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Zyniker sagen, es gebe in Deutschland eine klare Vorstellung vom „guten“ Einwanderer: Jung und leistungsbereit soll er sein, gut ausgebildet – am besten in einem Mangelberuf – und willens, sich den kulturellen Gepflogenheiten hierzulande anzupassen. Pluspunkte gibt’s für denjenigen, der sogar grundlegende Deutschkenntnisse mitbringt.
Nun kann man sich einen neuen Mitbürger schwerlich nach seinen Vorstellungen backen. Aber tatsächlich gibt es Leute, die dem politischen Ideal schon ziemlich nahekommen. Der 28 Jahre alte Laukik Waje zählt dazu. Er ist vor fünf Jahren aus Indien zum Studieren nach Deutschland gekommen, ist seit einem Jahr Verkehrsingenieur mit Schwerpunkt Eisenbahntechnik, ausgebildet an der renommierten RWTH Aachen. Das Problem: Trotz aller Klagen über den Fachkräftemangel hierzulande ist Wajes Zukunft in Deutschland ungewiss. Er findet seit Monaten keinen Job.
Die derzeitige wirtschaftliche Lage verschärft ein Problem, vor dem die Politik schon länger steht. Zwar ist Deutschland mit geringen Studienkosten, vielen englischsprachigen Masterstudiengängen und einem hohen fachlichen Niveau an den Universitäten und Hochschulen ein attraktives Ziel für junge Menschen aus dem Ausland. Doch gelingt es nur in etwa jedem zweiten Fall, die internationalen Studenten nach ihrem Abschluss längerfristig in Deutschland zu halten. Der Rest kehrt in die Heimat zurück oder macht anderswo Karriere.
Die Zahl der internationalen Studenten steigt
Selbst das kann gut für Deutschland sein, für Wissenstransfers sorgen und die internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit fördern. Doch die Leute werden eben auch hierzulande dringend gebraucht. Im internationalen Vergleich ist die Quote der Bleibenden in Deutschland nicht einmal besonders schlecht. „Aber da geht noch deutlich mehr“, sagt der Arbeitsmarktökonom Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. „Die internationalen Studenten hat man lange eher als Bildungszuwanderung gesehen, nicht so sehr als Erwerbszuwanderung.“ Dabei sei die Integration der Studenten eigentlich der „Königsweg“. Sie sind sehr gut ausgebildet, dazu oft in technischen Studiengängen, und haben meist schon erste Berufserfahrung in hiesigen Unternehmen gesammelt. Sie sprechen gewöhnlich fließend Englisch und oft auch schon ganz gut Deutsch.
Und anders als die deutschen Studenten, deren Zahl trotz zunehmender Akademisierung tendenziell abnimmt, werden sie immer zahlreicher: Im jüngsten Wintersemester waren laut einer Hochrechnung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) rund 405.000 Ausländer an deutschen Hochschulen eingeschrieben, eine Steigerung von 6,6 Prozent zum Vorjahr. 90.000 von ihnen waren Studienanfänger. „Wenn nun Trump Amerikas Unis abschottet, können das leicht über 100.000 werden“, sagt Weber. „Versuchen Sie mal, so viele qualifizierte Leute durch Zuwanderung zu kriegen.“
Die Politik hat das im Prinzip erkannt und in ihrem Eckpunktepapier zur Fachkräfteeinwanderung von 2022 die bessere Integration internationaler Uni-Absolventen in den Arbeitsmarkt als Ziel erklärt. Die wichtigste Voraussetzung, das Potential besser zu nutzen, ist grundsätzlich gegeben: Viele internationale Studenten geben selbst an, in Deutschland bleiben zu wollen. In einer aktuellen Befragung des DAAD bejahten 35 Prozent von ihnen die Frage nach ihren Bleibeabsichten. Weitere 29 Prozent antworteten mit „eher ja“. Nur drei Prozent sind sich jetzt schon sicher, nach dem Abschluss ihres aktuellen Studiums auf keinen Fall in Deutschland bleiben zu wollen.
