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Israelis und Palästinenser begannen umgehend zu feiern. In Tel Aviv strömten noch in der Nacht zum Donnerstag Menschen zum Platz vor dem Kunstmuseum, den Angehörige der Entführten in den vergangenen zwei Jahren zum „Geiselplatz“ umgewidmet hatten. Mit Gewissheit zu sagen, dass dieser Name hinfällig sein wird, dafür schien es am Donnerstag zu früh – die Einigung, die in der Nacht verkündet worden war, könnte in den nächsten Tagen noch scheitern. Denn viele Fragen sind offen.
Aber viele Anzeichen deuteten darauf hin, dass es zum ersten Mal seit März wieder eine längere Waffenruhe geben wird, verbunden mit der Freilassung von Geiseln und palästinensischen Häftlingen. Vielleicht könnte daraus sogar das endgültige Ende des verheerenden Krieges erwachsen. Auch im Gazastreifen jubelten Menschen daher in der Nacht. Ihm seien Tränen der Freude gekommen, als er die Nachricht hörte, sagte ein Flüchtling aus Gaza-Stadt der Nachrichtenagentur AFP. Nach zwei Jahren mit „Bombenangriffen, Terror, Zerstörung, Verlust, Demütigung und dem ständigen Gefühl, dass wir jeden Moment sterben könnten“, gebe es endlich einen Augenblick der Ruhe, resümierte er.
Ein Flüstern und ein Zettel
Viele dankten dafür vor allem einer Person: Donald Trump. Der hatte ein paar Stunden zuvor öffentlich gemacht, dass Bewegung in die Verhandlungen gekommen war, die seit Montag im ägyptischen Scharm el-Scheich liefen. Sein Außenminister Marco Rubio stieß zu einer Veranstaltung im Weißen Haus, flüsterte dem Präsidenten etwas ins Ohr und reichte ihm einen Zettel. Fotografen zoomten auf die handschriftliche Notiz: „Sehr nah dran“, stand da. Und: „Wir brauchen bald Ihre Genehmigung für einen Truth-Social-Beitrag, damit Sie den Deal als Erster bekannt geben können.“
Trump sagte, er habe gerade vom Außenminister den Hinweis erhalten, dass „wir im Nahen Osten sehr nah an einem Deal“ seien und man ihn in der Angelegenheit benötige. Er blieb noch zehn Minuten im Raum, dann verabschiedete er sich von der Runde: Er müsse nun einige Probleme im Nahen Osten lösen.
Zwei Stunden nach dem Treffen schrieb Trump dann auf seiner Plattform Truth Social: Er sei stolz, verkünden zu können, dass Israel und die Hamas sich auf die erste Phase seines Gazaplans verständigt hätten. Das bedeute, dass „alle“ Geiseln sehr bald freigelassen würden. Israel werde zudem seine Streitkräfte auf die verständigte Linie im Gazastreifen zurückziehen. Dies sei ein „großartiger Tag“ für die arabische und muslimische Welt, für Israel und die Vereinigten Staaten. Trump bedankte sich bei den Vermittlern aus Qatar, Ägypten und der Türkei. Später telefonierte er mit einigen Familienangehörigen der Geiseln und ließ sich von ihnen feiern. Auch mit dem Ministerpräsidenten Israels, Benjamin Netanjahu, sprach er noch in der Nacht.

In einer Mitteilung von Netanjahus Büro hieß es anschließend, dieser habe den Präsidenten eingeladen, eine Rede vor der Knesset zu halten – Medienberichte sprachen von Sonntag. Netanjahu dankte Trump: Durch die „großen Anstrengungen unseres guten Freundes und Verbündeten“ habe Israel diesen Wendepunkt erreicht. Er lobte aber auch die eigenen „entschlossenen militärischen Maßnahmen“. Zwei Jahre lang hatte Netanjahu immer wieder verkündet, die Hamas könne nicht ohne intensiven militärischen Druck zum Nachgeben gezwungen werden. Das hat ihm den Zorn vieler Israelis eingebracht, die der Ansicht sind, schon vor langer Zeit hätte man ein Abkommen schließen und so zahlreiche weitere Todesopfer verhindern können.
