und flexibler ihre Arbeit machen können, während die Städte mehr oder weniger durch die territoriale Verteidigung geschützt werden. Ich patrouilliere die Straßen in der Nähe unserer Basis und sorge dort für Sicherheit. Wir schauen, ob es dort russische Agenten gibt, und verhindern, dass Marodeure in Geschäfte einbrechen. Im Grunde genommen sorgen wir dafür, dass sich die Menschen Tag und Nacht sicher fühlen.

Serhij Stachowski bei seinem Sieg gegen den Schweizer Roger Federer in Wimbledon, London, am Mittwoch, 26. Juni 2013.


Serhij Stachowski bei seinem Sieg gegen den Schweizer Roger Federer in Wimbledon, London, am Mittwoch, 26. Juni 2013.
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Bild: AP

Wie sieht Tagesablauf aus, gibt es so etwas wie Alltag?

Nicht wirklich. Ich meine, wir schlafen, wir essen. Aber all das, was vorher unser Alltag war, gibt es nicht mehr. Wir sind eine Gruppe aus drei bis fünf Leuten. Wir haben einen Sektor, in dem wir patrouillieren. Jeder hat eine zweistündige Schicht, dann sechs Stunden Ruhepause, dann muss man wieder zwei Stunden raus, egal, ob es Tag oder mitten in der Nacht ist.

Langsam kommt wieder Leben nach Kiew. Es macht unsere Arbeit ein bisschen schwieriger, wenn mehr Leute und Autos auf den Straßen sind. Ich denke aber, dass die Stadt zur Normalität zurückkehren sollte. Ich glaube daran, dass wir diesen Krieg gewinnen werden. Andererseits sehen wir die Bilder aus Mariupol und anderen Städten. Wir kennen den Plan für Kiew nicht. Sie könnten mit der Bombardierung beginnen.

Es kommen Menschen zurück nach Kiew?

Ja, ja, sie kommen zurück, nicht nur Männer, sondern auch Familien. Ich glaube, die erste Welle der Angst ist vorbei, sie fühlen sich hier sicherer als anderswo. Außerdem haben viele finanzielle Gründen. Zwei, drei Wochen lang konnten sie sich mit ihren Ersparnissen versorgen. Nun sind diese Mittel aufgebraucht, und die Menschen haben nur noch die Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren und zu versuchen, wieder zu arbeiten, um ihre Familien zu versorgen.

Hatten Sie ein militärisches Training, bevor Sie zur Territorialverteidigung kamen?

Nicht wirklich, nein. Ich habe mal gelernt, wie man mit einer Pistole oder einem Gewehr schießt, aber nur als Amateur.

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