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Der bitterste Moment in Franz Wagners Karriere liegt ein knappes Jahr zurück. Es ist der Moment nach dem bisher wichtigsten Spiel seiner NBA-Laufbahn, dem entscheidenden Spiel der ersten Play-off-Runde. Da kauert Wagner, so zeigt es der ZDF-Film „The Wagner Brothers“, aufgelöst in der Kabine der Orlando Magic, neben ihm der tröstende Bruder.
Orlando hat verloren, ist ausgeschieden, Franz Wagner hat vielleicht sein schlechtestes Saisonspiel gemacht. Er habe sich damals gefühlt, als habe er sein Team im wichtigsten Moment im Stich gelassen, sagt Wagner. Aber weil er jung ist und eine NBA-Karriere lang, geht der Film gleich dazu über, den Moment zu deuten: als einen, aus dem er lernen kann. Durch den er besser werden wird. Den er überwinden kann, wenn er das nächste Mal an dieser Stelle steht.
Die Besten spielten selten zusammen
Wenn an diesem Sonntag (21.30 Uhr MESZ bei DAZN) Franz Wagners zweite NBA-Play-off-Serie beginnt, ist er besser geworden, viel besser. Und trotzdem ist es unwahrscheinlicher als vor einem Jahr, dass er diese erste Runde übersteht. Die Orlando Magic haben eine komplizierte Saison hinter sich, eine, in der ständig jemand und meistens mehrere Spieler verletzt waren.
Erst riss Paolo Banchero, dem besten Spieler des Teams, ein Muskel in der Bauchdecke. Noch bevor Banchero zurück war, riss auch ein Bauchmuskel bei Wagner, der in Bancheros Abwesenheit den Schritt zum NBA-Star gemacht hatte. Später riss das Kreuzband von Franz’ Bruder Moritz Wagner. Und Anfang Januar verließ Jalen Suggs ein Spiel im Rollstuhl, von Rückenschmerzen geplagt. Als er ein paar Wochen später zurückkehrte, spielte er nur 15 Minuten, seither pausiert er wegen einer Knieverletzung. Wagner, Suggs, Banchero – die drei Besten der Magic dribbelten in nur sechs von 82 Saisonspielen gemeinsam über das Parkett.
Zum Start wartet gleich Meister Boston
Das ist der Hauptgrund dafür, warum die Magic weniger Spiele gewonnen haben und schlechter platziert sind als im Jahr zuvor, obwohl sie ein Jahr weiter sein müssten in ihrer Entwicklung. Und damit der Hauptgrund, warum ihre Chancen in dieser ersten Runde so schlecht stehen. Weil sie nun, als Tabellensiebter der Eastern Conference, gleich zum Start gegen die Boston Celtics spielen müssen. Gegen den Meister der Vorsaison, einen der zwei, drei großen Favoriten auf den Titel.
Der andere Grund für die schlechten Chancen ist der wichtigste Wurf der Basketballmoderne: der Dreipunktewurf. Wer Erfolg haben will in der NBA, muss viele Dreier nehmen und viele Dreier treffen – und Orlando trifft weniger Dreier als jedes andere Team.
Besser als Orlando verteidigt nur ein Team
Auch Wagner, der teils berauschend spielte in dieser Saison; der herausragend verteidigte und 24 Punkte im Schnitt machte statt wie zuvor gut 19, hat Probleme mit diesem Wurf, vor allem seit seiner Verletzung. Es ist das Puzzlestück, das in seinem Spiel noch fehlt. Oder das zumindest oft nicht passt.
Es ist die Wurfschwäche, die Orlando zum viertschlechtesten Angriffsteam der NBA macht, zu einem, das oft weniger als 100 Punkte erzielt: ein Anachronismus im schnellen Spiel der Gegenwart. Das Team kann ihn nur deshalb ausgleichen, weil es oft auch weniger als 100 Punkte zulässt. Wer gegen die Magic angreift, sieht sich einer Menge athletischer Kerle mit endlos wirkenden langen Armen gegenüber, immer scheint jemand im Passweg zu stehen. Besser als Orlando verteidigt nur ein NBA-Team.
Vor dieser Play-off-Serie wird deshalb gewitzelt in den USA: Wenn man den Basketball der Neunzigerjahre möge, eine Zeit, in der hart verteidigt und seltener gepunktet wurde, dann solle man sich diese Serie anschauen.
Der Gegner allerdings ist keineswegs ein Team aus der Vergangenheit. Die Celtics werfen so viele Dreier wie kein anderes in der besten Basketballliga der Welt, ihr bester Spieler, Jayson Tatum, bringt die Verteidiger derzeit so geschickt ins Rotieren, dass irgendwann scheinbar zwangsläufig ein Mitspieler unbedrängt werfen kann. Boston ist ein Team der Jetztzeit. Und es ist vermutlich das Team, an dem sich Wagner und seine Kollegen am ehesten orientieren sollten.
Zwei Flügelspieler sind die Stars
Der Kern der Orlando Magic, das sind Franz Wagner und Paolo Banchero. Es gibt in der NBA wenige andere Teams, die um zwei solche Spieler herum gestrickt sind: Selten sind zwei Flügelspieler die beiden Stars einer Mannschaft. In Boston aber, wo Jayson Tatum und Jaylen Brown nebeneinander spielen, ist das auch so. Und in Bezug auf Boston haben viele in den USA bezweifelt, dass man in dieser Konstellation Titel gewinnen kann, mit zwei Spielern, die sich so ähnlich seien.
Bei den Celtics haben sie dem keinen Glauben geschenkt. Sie haben das Team um die beiden herum stattdessen so angepasst, dass alles ineinander griff. Und sind nach sieben Jahren mit den beiden doch Meister geworden.
Die eine, kleine Chance für Orlando in dieser Serie ist, dass sie den Meister von 2024 in die Neunzigerjahre zurückzwingen. Nur dann kann das Duell eng werden. Die andere Chance ist, dass die Magic und ihr Management aus der Brillanz des Gegners die richtigen Schlüsse für die Zusammensetzung des eigenen Teams ziehen. Dann stünden zumindest die Chancen gut, dass Franz Wagner den Punkt, an dem er vor einem Jahr zum ersten Mal stand, künftig oft überwinden wird.
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