„Facebook-Kritiker McNamee im Gespräch“
Herr McNamee, Facebook hat seit kurzem ein Aufsichtsgremium, das über kontroverse Inhalte entscheiden soll, zum Beispiel auch darüber, ob die Sperre von Donald Trump bestehen bleibt. Sie haben gesagt, Sie halten wenig davon …

Wie vieles von dem, was Facebook tut, ist das ein Versuch, in der Öffentlichkeit besser dazustehen. Es wird der Anschein erweckt, dass ein Problem angepackt wird, aber nichts verändert sich. Die Struktur ist verfehlt und auch die Absicht, die dahintersteckt. Das Gremium beschäftigt sich mit einzelnen Einträgen, aber nicht mit den strukturellen Fehlern von Facebook, die uns wirklich Sorgen machen sollten. Auf Facebook gibt es jeden Tag Milliarden von Einträgen.
Was lässt Sie an Facebooks Absichten mit diesem Gremium zweifeln?
Es hat nichts Organisches an sich. Es wird wie eine Art Oberster Gerichtshof dargestellt, aber in Wahrheit funktioniert es mehr wie eine Beschwerdeabteilung. Außerdem sollte es misstrauisch machen, wie gut die Stellungnahmen des Gremiums auf die Kommunikationsstrategie von Facebook abgestimmt sind.
Also halten Sie es für ein reines Feigenblatt?
Definitiv. Es geht darum, die Illusion von Aufrichtigkeit zu erzeugen, um damit ein gefährliches Geschäftsmodell zu überdecken.

Facebook-Kritiker Roger McNamee während eines Kongresses im Jahr 2019
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Bild: Imago
Sie haben gesagt, Online-Plattformen wie Facebook und Twitter hätten den Sturm aufs Kapitol ermöglicht. Haben die Konzerne Blut an ihren Händen?
Viele von denen, die dort waren, sind Anhänger der Verschwörungsbewegung Qanon. Und man kann sich ausrechnen, dass Facebook um die zwei Millionen Menschen radikalisiert und in die Arme von Qanon getrieben hat. Facebook hat selbst herausgefunden, dass Qanon-Seiten und -Gruppen mindestens drei Millionen Mitglieder und Follower haben, und andere interne Studien haben ergeben, dass 64 Prozent der Nutzer, die sich einer extremistischen Gruppe anschließen, das auf eine Empfehlung des Facebook-Algorithmus hin tun. Auch die Organisation des Aufruhrs selbst hat sich vor allem auf Facebook abgespielt.
Letzteres hat Geschäftsführerin Sheryl Sandberg ausdrücklich bestritten …
Ich bitte Sie, Sheryl sagt viele Sachen. Von Facebook unabhängige Leute haben das Gegenteil bewiesen. Und auch Leute in meinem Umfeld haben das schon einen Monat vorher bemerkt. Vergessen Sie nicht, wie Mark Zuckerberg es nach den Wahlen 2016 als lächerlich hingestellt hat, dass Facebook einen Einfluss auf das Ergebnis hatte. Was Facebook-Manager sagen, müssen wir nicht wörtlich nehmen.
Hat sich Facebook seit 2016 nicht verändert?
Mark und die Vereinigten Staaten haben Wertesysteme und Prioritäten, die in Konflikt miteinander stehen. Ihm geht es vor allem um Effizienz, aber amerikanische Grundwerte wie Demokratie und Selbstbestimmung sind ineffizient. Und Mark sieht nicht ein, dass diese amerikanischen Werte wichtiger sein sollen als das, was er tut. Er fragt sich, warum ihm Amerika vorschreiben sollte, wie er sein Unternehmen zu führen hat. Und dieser Wertekonflikt ist im vergangenen Jahr eskaliert. Erst mit Falschinformationen zum Coronavirus, dann mit dem Gerede vom angeblichen Wahlbetrug, das zu den Unruhen geführt hat.
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Freilich ist von Facebook oft zu hören, dass wieder so und so viele Konten entfernt wurden, zum Beispiel mit Qanon-Inhalten …
Aber es ist noch immer reichlich Qanon-Material da. Facebook könnte es entfernen, will es aber nicht, weil das Geschäftsmodell von aufrührerischen Inhalten abhängt. Extreminhalte wie Hetze, Falschinformationen und Verschwörungstheorien sind das Schmiermittel. Sie entfernen genug, um ein politisches Problem aus der Welt zu schaffen, aber danach ist wieder „business as usual“. Sie haben einzelne Verschwörungstheoretiker entfernt, und doch sind Verschwörungstheorien geblieben.
Würde das nicht bedeuten, Facebook wäre es am liebsten, wenn Trump wieder auf der Plattform wäre?
Ich weiß es nicht, aber Facebook benimmt sich so, als ob das so wäre.
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