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Heutige Eulen sind Jäger der Nacht. Lautlos gleiten sie durch die Dunkelheit. „Wann sich in der Entwicklungsgeschichte der Eulen der Wechsel von einer tagaktiven zu einer nachtaktiven Lebensweise vollzog, ist allerdings bisher unklar“, erklärt Gerald Mayr vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. „Das liegt auch daran, dass zwar recht viele fossile Eulen bekannt sind, meist aber nur einzelne Knochen erhalten geblieben sind.“
Letzte Mahlzeit im Magen
Neue Einblicke liefert nun ein Eulenfossil, das 2025 in der Grube Messel in Hessen entdeckt wurde. „Bis auf den Schädel ist das Skelett des Vogels vollständig und außergewöhnlich gut erhalten“, sagt Mayr. „Es handelt sich um eine etwa zwölf Zentimeter große Eule aus dem mittleren Eozän, die vor rund 47 Millionen Jahren lebte.“ Die Forschenden identifizierten die fossile Eule als neue Art, der sie den Namen Masillastrix blattophaga gaben. „Es ist erst die zweite bekannte Eulenart aus Messel, deren Fundort damals ein See inmitten eines dichten Waldes war“, erklärt Mayr.
Besonders außergewöhnlich: Im Magen der fossilen Eule waren die Reste einer grünlich-blau schillernden Schabe erhalten. „Das sind die ersten identifizierbaren Insektenreste, die jemals als letzte Mahlzeit eines fossilen Vogels gefunden wurden“, berichtet das Team. „Noch wichtiger ist, dass diese Vogel-Insekt-Assoziation Aufschluss über das Aktivitätsmuster der Eule gibt: Da schillernde Farben bei Schaben mit einer tagaktiven Lebensweise korrelieren, liefert das Fossil den bislang stärksten Beweis für eine Tagaktivität bei archaischen Eulen.“

Im Magen der fossilen Eule lassen sich die Reste des schillernden Insekts deutlich erkennen. — © Helge Schweinhardt
Noch kein lautloser Flug
Auch das Skelett und die fossilen Federn der Eule deuten darauf hin, dass Masillastrix blattophaga tagaktiv war. „Den Flügeln fehlten noch einige morphologische Anpassungen an ein Leben in der Nacht, die typisch für heutige Eulen sind“, berichtet das Team. So weisen die Schwungfedern noch keine gezackten Ränder auf, die bei heutigen Eulen winzige Luftverwirbelungen erzeugen und so den beim Flügelschlag entstehenden Schall reduzieren. „Zudem ist der Oberarmknochen der fossilen Eule deutlich kräftiger als bei heutigen Eulen. Das deutet darauf hin, dass ihre Flügel noch nicht so lang und auf den lautlosen Flug spezialisiert waren“, sagt Mayr.

Die Flügelränder der fossilen Eule sind glatt. Heutige Eulen dagegen besitzen fein gezähnte Federn, die ihnen einen lautlosen Flug ermöglichen. — © Sven Tränkner
Anhand dieser Erkenntnisse lässt sich damit eingrenzen, wann die Eulen zu nachtaktiven Vögeln wurden. Die älteste bekannte Eule mit den für heutige Eulen typischen Oberarm-Proportionen lebte vor etwa 35 Millionen Jahren in Frankreich. „Daher dürfte sich die Nachtaktivität bei Eulen zwischen dem mittleren und späten Eozän, also vor etwa 48 bis 35 Millionen Jahren, entwickelt haben“, schreibt das Forschungsteam.
Was der Auslöser für die Verschiebung der Aktivitätsphase in die Nacht war, ist noch unklar. Eine Rolle könnte das verfügbare Beutespektrum gespielt haben. Zahlreiche Gruppen kleiner, nachtaktiver Nagetiere diversifizierten sich im mittleren Eozän. „Ob eine dieser Kladen nachtaktiver Säugetiere den Eulen neue ökologische Möglichkeiten eröffnete, muss noch gezeigt werden, doch der aus den neuen Fossiliendaten hervorgehende zeitliche Rahmen wird entscheidend sein, um den Beginn der Nachtaktivität bei diesen Vögeln einzugrenzen“, schreiben Mayr und seine Kollegen.
Quelle: Gerald Mayr (Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt) et al., Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2026.09.079
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