Verpflichtende Deutschkurse
Warum verlassen später so viele doch das Land? Dafür gibt es viele Gründe. Sich an der Universität zurechtzufinden und in der Arbeitswelt, das seien zwei völlig unterschiedliche Dinge, sagt Prerana Chandratre. Sie hat in Indien Informatik studiert und in ihrem Job in der IT mehrfach mit deutschen Kunden zu tun gehabt. So wurde sie auf Deutschland aufmerksam. Für ihr Masterstudium in Data Science und Statistik ist sie an die Technische Universität Dortmund gekommen. „Es ist leicht, in der Uni in einer Blase mit anderen internationalen Studenten zu bleiben“, berichtet die Fünfundzwanzigjährige. „Dann spricht man allenfalls im Supermarkt ein paar Worte Deutsch.“ Auch sie tat sich am Anfang schwer. Dabei konnte sie dank Sprachkursen am Goethe-Institut in Indien schon recht gut Deutsch, als sie ins Land kam.
Freundschaftliche Beziehungen im Studium zu knüpfen, ist ein effektiver Weg, um die Sprache zu lernen – und sich dann auch ein berufliches Netzwerk aufzubauen. Wer aus dem Ausland nach Deutschland kommt zum Studieren, belegt meist einen englischsprachigen Studiengang, von denen es gerade auf Masterebene viele gibt. Deutschkurse sind im Lehrplan nicht immer vorgesehen – und wenn, dann umfassen sie häufig nur wenige Stunden in der Woche in den ersten beiden Semestern. Sollte es mehr Deutschkurse geben – und sollten sie verpflichtend sein? Die Studentin Prerana Chandratre, die mit der F.A.S. lieber auf Englisch redete, fände das nach eigener Auskunft gut: „Uns fehlt manchmal einfach das Selbstbewusstsein, Deutsch zu sprechen.“
Genau das kann zu einer großen Hürde werden, wenn es um die Jobsuche geht, sagt Pascal Leibbrandt von der Hochschule Nordhausen in Thüringen. Er koordiniert dort den Studiengang Regenerative Energietechnik. „In Forschungsinstituten und an Hochschulen ist oft ein internationales Kollegium, es gibt Konferenzen und Veröffentlichungen auf Englisch.“ Gerade in klassischen Ingenieurbüros, wo die Mitarbeiter vielleicht etwas älter sind, seien die Englischkenntnisse dagegen nicht besonders gut. „Und auf der Baustelle wird natürlich erst recht nur Deutsch gesprochen.“
Beide Seiten müssen sich bemühen
Das Schwarze Brett an seiner Hochschule sei voll mit Aushängen von kleinen und großen Betrieben, die dringend Personal suchten. Wer heute weiß, wie man Solaranlagen und Windräder baut, gehört zu den gefragtesten Fachkräften überhaupt. „Aber die Betriebe müssen auch bereit sein, eine gewisse Integrationsleistung zu erbringen. Dazu gehört, vielleicht gerade am Anfang, mehr Englisch zu sprechen.“ Umgekehrt müssten sich die Studenten konsequent bemühen, ihr Deutsch zu verbessern – und lernen, gewisse kulturelle Unterschiede zu akzeptieren. „Was etwa Pünktlichkeit und die Einhaltung von Fristen angeht, müssen sich viele erst mal umgewöhnen“, sagt Leibbrandt.
Seine Erfahrung zeigt: Je mehr die Leute bereits während ihres Studiums in Berührung kommen mit der deutschen Arbeitswelt, desto leichter haben sie es nach ihrem Abschluss, einen Job zu finden. Darin unterscheiden sie sich nicht von ihren deutschen Kommilitonen. „Super ist auch, wenn sie ihre Abschlussarbeit in einem Unternehmen schreiben“, ergänzt Leibbrandt.
Viele Hochschulen und Universitäten versuchen, die Studenten aus dem Ausland frühzeitig mit der deutschen Arbeitswelt in Kontakt zu bringen. Doch laut einer Umfrage des DAAD weiß nur die Hälfte der internationalen Studenten von der Berufsberatung an ihrer Hochschule, und von diesen wiederum haben sie nur 15 Prozent genutzt.
