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Sarcelles war lange ein Symbol für das gute Zusammenleben der Konfessionen. Nun streitet Frankreich darüber, was von der alten Stadt noch übrig ist und was man heute in ihr zu sehen hat.
Ins Kino gegangen. Nur zehn Leute in dem ohnehin kleinen Saal des Odéon am Boulevard Saint-Germain, wo ein Film läuft, der nicht besser passen könnte in das Frankreich dieser Tage. „Le dernier des juifs“ folgt dem letzten Juden, der die Banlieue von Paris aus Angst um seine Sicherheit verlässt, wobei dem Regisseur Noé Debré das Kunststück gelungen ist, sein todernstes Thema ironisch so zu brechen, dass es einem abwechselnd kalt den Rücken herunterläuft und man aus dem Lachen nicht herauskommt.
Seine Schauspieler sind famos: Michael Zindel spielt Bellisha als Hans-guck-in-die-Luft, der sich weit weniger um die Zukunft sorgt als seine kurzatmige Mutter (Agnès Jaoui), deren Furcht vor der Welt umso größer wird, je weniger sie ihre Wohnung verlässt. Sie weiß gar nicht, ob sie „den Arabern“ oder „den Schwarzen“ in ihrer Siedlung mehr misstrauen soll, aber sie drängt zum Aufbruch, il faut qu’on parte, wir müssen los. Eine makabre Koinzidenz. Ein solcher Film ausgerechnet jetzt, da Juden in Frankreich, wie zu hören ist, seit dem 7. Oktober in Liefer-Apps vorsichtshalber unter falschem Namen auftreten.
Weltpolitik macht vor Sarcelles nicht Halt
In welcher Vorstadt der Film spielt, erfährt man zwar nicht. Aber zwei oder drei Mal fällt der Name von Sarcelles – was sicher kein Zufall ist, weil das gut dreißig Kilometer im Norden von Paris gelegene Sarcelles jahrzehntelang als Symbol vor allem für das gelungene Zusammenleben zwischen Juden und Muslimen galt. 60.000 Einwohner zählt die Stadt, in der es die jeweils größten muslimischen und jüdischen Gemeinden des Landes gab.
Wie groß sie genau waren, lässt sich nicht sagen, weil in Frankreich die Religionszugehörigkeit statistisch nicht erfasst werden darf. Schätzungen zufolge sollen dort aber bis zu 20.000 Juden gelebt haben, viele von ihnen Nachfahren der sephardischen Juden, die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren im Zuge der Unabhängigkeitskämpfe aus dem Maghreb gekommen waren. Sarcelles galt damals, auch dank der topmodernen Wohntürme „Grand Ensemble“, als Stadt der Zukunft. Und tatsächlich funktionierte das Zusammenleben lange recht gut, das sagen fast alle, die die Stadt gut kennen. Aber nach den Anschlägen des 11. September 2001 begann die Stimmung sich zu verändern.

Gut geschützt: Die Synagoge in Sarcelles
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Bild: Capucine Granier-Deferre/Redux/L
Gut zehn Jahre später flog eine selbst gebastelte Granate in einen jüdischen Supermarkt. Im Sommer 2014 ging derselbe in Flammen auf, als ein Mob jüdische Einrichtungen und Geschäfte in der Stadt angriff – eine Gewalteskalation, die man bis dahin noch nicht gesehen hatte und die viele jüdische Einwohner dazu veranlasste, Sarcelles zu verlassen.
Wieder kennt man keine genauen Zahlen, aber dass die gezielte Jagd auf alles Jüdische ein Wendepunkt war, darin waren sich alle Kommentatoren einig. Dabei war der internationale Kontext ähnlich wie heute. Auch im Sommer 2014 gab es eine israelische Militärintervention in Gaza – allerdings war weder ihr Anlass so dramatisch wie der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober, noch war der israelische Gegenschlag so brutal und zerstörerisch wie jetzt. Auch deswegen richteten sich nun die bangen Blicke wieder nach Sarcelles.
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