Ohne Rücksicht auf Verluste hatte aber auch die Hamas den Krieg ausgesessen. In ihrer in der Nacht veröffentlichten Stellungnahme zur Einigung verklärte sie das Leid der Bevölkerung des Gazastreifens. Die Hamas-Führung schrieb, sie verneige sich vor den Palästinensern, die „beispiellosen Stolz, Heldentum und Ehre bewiesen haben, indem sie sich den Plänen der faschistischen Besatzungsmacht entgegenstellten“. So habe man Israels Pläne zur Unterwerfung und Vertreibung vereitelt. Diese Opfer würden nicht umsonst sein, hieß es weiter. Die Hamas werde „die nationalen Rechte unseres Volkes nicht aufgeben“.
Konkret hieß es, die Hamas habe in Scharm el-Scheich einem Abkommen zugestimmt, das „ein Ende des Krieges gegen Gaza, den Rückzug der Besatzungstruppen, die Einfuhr von Hilfsgütern und einen Gefangenenaustausch vorsieht“. Trump und die „Garantiemächte“, aber letztlich alle Länder seien aufgerufen, sicherzustellen, dass Israel seine Verpflichtungen vollständig umsetzt.
Wann ist die Waffenruhe in Kraft getreten?
Was die Verpflichtungen beider Seiten genau sind, darüber bestand am Donnerstag noch einige Unklarheit. So gab es unterschiedliche Angaben zum Zeitplan der nächsten Tage. Selbst die Frage, ob die Waffenruhe schon in der Nacht oder am Donnerstagmittag begonnen habe oder erst am Abend einsetzen werde, schien ungeklärt.
Nach dem Beginn der Waffenruhe soll der Rückzug der israelischen Armee auf eine „vereinbarte Linie“ – so Trump auf Truth Social – beginnen. Sie würde dann noch rund die Hälfte des Gazastreifens kontrollieren, aber beispielsweise nicht mehr den Grenzübergang Rafah zwischen dem Küstenstreifen und Ägypten. Er soll für den Transport Verwundeter geöffnet werden. Die Einfuhr von Hilfsgütern soll aufgestockt werden, auf anfangs mindestens 400 Lastwagenladungen je Tag. Flüchtlinge aus dem Norden des Gazastreifens sollen dorthin zurückkehren können.
Erst wenn die erste Rückzugsphase der israelischen Armee abgeschlossen ist, beginnt offenbar eine 72-stündige Frist, binnen derer die Hamas die Geiseln freilassen soll. Ob nur die etwa zwanzig noch lebenden Geiseln oder auch die Leichen der etwa 28 toten Entführten, war ebenso unklar wie der genaue Zeitpunkt. Trump sprach von Montag, in anderen Berichten war von Sonntag oder sogar Samstag die Rede.
Im Gegenzug für die Freilassung sollen 1950 inhaftierte Palästinenser freigelassen werden. 250 von ihnen verbüßen eine lebenslange Haftstrafe. Dass dies einer der heikelsten Punkte in den Gesprächen in Scharm el-Scheich gewesen sein dürfte, zeigt sich daran, dass israelische Unterhändler Medienberichten zufolge am Donnerstagvormittag immer noch damit beschäftigt waren, die endgültige Liste zusammenzustellen. Die Hamas forderte die Freilassung auch prominenter Häftlinge wie Marwan Barghuti oder Ahmad Saadat. Ein Vertreter der Hamas, Mahmoud Mardawi, schrieb am Donnerstag auf der Plattform X, es gebe in dieser Frage noch Meinungsverschiedenheiten, die den Deal zum Platzen bringen könnten. Eine israelische Regierungssprecherin sagte am Nachmittag jedoch, dass Barghuti nicht freigelassen werde.
Teilweise könnten die vielen Unklarheiten auch mit prozeduralen Fragen zusammenhängen. In Israel musste noch das Kabinett zustimmen. Am späten Nachmittag sollte erst das Sicherheitskabinett und dann das gesamte Kabinett tagen. Finanz- und Siedlungsminister Bezalel Smotrich kündigte frühzeitig an, gegen die Vereinbarung zu stimmen. Zudem gibt es in Israel die Möglichkeit, gegen die Freilassung von Terroristen zu klagen.