Job-Mentoring für internationale Studenten
Seit 2024 unterstützt der DAAD mehr als 100 Hochschulen dabei, ihre Angebote zur Karriereförderung internationaler Studenten auszubauen und bekannter zu machen. Dafür stellt der Bund bis 2028 rund 120 Millionen Euro zur Verfügung. An den meisten Hochschulen gibt es Beratungsstellen für internationale Studenten, die auch bei der Vermittlung von Praktika helfen. Teilweise kommen Unternehmensvertreter an die Uni, um sich und ihren Betrieb vorzustellen, es gibt kleine Jobmessen.
An der Technischen Universität Dortmund gibt es mit „Tandem 2 Job“ ein Mentoring-Programm, das internationale Studenten mit Leuten zusammenbringt, die bereits berufstätig sind. Nicht nur sollen sie im Austausch ihre Deutschkenntnisse verbessern, sie erhalten auch Tipps für Bewerbungsgespräche und Netzwerk-Veranstaltungen. Seit einigen Monaten gibt es zudem das Selbstlernprogramm „Career Companion“, integriert in die Onlineplattform der Uni. Dort können sich die Studenten etwa über Selbständigkeit, die deutsche Arbeitskultur, Visumvergabe, Praktika und die Gestaltung von Bewerbungsunterlagen informieren. Das Interesse daran sei groß, sagt Daniel Zimpel, der das Programm leitet. „Entscheidend ist, dass wir die Studierenden wirklich von Beginn an begleiten.“ Viele setzten sich erst gegen Ende ihres Studiums damit auseinander, wie es weitergehen soll. „Dann fehlt die Zeit für die berufliche Orientierung und den Spracherwerb.“
Besonders großen Informationsbedarf haben die Studenten, die aus Staaten außerhalb der EU kommen, laut Zimpel rund um das Thema Visum. Wer von ihnen einen Abschluss in Deutschland macht, hat danach 18 Monate Zeit, einen Job zu finden oder sich selbständig zu machen. Laukik Waje, der Verkehrsingenieur von der RWTH Aachen, findet: Das ist zu kurz. Er hat etliche Bewerbungen geschrieben, mehr als 20 Gespräche geführt, bisher ohne Erfolg. Nun läuft ihm die Zeit davon. Er hat noch sechs Monate, um etwas zu finden. So lange lebt er von seinen Ersparnissen. Rund 1200 Euro Fixkosten habe er im Monat. „Die finanzielle Unsicherheit nach dem Abschluss ist für viele eine große Hürde, in Deutschland zu bleiben“, sagt er. „Ich verstehe nicht, wieso ich als Jobsuchender meine Krankenversicherung komplett selbst zahlen muss und als Student nicht.“ Auch die Bundesagentur für Arbeit hat ihm bisher nicht helfen können, einen Job zu finden. Die Prozesse dort seien zäh; von Freunden höre er, dass manche Beratungstermine nur auf Deutsch stattfinden könnten.
Erträge in Milliardenhöhe
Es frustriert ihn mittlerweile zu hören, dass Leute wie er dringend gebraucht würden in Deutschland. Nach seiner Erfahrung sei die Offenheit in den Unternehmen oft nicht so groß wie behauptet. „Als internationaler Student hat man bewiesen, dass man anpassungsfähig ist, dass man sich in einem ganz neuen Umfeld zurechtfinden und gute Leistung bringen kann“, sagt Waje. „Ich habe das Gefühl, diese Fähigkeit zählt für deutsche Arbeitgeber leider nicht viel.“ Aufgeben will er aber noch nicht.
Für Deutschland lohnt es sich, um die internationalen Absolventen zu kämpfen. Das haben Forscher des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft vor einigen Monaten berechnet. Demnach ergeben sich für einen Jahrgang mit rund 80.000 internationalen Studenten über die gesamte Lebenszeit für die öffentliche Hand je nach Bleibequote Nettoerträge zwischen 7,4 und 26 Milliarden Euro.
Die indische Studentin Prerana Chandratre wird ihren Masterabschluss Anfang 2026 machen. Vor Kurzem hat sie begonnen, sich bei deutschen Unternehmen zu bewerben.
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