Was hat Nathalie Stutzmann bloß aus Richard Wagners „Tannhäuser“ gemacht?! Sie gibt dieser Musik als Dirigentin eine selbstverständliche, leise und nötigungsfreie Schönheit, die schneller und nachhaltiger hinreißt als alle offensive Überwältigung. Aus dem Vorspiel zum dritten Aufzug, jenem kargen Wechselgesang von tieferen und hohen Holzbläsern, macht sie ein Stillleben der Klänge, das wie alle Stillleben Todesmetapher ist. Weißen Lilien oder Chrysanthemen gleich blühen die Spitzentöne – erst der Oboen, dann der Flöten – auf und welken. Die Blumen des Bösen, die Charles Baudelaire, der „Tannhäuser“ 1861 in Paris erlebt hatte, bedichtete, sind es nicht. Es sind Blumen entbehrungserfahrener Liebe, letzte Blüten einer lebensverzehrenden Sehnsucht.
Stutzmann ist nach Oksana Lyniv die zweite Frau in der Geschichte der Bayreuther Festspiele, die hier dirigiert. Dass sie bis vor Kurzem noch eine Altistin von Weltrang war, hört man ihrem Musizieren an. Im Vorspiel zum „Tannhäuser“ – nur mit Klarinetten, Hörnern und Fagotten beginnend – verlangt Wagner als Tempo „Nicht schleppend, gehende Bewegung“, dazu: „sehr gehalten“. Phrasierungsvermerke allerdings fehlen ganz. Was macht Stutzmann? Sie denkt den Text des Pilgerchores hinzu, der später zu dieser Musik gesungen werden wird, und gliedert viertaktig entsprechend dem Reimschema, ganz so, wie eine Sängerin atmen würde. Vor großen Höhepunkten lässt sie das Orchester gleichsam Luft holen, verzögert leicht und lässt dann kollektiv ausatmen. Der Venusbergmusik mit ihren keuchenden Akzenten, die dann schnell wie ersticktes Stöhnen leiser werden müssen, nimmt sie das nervös Flackernde, die grelle Triebhysterie. Die Kontraste sind alle da, aber organisch, zauberhaft, gewinnend schön, ohne Atemlosigkeit.
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