#Gebt dem Volk den Kuchen der Kraft!

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Gebt dem Volk den Kuchen der Kraft!

Vor uns liegt ein Vermögen. Wir werden es gleich verspeisen. Denn diese sechs Dosen Kaviar sind der beste Beweis dafür, dass der Mensch ein Narr ist, wenn er sich nicht an den reichgedeckten Tisch der Natur setzt und ihre kostspieligsten Schätze verschmäht. Unsere stammen alle aus dem Haus Prunier, einem Pionier der Störzucht und einer Herzensangelegenheit ihrer Financiers Pierre Bergé und Yves Saint-Laurent, kosten im Kilo zwischen zweitausend und zehntausend Euro und stammen ausnahmslos von der Störart Baeri.

Je nach Farbe, Fett, Größe und Konsistenz kreiert Prunier, das inzwischen mit dem Troisdorfer Großhändler Caviar House fusioniert ist, sechs verschiedene Geschmacksrichtungen und verblüfft uns Laien mit der enormen aromatischen Bandbreite des Kaviars. Die eine Sorte schmeckt nach Eidotter, die andere nach Roquefort, manchmal ist der Rogen wunderbar cremig, dann wieder herrlich gekörnt, hier sorgt das Salz für einen kraftstrotzend maritimen Auftritt, dort hält es sich elegant zurück. Und bei allen Kaviars haben wir das Gefühl, von den prachtvollsten Pretiosen der Natur zu naschen, von einem Geschenk, das zu verschmähen eine Schande wäre, weil jedes einzelne Ei ein Gaumenglücksmoment ist: So intensiv, so konzentriert und dabei so fein und unverfälscht schmeckt kaum etwas sonst im Kosmos der Köstlichkeiten.

Der Mensch ist nicht immer ein Narr. Deswegen zählt der Rogen des – neben den Haien – ältesten Fischs auf Erden zu den ältesten Delikatessen der Welt. Schon die Herrscher Babylons und die Pharaonen Ägyptens liebten den Kaviar, dessen Namen von einem Volksstamm am Kaspischen Meer stammt und wörtlich „Kuchen der Kraft“ bedeutet. Während er nur dort als Armenessen galt und kiloweise aufs Brot geschaufelt oder als Köder beim Aalfang benutzt wurde, war er andernorts allein gekrönten Häuptern vorbehalten. Edward II. von England erklärte den Stör 1324 zum königlichen Fisch, der nur am Hof verzehrt werden durfte. Seine Nachfolger haben das Privileg nie aufgehoben und besitzen formal bis heute ausnahmslos alle englischen Störe, deren Eier auch Shakespeare liebte und deswegen seinen Hamlet ausrufen ließ: „Das Stück gefiel dem großen Haufen nicht, es war Kaviar für das Volk.“

Ein paar Gramm Kaviar reichen schon, um sich glücklich zu essen.


Ein paar Gramm Kaviar reichen schon, um sich glücklich zu essen.
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Bild: Caviar House Prunier

Eine Welt ohne Kaviar ist undenkbar

Im Jahr 1675 tat es der russische Zar dem englischen König gleich, erhob die Störfischerei zur Staatsangelegenheit und legte damit den Grundstein für die stürmische Liebe der russischen Hocharistokratie zum Kaviar. Peter der Große soll allein fünfzig Fischer beschäftigt haben, damit sein Privatnachschub immer gewährleistet war. Bei ihrer Flucht nach der Oktoberrevolution brachten die Großfürsten den Kaviar-Kult mit ins westeuropäische Exil, während bei ihnen zu Hause auch für die Kommunisten bei der vermeintlichen Kapitalistendekadenzkost der Spaß sehr schnell aufhörte: Als Wladimir Rytow, stellvertretender Fischereiminister der UdSSR, 1979 des Kaviarschmuggels en gros überführt wurde – er hatte jahrelang echten Kaviar in falschen Makrelendosen ins Ausland geschafft und dort teuer verkauft –, konnte solcher Frevel nirgendwo sonst als vor dem Erschießungskommando enden.

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