Gleichwohl ergibt sich insgesamt der Eindruck, die Vereinbarung in Ägypten sei in großer Eile erstellt worden. Das spiegelte sich auch in einer Äußerung Majed al-Ansaris wider. Der Sprecher des qatarischen Außenministeriums verkündete auf der Plattform X, dass man sich über die erste Phase des Abkommens geeinigt habe, die „zur Beendigung des Krieges, zur Freilassung israelischer Geiseln und palästinensischer Gefangener sowie zur Einfuhr von Hilfsgütern führen wird“. Er fügte hinzu: „Die Einzelheiten werden später bekannt gegeben.“ Die Vermittler wirkten froh und erleichtert, auf Fotos war zu sehen, wie qatarische und israelische Unterhändler sich umarmten.
Trump beschäftigt sich noch nicht mit den weiteren Phasen
Wie es nach den ersten Tagen weitergeht, ist bisher aber unklar. Laut einem qatarischen Medienbericht sollen einen Tag nach der Freilassung der Geiseln die Verhandlungen über die zweite Phase des Abkommens beginnen. Da dürfte es dann um schwierige Fragen gehen, etwa die der Entwaffnung der Hamas oder des künftigen Regierungs- und Sicherheitsarrangements im Gazastreifen – lauter Fragen, die geeignet sind, die Vereinbarung wieder zu Fall zu bringen.
Mit solchen Fragen wollte zumindest Trump sich vorerst nicht abgeben. Am Mittwoch ließ er sich telefonisch noch in eine Abendsendung des konservativen Senders Fox News schalten. Auch dort wurde er gefeiert. Der Präsident gab sich zunächst bescheiden, sagte, es sei eine Ehre, daran beteiligt gewesen zu sein. Dann lobte er sein Team, neben Rubio Sondervermittler Steve Witkoff, seinen Schwiegersohn Jared Kushner und Vizepräsident J. D. Vance. Trump sprach von vielen Talenten, aber auch von Glück, das man bei so einer Sache brauche. Ganz ohne Selbstlob kam er nicht aus: Ihm sei es gelungen, zu wichtigen Staatsmännern in der Region, die lange Zeit eine Einigung mit Israel blockiert hätten, Beziehungen aufzubauen. Dann geriet er ins Schwärmen: Die ganze Welt sei zusammengekommen. Es gehe um mehr als um Frieden für Gaza, es gehe um Frieden für den Nahen Osten. Sogar Iran werde Teil dessen sein.
Tatsächlich war Trumps Eingreifen in den Zwölftagekrieg zwischen Israel und Iran ein Gamechanger. Trump zeigte, dass er bereit ist, weit zu gehen. Nach der Bombardierung der Atomanlagen nötigte er Netanjahu, den Krieg gegen Teheran zu beenden. Eine zweite Zäsur war der israelische Angriff auf die Hamas-Führung in Doha im September, mit dem Netanjahu Trump verärgerte, da die Verletzung der Souveränität seines Verbündeten und Wirtschaftspartners Qatar einen Tabubruch darstellte. Nun setzte Trump die Hamas und Netanjahu unter Druck, dem Gazaplan zuzustimmen, der im September verfasst worden war. Nur er hatte den Hebel: Sollten die Islamisten sich verweigern, erhalte Netanjahu freie Hand. Sollte Netanjahu sich verweigern, würde dieser es sich mit seinem wichtigsten Verbündeten verderben.
Derzeit will Trump nichts von den Gefahren wissen, die mit Phase zwei oder Phase drei seines Plans verbunden sind. Rubios Hinweis auf dem Zettel, Trump solle den Deal als Erster verkünden, wurde in Washington auch im Zusammenhang mit der Vergabe des Friedensnobelpreises gesehen. Trump hat mehrfach bekundet, dass er die Auszeichnung, die sein Vorgänger Barack Obama erhalten hatte, verdient habe.
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