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Kaum war der Große Preis von Singapur gelaufen, eröffnete Sir (Elton) John auf der großen Bühne direkt hinter dem Marina Bay Street Circuit sein Konzert mit dem Titel „Saturday Night’s Alright for Fighting“. Das Kampflied hat prima gepasst zu der Show, die sein Landsmann George Russell zuvor beim Flutlichtrennen der Formel 1 abgezogen hatte: Von der Pole-Position aus, wie besungen am Samstagabend erkämpft, gelang dem Mercedes-Piloten sein zweiter Saisonsieg. Unbedrängt, souverän und dabei eine der ungeschriebenen Gesetzmäßigkeiten des Rennjahres ignorierend: Immer dann, wenn es heiß ist, verliert der Silberpfeil durch hohen Reifenverschleiß seine Erfolgschancen.
Die Temperaturen am Äquator bewegten sich um 30 Grad Celsius, aber Russell und sein Auto mussten kaum mehr tun, als den Vorsprung zu verwalten. Der fünfte Platz seines Kollegen Kimi Antonelli bewies die unerwartete Dominanz. Die Singapurer Tageszeitung „Straits Times“ hob den Überraschungs-Helden der Nacht auf die Titelseite und gab dem Sieger ersatzweise den Vornamen Victor.
Russells Vertrag läuft aus
Gloria, Viktoria, das tut dem 27-Jährigen aus dem deutsch-britischen Werksteam sicher gut. Schon seit einem Weilchen befindet er sich auf dem Sprung, übernahm nach dem Abgang des Kollegen Lewis Hamilton die Führungsrolle im Team, aber mit dem großen Durchbruch wollte es seither nicht so recht klappen. Weniger sein erster Saisonerfolg in Montreal machte Schlagzeilen, mehr die Diskussion darüber, ob er nicht schon im nächsten Jahr durch Max Verstappen, Zweiter im Rennen, ersetzt werden solle.
Seit klar ist, dass der Niederländer mindestens noch eine weitere Saison bei Red Bull Racing bleibt, hat sich die Fragestellung verändert: Es geht nicht mehr darum, ob George Russell eine Zukunft bei Mercedes hat, sondern wie lange. Denn sein Kontrakt läuft zum Saisonende aus. Wie üblich in dieser Branche werden Personalfragen stets Zweifel beigemischt: Ist er denn wirklich der Reißer, den die Truppe aus Brackley braucht, wenn der Reglementwechsel ansteht? Kann er sich einen Vertragspoker überhaupt leisten? Will Mercedes ihn vielleicht gegen den Williams-Piloten Carlos Sainz junior eintauschen?
Die Fragen nach dem Stand der Vertragsverhandlung, von denen beide Seiten offiziell andeuteten, dass eine Vereinbarung mehr oder weniger Formsache sei, wurden zum Running Gag in jeder Medienrunde vor einem Rennen. Auch in Singapur. Nein, noch nichts unterschrieben. Aber natürlich sage er Bescheid, wenn es so weit sei.

Nach Russells fünftem Karrieresieg beendete Mercedes-Teamchef Toto Wolff am Sonntag beim Gespräch mit dem TV-Sender Sky die Spekulationen: „Keine Sorge. Beide unserer Fahrer sind fix. Wir werden es bald verkünden.“ Es gehe nur noch um Details. Nachfragen wird es, falls die Vertragsdauer unüblicherweise nicht mitkommuniziert wird, trotzdem geben. Erneut wird es heißen: für wie lange?
Es ist zum Davonfahren. So, wie es Russell beim Start-Ziel-Sieg im 18. WM-Lauf getan hat. Ein Erfolg, der wichtig ist für den Marktwert und das Selbstbewusstsein. Die Gedanken an 2023, als er auf der gleichen Strecke in der letzten Runde einen Podiumsplatz weggeworfen hatte, belasteten ihn nicht, sie spornten seine Konzentration an. „Ich bin heute ein ganz anderer Fahrer als noch vor ein paar Jahren, viel kompletter, und ich habe ein größeres Selbstbewusstsein. Deshalb weiß ich jetzt besser, was ich unter bestimmten Umständen tun muss.“
„Bereit, um den Titel zu kämpfen“
Im Gefühl der gesicherten Zukunft spürte er auch in Singapur keinen zusätzlichen Druck. Gewinnen zu können, habe sich völlig natürlich angefühlt. So könnte es weitergehen, falls sein Team bei der Umsetzung des neuen Reglements 2026 ein ähnlicher Coup wie zu Beginn der Hybrid-Ära (acht Konstrukteurstitel in Serie) gelingt: „Ich sage es ja schon ein Weilchen, dass ich bereit bin, den nächsten Schritt zu machen und um den Titel zu kämpfen.“
Russell ist Vierter der WM-Wertung, liegt deutlich vor dem ewigen Ferrari-Talent Charles Leclerc (Sechster am Sonntag), sechs Rennen vor Saisonschluss 36 Punkte hinter dem Dritten, Titelverteidiger Max Verstappen. Ein ordentliches Ergebnis, berücksichtigt man die Launen seines Dienstwagens, an dem der Motor das stärkste Element zu sein scheint – schließlich hat dieser als Leihaggregat gerade auch McLaren vorzeitig zum Konstrukteurstitel beschleunigt.
Russell sieht die eigenen Stärken im mittlerweile siebten Jahr in der Königsklasse in der Erfahrung: „Ich weiß jetzt, wie ich das Maximale aus jeder Situation herausholen kann.“ Vor ein paar Jahren noch sei er oft zu angespannt gewesen und habe es übertrieben: „Jetzt bin ich viel entspannter, selbst wenn es in Singapur eine Stunde vor dem Rennen heftig zu regnen anfängt.“
Toto Wolff war nicht minder begeistert über die Darbietung seines Chauffeurs: „George fährt beeindruckend in diesem Jahr, ich habe keine Fehler erkennen können. Man sieht, wenn ein Auto perfekt in der Spur liegt und der Fahrer alles im Griff hat.“
Ein Fahrer, der stabiler wird, braucht dauerhaft ein Auto, dem er vertrauen kann. Die Empfindlichkeiten sind ein Merkmal der jetzt auslaufenden Fahrzeuggeneration, wie auch Teamchef Wolff zugibt: „Diese Autos sind Wundertüten. Da kommt es manchmal auf wenige Millimeter bei der Abstimmung des Autos an.“
Mercedes wird weiter auf das Durchhaltevermögen von Russell, wie er es im Stadtstaat gezeigt hat, angewiesen sein. Beim schweißtreibenden Grand Prix zeigte er den bislang dominantesten Auftritt seiner Karriere. Von seinem besten Rennen will er noch nicht sprechen. Der ganz große Sieg soll noch kommen.
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