#Gefürchtete „Aliens“ in Europa gelandet

Die Festung Europa ist gefallen: Eine der schlimmsten invasiven Arten der Welt – die Rote Feuerameise – hat Pionier-Kolonien in Sizilien etabliert, haben Forscher festgestellt. Von dort aus könnten sich die rabiaten Krabbler nun weiter über den Kontinent ausbreiten, denn dazu gibt es erhebliches Potenzial. Wie in ihren bisherigen Eroberungsgebieten in der Welt könnten die Insekten dann auch bei uns enorme ökologische und ökonomische Schäden verursachen sowie Menschen mit ihrem Gift bedrohen. Nur durch konsequente Bekämpfungsmaßnahmen könnte sich die Invasion vielleicht noch vereiteln lassen, sagen die Forscher.

Ihr wissenschaftlicher Name wurde zum Programm: Solenopsis invicta bedeutet „Die unbesiegte Feuerameise“. Die ursprünglich aus Südamerika stammende Art konnte sich nach ihrer Verschleppung durch den Menschen zahlreiche neue Lebensräume erobern. Der erfolgreiche Siegeszug der Roten Feuerameisen basiert dabei auf ihrem aggressiven Verhalten, das sie sowohl gegenüber anderen Ameisen als auch gegenüber dem Menschen zeigen: Wer die Krabbler reizt, bekommt ihre kräftigen Beißzangen und einen Stachel mit starkem Gift zu spüren, das wie Feuer brennt. Dies kann nicht nur sehr schmerzhaft sein, sondern auch zu allergischen Reaktionen bis zum Schock führen.

Im Verlauf der letzten hundert Jahre konnte sich die Rote Feuerameise zunächst in Nordamerika stark ausbreiten und erreichte dann schließlich auch China und Australien. Wie die Erfahrungen zeigen, verdrängen sie in den von ihnen eroberten Gebieten einheimische Ameisenarten, bedrohen viele andere Tiere durch ihren Fressdruck und belästigen Menschen. Die damit verbunden Schäden sind auch ökonomisch gewaltig. Die Feuerameise gilt deshalb als eine der schlimmsten invasiven Arten auf der Welt.

Heimatliche (grün) und invasive Verbreitung (rot) der Roten Feuerameise. © Institute of Evolutionary Biology

Nun hat es auch Europa erwischt

Überraschenderweise war Europa bisher allerdings von der Invasion verschont geblieben. Doch das hat sich nun geändert. „Seit Jahrzehnten haben Wissenschaftler befürchtet, dass es so kommen würde“, sagt Erst-Autor Mattia Menchetti vom Institut für Evolutionsbiologie in Barcelona. Den möglichen „Brückenkopf“ der Feuerameisen-Invasion in Europa bildet demnach nun die italienische Insel Sizilien. Nachdem die Forscher verdächtige Ameisen-Fotos von dort gesehen hatten, besuchten sie die Region, um die Identität der Spezies zu bestimmen und Proben zu sammeln.

So zeigte sich: Es handelt sich tatsächlich um Solenopsis invicta. Auf einem 4,7 Hektar großen Gebiet bei einem Vorort der Stadt Syrakus fanden die Wissenschaftler insgesamt 88 Nester der Roten Feuerameise. Gespräche mit Einheimischen lieferten dabei Hinweise darauf, wie lange die Invasoren sich dort schon etablieren: „Ihnen waren seltsame Stiche seit mindestens 2019 aufgefallen – die Ameisen sind also wahrscheinlich schon eine Weile dort. Und die tatsächliche Ausdehnung des betroffenen Gebiets ist wohl noch deutlich größer, als bisher bekannt“, sagt Menchetti. Wie und woher die Tiere zum Fundort gekommen waren, bleibt bisher unklar. Möglicherweise waren sie aber über den Hafen von Syrakus auf die Insel gelangt. Eine genetische Untersuchung der Ameisenköniginnen verweist dabei entweder auf einen Ursprung aus den USA oder China.

Um Hinweise darauf zu gewinnen, wie sich die Invasoren nun weiter ausbreiten könnten, analysierten die Wissenschaftler die lokalen Windmuster in Sizilien. Denn es ist bekannt, dass der Wind eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der geflügelten Geschlechtstiere der Ameisen spielt. Sie erstellten außerdem ein umfassendes Modell, um festzustellen, wie geeignet das übrige Europa und der Mittelmeerraum für die Art sein könnte – und ob der Klimawandel eine Rolle spielen wird.

Viel Ausbreitungs-Potenzial in Europa

Aus den Ergebnissen ging hervor: Sizilien könnte nun tatsächlich zur Keimzelle der weiteren Ausbreitung werden. Besonders alarmierend sind dabei die günstigen Lebensbedingungen für S. invicta in den urbanen Räumen, sagen die Forscher: 50 Prozent der europäischen Städte bieten den Invasoren demnach gute Bedingungen. „Besorgniserregend ist zudem: Viele Städte, darunter London, Amsterdam und Rom, verfügen über große Seehäfen, die erneut eine schnelle Ausbreitung der Ameisen ermöglichen könnten“, sagt Senior-Autor Autor Roger Vila vom Institut für Evolutionsbiologie in Barcelona.

Doch was lässt sich nun tun, um die Bedrohung noch in den Griff zu bekommen? „Wir brauchen ein koordiniertes Vorgehen, und zwar jetzt“, sagt Menchetti. Zunächst muss das Ausmaß des Befalls genauer festgestellt werden. Anschließend sollen dann Maßnahmen durchgeführt werden, um die Nester auszurotten. Danach müssen die Stellen weiterhin überwacht werden, um sicherzustellen, dass es nicht zu einem erneuten Auftreten kommt, sagen die Wissenschaftler. In Neuseeland haben entsprechende Vorgehensweisen bereits Erfolge gezeigt. „Auch die Bürger können dabei eine sehr wichtige Rolle spielen“, sagt Menchetti. Das Team plant deshalb bürgerwissenschaftliche Programme zu organisieren, bei denen Menschen gezielt nach S. invicta Ausschau halten und Funde samt Fotos melden. „Es muss mehr Bewusstsein für dieses Problem geschaffen werden, das nun in Europa angekommen ist“, so Menchetti.

Quelle: Cell Press, Spanish National Research Council (CSIC), Fachartikel: Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2023.07.036

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