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Homosexualität und gleichgeschlechtlicher Sex galten bisher im Tierreich als seltene Ausnahme – teilweise auch als Reaktion auf die Haltung in Gefangenschaft. Doch nun haben britische Forscher entdeckt, dass wildlebende Rhesusaffen in Puerto Rico sogar sehr häufig Sex mit gleichgeschlechtlichen Artgenossen haben. Von den 236 über drei Jahre hinweg beobachteten Affenmännchen zeigten 72 Prozent immer wieder Kopulationen mit anderen Männchen – nur ein geringer Teil der Männchen praktizierte ausschließlich heterosexuelle Paarungen. Dabei ging das gleichgeschlechtliche Verhalten nicht zu Lasten des Fortpflanzungserfolgs, stärkte aber die Koalitionen zwischen Männchen. Nach Ansicht der Biologen widerlegen diese Beobachtungen die Annahme, dass gleichgeschlechtlicher Sex der Natur und Evolution zuwiderlaufe.
Warum gibt es Homosexualität? Und wie „natürlich“ ist sie? Diese Frage wird schon seit Jahrhunderten diskutiert. Weil lange keine Beispiele für gleichgeschlechtliches Verhalten aus dem Tierreich bekannt waren, galt dies lange als „widernatürlich“. Eines der Argumente dafür: Weil aus solchen Paarungen keine Kinder hervorgehen, widerspreche dies den Prinzipien der Evolution und des „Survival oft the fittest“. Inzwischen jedoch haben Beobachtungen an mehr als tausend Tierarten gezeigt, dass homosexuelles Verhalten keine kulturelle Eigenheit nur des Menschen ist. Verschiedene Spielarten gleichgeschlechtlicher Sexualität kommen auch im Tierreich vor – die Spanne reicht von Insekten über Vögel bis hin zu Säugetieren. Berichte über gleichgeschlechtliches Verhalten sind allerdings oft zufällig und anekdotisch und betreffen häufig Tiere, die in Gefangenschaft oder extremen Umgebungen leben. Daher ist strittig, inwieweit solche Verhaltensweise auch für wildlebende Tiere typisch und „natürlich“ sind.
Gleichgeschlechtlicher Sex bei 72 Prozent der Affenmännchen
Um diese Frage zu klären, haben nun Jackson Clive und seine Kollegen vom Imperial College London eine umfangreiche Studie mit wildlebenden Rhesusaffen in Puerto Rico durchgeführt. Dort leben rund 1700 dieser Affen frei auf der 15 Hektar großen Insel Cayo Santiago, ihr Verhalten und ihre Genealogie werden seit 1956 intensiv erforscht. Für ihre Studie beobachteten Clive und sein Team das Verhalten der Männchen in zwei sozialen Gruppen dieser Rhesusaffen über drei Jahre hinweg – 2017, 2019 und 2020. Sie dokumentierten dabei für jedes Männchen, ob und wie oft es mit Artgenossen des gleichen oder anderen Geschlechts kopulierte. Bei Rhesusaffen finden Paarungen typischerweise von hinten statt. Ob wirklich ein sexueller Akt vorlag, stellten die Forscher anhand der Erektion und der Stoßbewegungen des aufreitenden Männchens fest. Zusätzlich zeichneten sie auf, mit welchen Partnern die Paarung stattfand, in welchen Situationen und welchen sozialen Rang die Beteiligten innehatten.
