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Die legendären Räuber „Schinderhannes“ und „Schwarzer Jonas“ wurden 1803 in Mainz hingerichtet. 1805 brachte ein Anatomieprofesser deren Skelette an die Universität Heidelberg, um sie wissenschaftlich zu untersuchen. Dort wurden die Gebeine jedoch offenbar später vertauscht, wie Genanalysen nun enthüllt haben. Demnach stammt das Skelett des angeblichen „Schwarzen Jonas“ tatsächlich vom „Schinderhannes“, die Knochen des echten „Schwarzen Jonas“ liegen hingegen nicht mehr vor. Die Daten widerlegen auch erstmals historische Bilder, wonach der „Schinderhannes“ blond war.
Seit 220 Jahren gehören zwei berühmte Skelette zur Anatomischen Sammlung der Universität Heidelberg: Sie sind mit Sammlungsnummern sowie den Namen Johannes Bückler alias „Schinderhannes“ sowie Christian Reinhard alias „Schwarzer Jonas“ beschriftet. Beide Männer waren legendäre deutsche Banditen, die im Frankfurter Raum zusammen Einbrüche, Erpressungen und Raubüberfälle begingen. Dem „Schinderhannes“ wurden mindestens 211 Straftaten nachgewiesen, vor allem Diebstahl, Erpressung und Raub, aber auch Mord. Wegen ihrer Taten wurde den beiden Kriminellen in Mainz monatelang öffentlich der Prozess gemacht. Im November 1803 wurden sie schließlich durch das Fallbeil hingerichtet.
Im Jahr 1805 übernahm der Mainzer Forscher Jacob Fidelis Ackermann den Lehrstuhl für Anatomie und Physiologie an der Universität Heidelberg und brachte die beiden Skelette mit, um sie dort weiter wissenschaftlich zu untersuchen Seither kamen immer wieder Zweifel auf, ob die Knochen in Heidelberg richtig dokumentiert wurden. Unklar ist bis heute zudem, wie der „Schinderhannes“ einst aussah. Denn von seinen Zeitgenossen gibt es nur wenige, teilweise widersprüchliche Beschreibungen in der Literatur. Auch Darstellungen – etwa Stiche oder Gemälde – sind von dem Banditen kaum vorhanden. Die wenigen erhaltenen Bildnisse entstanden zudem meist nach seinem Tod und beruhen eher auf künstlerischer Freiheit als auf authentischen Vorlagen.
Skelette wurden offenbar verwechselt
Um mehr über das Aussehen und die Identität der beiden historischen Räuber zu erfahren, hat ein Forschungsteam um Walther Parson von der Medizinischen Universität Innsbruck die beiden Skelette nun näher untersucht. Dafür analysierten die Molekularbiologen und Forensiker die Gebeine, unter anderem mit genetischen und chemischen Methoden, die Informationen zu Alter, Geschlecht, Herkunft und möglichen Erkrankungen der Individuen liefern. Diese Daten verglichen die Forschenden dann mit historischen Dokumenten.
Dabei zeigte sich überraschend: Das vermeintliche Skelett des „Schwarzen Jonas“ stammte eindeutig vom „Schinderhannes“. Das angebliche Skelett des „Schinderhannes“ ist dagegen nicht das des „Schwarzen Jonas“. Wem diese Knochen einst gehörten, ist noch unklar; wahrscheinlich stammen sie von einem anderen Räuber, der durch ein Schwert enthauptet wurde, statt mit der Guillotine, wie die Knochenspuren nahelegen. Die Nummern der Knochen mehrerer Skelette wurden offenbar zu Beginn des 19. Jahrhunderts verwechselt und falsch zugeordnet, schließt das Team.

Um diese Vermutung zu überprüfen, analysierten die Forschenden auch die mitochondriale DNA sowie die DNA aus den Zellkernen der beiden Skelette und glichen diese Erbinformationen mit einem noch lebenden Nachkommen des „Schinderhannes“ ab. Diese Tests bestätigten ein Verwandtschaftsverhältnis, das sich über fünf Generationen erstreckt. Demnach stammt das dem „Schwarzen Jonas“ zugeordnete Skelett tatsächlich vom „Schinderhannes“.
Das Skelett des „Schwarzen Jonas“ ging hingegen im Laufe der Zeit verloren. Was mit ihm passiert ist, wissen die Forschenden nicht. „Möglicherweise wurde es im Glauben, es handle sich um das Skelett des ‚Schinderhannes‘, entwendet oder ausgeborgt und nie zurückgegeben? Ironischerweise könnte diese Verwechslung letztendlich dazu geführt haben, dass wir heute noch im Besitz des echten Skeletts von ‚Schinderhannes‘ sind“, sagt Seniorautorin Sara Doll von der Universität Heidelberg.
Wie sah der „Schinderhannes“ aus?
Die genetischen Analysen enthüllten nun auch erstmals die Augen-, Haar- und Hautfarbe des Räubers: „Die Daten deuten darauf hin, dass ‚Schinderhannes‘ braune Augen, dunkle Haare und einen eher blassen Hautton hatte“, erklärt Parson. Entgegen einiger Bildnisse war der „Schinderhannes“ demnach nicht blond.
Isotopenanalysen der Knochen grenzen zudem ein, wo der „Schinderhannes“ mutmaßlich seine Kindheit und späteren Lebensjahre verbracht hat. Der im Taunus geborene Räuber hielt sich demnach auch später vorwiegend im Hunsrück oder Taunus auf, wie das Team berichtet. Die Daten belegen auch, dass die Männer rauchten, Karies hatten und wenig Fleisch und Fisch aßen, was auf eine „Arme-Leute-Ernährung“ hinweist. Die Knochen bestätigen zudem historische Berichte, wonach sich der „Schinderhannes“ Arm und Bein gebrochen hatte; seine linke Elle und sein rechtes Schienbein wiesen entsprechende Spuren auf. Sein Skelett wurde inzwischen aus der Ausstellung entfernt, um es zu konservieren. Besucher der Anatomischen Sammlung können jedoch eine Replik des Skeletts und eine Darstellung des Räubers sehen.
Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg; Fachartikel: Forensic Science International: Genetics, doi: 10.1016/j.fsigen.2025.103276
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