„Gnabry stiehlt allen die Show“
Serge Gnabry trottete am Dienstagabend nach 74 Minuten vom Rasen. Langsam und gemächlich tat er das, wie ein müder Professor beim Abendspaziergang. Er hatte keine Eile, weil seine Mannschaft zu diesem Zeitpunkt schon mit 5:0 führte. Der Außenstürmer des FC Bayern verschwand schnell im Bauch der Stuttgarter Arena. Auf große und ausgelassene Jubelszenen verzichtete er, vielleicht erinnerte er sich in diesem Moment an seine Zeit als Balljunge in Bad Cannstatt, als das Stadion noch voll war mit vielen Zuschauern und er von einer Karriere als Fußball-Profi träumte.
Diesmal waren coronabedingt nur 750 Besucher zugelassen. Und die wenigen bedauerten ihr Kommen. Denn die Bayern waren zu gut, vor allem Gnabry, der einst in der Jugend noch das Trikot mit dem roten Brustring getragen hatte. Er traf letztlich dreimal beim Lieblingsgegner der Münchner, die übrigen Tore zum 5:0 erzielte – natürlich – Robert Lewandowski. „Serge spielt sehr, sehr gut“, sagte Bayern-Trainer Julian Nagelsmann hinterher, „er ist ein herausragender Spieler, der zuletzt mit Rückenproblemen zu kämpfen hatte.“
Den VfB als Lieblingsgegner der Bayern zu bezeichnen, das ist fast schon untertrieben. Der Sieg steht in der Regel vorher fest, wenn München und Stuttgart aufeinandertreffen, es geht nur noch um die Höhe des Erfolgs. Dieser war bereits der 67. Sieg der Bayern gegen den VfB. Netter Seitenaspekt: die Münchner haben sich im Schongang die Herbstmeisterschaft gesichert – zum 25. Mal in ihrer Vereinsgeschichte.
Aber vor der Partie hatte Nagelsmann etwas anderes interessiert. Konnte er Jamal Musiala im zentralen defensiven Mittelfeld aufbieten oder nicht? Der Nationalspieler hatte sich den Mittelhandknochen gebrochen. Mit Spezialschiene konnte er dort schließlich seine Arbeit verrichten, wo schon seit Wochen Joshua Kimmich (Corona) und auch Leon Goretzka (Rückenprobleme) fehlen. Und Musiala begann genauso schwungvoll wie seine Mitspieler.
Die Zuschauer in der Stuttgarter Arena bejubelten jeden gelungen Zweikampf ihrer Mannschaft wie ein Tor, denn der VfB war auf dem schwer bespielbaren und zerfurchten Rasen vor allem damit beschäftigt, die Bayern vom eigenen Tor fern zu halten. Die Münchner kombinierten sich bisweilen schnell und ansehnlich durchs Mittelfeld in den Strafraum. Nur mit dem Torabschluss wollte es zunächst nicht so recht klappen.
Nach einer halben Stunde hatten die Bayern zwar schon neunmal aufs Tor geschossen – aber nur eine echte Torchance durch Gnabry erspielt. Nach einem weiten Schlag von Benjamin Pavard war Gnabry auf den Stuttgarter Torhüter Florian Müller zugerannt. Doch den folgenden Lupfer ahnte Müller voraus, machte sich ganz lang und wehrte mit seinen Fingerspitzen gleich zweimal ab.
Gute Laune: Thomas Müller (links) und die Münchner Profis beim VfB
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Bild: Reuters
Und der VfB? Kam nur gelegentlich in die Nähe von Bayern-Torhüter Manuel Neuer, der sich zuweilen mit hübschen gymnastischen Verrenkungen warm hielt. Einmal tauchte Omar Marmoush vor ihm auf, doch der Schuss ging weit vorbei. Es war dann der in der 27. Minute für den verletzen Kingsley Coman eingewechselte Leroy Sané, der Gnabry schließlich auf halblinks so freispielte, dass dieser die Gelegenheit dankbar annahm (40.). Es war ein hinreißend schöner Schlenzer des Nationalspielers ins lange Eck zur 1:0-Pausenführung.
In der Kabine musste VfB-Trainer Matarazzo die richtigen Worte gefunden haben. Es wirkte in den ersten Minuten der zweiten Hälfte fast so, als hätte der Amerikaner elf neue Spieler aufgeboten, sie spielten wie ausgewechselt, viel mutiger, obwohl dieselben Akteure auf dem Platz standen. Wataru Endo (47.) und Philipp Förster (48.) hatten guten Torgelegenheiten. Doch der an diesem Abend wunderbare Gnabry beendete das sehr kurze Zwischenhoch humorlos mit seinem zweiten Tor (53.), nachdem er lässig Marc Oliver Kempf ausgespielt hatte.
Gnabry war in der Folge prima aufgelegt gegen nun überforderte Stuttgarter. Der 26-Jährige legte auch noch die beiden Tore von Lewandowski (69./72.) vor, ehe er selbst mit seinem neunten Saisontor zum 5:0 traf (74.). „Auch Serges Vorlagen waren sehenswert. Er hatte zuletzt weniger gespielt, als er verdient gehabt hätte“, lobte Nagelsmann den Spieler des Abends. Und während München sich über die Herbstmeisterschaft freuen kann, bleibt die Lage in Stuttgart erst einmal angespannt.
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