Die Auswertungen ergaben Überraschendes: „Insgesamt stellten wir fest, dass gleichgeschlechtliche Paarungen sogar häufiger vorkamen als Paarungen zwischen Männchen und Weibchen“, berichten Clive und seine Kollegen. 72 Prozent der Rhesusaffenmännchen praktizierten häufiger gleichgeschlechtliche Kopulation. „Die meisten dieser Männchen waren von ihrem Verhalten her bisexuell“, sagt Clive. Nähere Analysen der Umstände dieser Paarungen ergaben, dass der soziale Rang der Affenmännchen dabei nur eine untergeordnete Rolle spielte. Entgegen der Hypothese, dass solche gleichgeschlechtlichen Kopulationen eine bloße Machtdemonstration höherrangiger Männchen darstellen, standen bei den beobachteten Rhesusaffen die aufreitenden Männchen sogar häufig im Rang unter ihren männlichen Kopulationspartnern. Gleichzeitig gab es dieses Verhalten aber auch bei älteren, ranghohen Männchen, wenn auch weniger häufig. Sozialer Rang und Dominanzverhalten können demnach maximal einen kleinen Teil dieses gleichgeschlechtlichen Verhaltens erklären, so das Team
Keine Fortpflanzungs-Einbußen, aber gestärkte Koalitionen
Als nächstes untersuchten die Biologen, ob die gleichgeschlechtlichen Paarungen für die beteiligten Rhesusaffenmännchen reproduktive Nachteile verursachen. „Gängiger Annahme nach bringt dieses Verhalten Kosten bei der Fitness mit sich, weil denjenigen, die gleichgeschlechtliche Paarungen praktizieren, dadurch Fortpflanzungschancen entgehen“, erklären die Forscher. Dank der seit 1956 gesammelten Genproben aller in diesen Rhesusaffengruppen lebenden und neu geborenen Tiere konnten sie nachvollziehen, wie viele Nachkommen die Männchen mit und ohne gleichgeschlechtlichen Sex gezeugt hatten. Das Ergebnis: „Wir fanden eine positive Korrelation zwischen gleichgeschlechtlichen Kopulationen und Fortpflanzungserfolg“, berichten Clive und seine Kollegen. Ihr Sex untereinander hielt die Affenmännchen demnach nicht davon ab, sich auch mit Weibchen zu paaren und erfolgreich Nachwuchs zu zeugen. Stattdessen waren diese Männchen dabei sogar erfolgreicher.
Eine mögliche Erklärung dafür fanden die Biologen, als sie sich die näheren Umstände der gleichgeschlechtlichen Paarungen und die beteiligten Partner näher anschauten. Dabei zeigte sich, dass 16,5 Prozent dieser Kopulationen in Situationen vorkamen, in denen die beiden beteiligten Partner im Konflikt mit anderen Artgenossen standen. Dazu passt, dass Männchen, die untereinander Sex hatten, sich häufiger verbündeten und sich im Konfliktfall unterstützten. „Dies könnte vielleicht einer der Vorteile dieser gleichgeschlechtlichen Aktivität sein“, erklärt Clive. Die Kopulation unter Männchen könnte demnach der Stärkung ihrer Beziehung und „Koalition“ dienen – und auch darüber ihre Chancen bei der Fortpflanzung erhöhen. Genetische Analysen ergaben zudem, dass die Neigung zu gleichgeschlechtlichem Sex bei den Rhesusaffen zumindest zum Teil genetisch bedingt ist. Das Team beziffert den erblichen Anteil bei den Rhesusaffenmännchen auf 6,4 Prozent. „Dies ist unseres Wissens nach der erste Beleg für eine genetische Basis gleichgeschlechtlichen Sexualverhaltens bei einem Primaten außer dem Menschen“, konstatieren die Forscher.
Weder unnatürlich noch eine seltene Ausnahme
Nach Ansicht von Clive und seinem Team widerlegen ihre Ergebnisse die Annahme, nach der gleichgeschlechtlicher Sex bei Tieren eine extrem seltene Ausnahme ist oder nur unter ungewöhnlichen Umweltbedingungen auftritt. „Unglücklicherweise gibt es noch immer die Ansicht unter einigen Menschen, dass gleichgeschlechtlicher Sex ‚unnatürlich‘ sei und in einigen Ländern steht auf Homosexualität sogar noch immer die Todesstrafe“, sagt Clives Kollege Vincent Savolainen. „Unsere Studie zeigt dagegen, dass gleichgeschlechtliches Verhalten auch bei nichtmenschlichen Primaten häufig sein kann.“ Die Biologen vermuten sogar, dass sich diese Art von gleichgeschlechtlichen Kopulationen gerade bei Primaten als eine evolutionäre Strategie entwickelt haben könnte. „Bei den Rhesusaffen stärkte dieses Verhalten die Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft“, sagt Clive. Ähnliche Beobachtungen zu Paarungen unter Männchen hat das Team auch bei zwei weiteren Rhesusaffenpopulationen im Norden Thailands gemacht.
Quelle: Jackson Clive (Imperial College London) et al., Nature Ecology and Evolution, doi: 10.1038/s41559-023-02111-y
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