#Golden Goal!

Golden Goal!

Marco Bode war der entscheidende Mann für das erste Golden Goal der Fußball-Geschichte. Sagt er zumindest selbst, und seine Argumentation ist stichhaltig. Zwar hat Oliver Bierhoff dieses schräge Ding erzielt, an jenem 30. Juni 1996 beim Finale der Fußball-Europameisterschaft im Londoner Wembley-Stadion. Doch das goldene Tor sei dem heutigen Manager der Nationalmannschaft nur gelungen, weil Bode entscheidende Hilfestellung gegeben habe. „Dreh dich andersrum“ habe er ihm zugerufen, erinnerte sich der Bremer noch Jahre später. Und Bierhoff drehte sich andersrum.

Der zumeist etwas ungelenk wirkende deutsche Stürmer, oft leicht unterschätzt, was seine Talente als Fußballer im Allgemeinen und Torjäger im Besonderen betraf, war an jenem Sonntag erst in der 69. Minute für Mehmet Scholl eingewechselt worden, beim Stand von 0:1. Und der damals immerhin schon 28 Jahre alte Jungnationalspieler nervte das Publikum schon beim Warten an der Seitenlinie, wie er zum Warmmachen erst auf der Stelle spurtete und dann die Beine seitlich hochwarf wie ein Gardemädchen beim Cancan. Doch es sollte sein Tag werden. Kaum im Spiel, erzielte der 1,91 Meter große Bierhoff den Ausgleich mit einem wuchtigen Kopfball auf Freistoßflanke von Christian Ziege. Mit der zweiten Ballberührung, vier Minuten nach seiner Einwechslung. Und die Frisur saß.

Und dann brach die 95. Minute in der Verlängerung an; jene Minute, die Fußballgeschichte bedeutete und Bierhoffs Karriere nachhaltig veränderte. Langer Ball auf den Mittelstürmer, Kopfballverlängerung zu Klinsmann, der wieder zurück auf Bierhoff. Und da stand er nun, der Mann mit der Nummer 20, in zentraler Position, nahe der Strafraumgrenze, tänzelte ein wenig mit dem Ball vor den Füßen herum, und als Zuschauer konnte man sich des Eindrucks kaum erwehren: das wird nichts.

Bierhoff hatte seinen Rücken dem Tor zugewandt und zwei tschechische Abwehrspieler im Nacken. Und er wollte sich, wie er selbst später eingestand, über den linken Fuß drehen, um dann mit seinem stärkeren rechten aufs Tor schießen zu können. Doch da standen ja die beiden Tschechen. Also hörte er auf Bode, der in der Nähe postiert war und irgendwas von „andersrum“ brüllte, drehte sich entsprechend über den rechten Fuß, trippelte noch ein paar Schrittchen und schoss mit links.

Völlig losgelöst: Oliver Bierhoff nach seinem historischen Siegtreffer


Völlig losgelöst: Oliver Bierhoff nach seinem historischen Siegtreffer
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Bild: imago/Sven Simon

„Bierhoff kann sich durchsetzen“ brüllte ZDF-Reporter Bela Rethy, der schon damals am Mikrofon saß, wenn es wichtig wurde bei der deutschen Nationalmannschaft. Und dann: „Kouba“. Mehr erschrocken. Ein Ausruf, der sich anhörte wie: „Achtung“. Petr Kouba war gemeint, der Torwart der Tschechen, auf dem das Schüsschen zuflog. Allerdings ein bisschen blöd abgefälscht von einer tschechischen Hacke auf halber Strecke.

Dadurch kam der Ball nicht frontal auf den Keeper zugeflogen, sondern flatterte leicht versetzt seinen Händen entgegen. Kouba patschte gegen den Ball, als stünde er zum ersten Mal im Tor, die Kugel prallte links weg und rollte neben dem Pfosten ins Tor. So sah es aus, das erste „Golden Goal“ der Fußball-Geschichte. Ein „Kacktor“ hätte Arnd Zeigler in seiner „wunderbaren Welt des Fußballs“ sagen können, aber die gibt es erst seit 2007. Stattdessen erkannte Rethy messerscharf: „Und… Deutschland ist Europameister.“

Der damalige Mitstürmer Stefan Kuntz, heute erfolgreicher Trainer der deutschen U21-Junioren, war dem Kullerball noch hinterher gerannt. Heute würde sicher der Video Assistent Referee prüfen, ob Kuntz nicht im strafbaren Abseits stand. Damals war einfach Jubel. Bierhoff drehte ab, rannte davon, zog sich dabei das Trikot über den Kopf, obwohl er diese Art des Jubelns eigentlich immer albern fand, wie er hinterher einmal sagte. Und dann stürzten sich die Mitspieler über ihn. Wobei Kuntz erst im Moment des Divings nach dem Sprint gewahr wurde: „Das ist ja vorbei. Wir sind Europameister.“ Es hatte noch keiner zuvor erlebt, dass unmittelbar nach dem Tor der Schlusspfiff erfolgt, egal wie viel Zeit eigentlich noch auf der Uhr wäre.

Die aus dem Eishockey entlehnte Regeländerung, eigentlich gedacht, um die Spiele in der Verlängerung spannender und existenzieller zu gestalten, erwies sich im Fußball als Rohrkrepierer. Das Gegenteil dessen, was geplant war, trat ein: die Mannschaften hatten Angst, etwas zu riskieren, weil sie wussten, dass der erste Fehler zum Sudden Death führen konnte.

Zwar wurde auch Frankreich 2000 durch einen goldenen Schuss von David Trezeguet Europameister, doch schon 2002 wurde die Regel abgeschwächt und in eine noch umstrittenere umgewandelt: beim „Silver Goal“ sollte nach einem Tor noch bis zur Ende der ersten Halbzeit der Verlängerung gespielt werden. Die Griechen unter Otto Rehhagel profitierten auf ihrem Weg zum sensationellen EM-Sieg 2004 davon, denn Traianos Dellas erzielte im Halbfinale das einzige Silver Goal der EM-Geschichte. Wieder waren die Tschechen übrigens die Leidtragenden.

Das „Golden Goal“ kann in Summe nicht als Erfolgsgeschichte bezeichnet werden, ebnete aber für Oliver Bierhoff eine späte, höchst ansehnliche Karriere. Der Mann, der in jungen Jahren in der Bundesliga bei Bayer Uerdingen, Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach kaum einen Fuß auf den Boden brachte, feierte späte Erfolge als Torschützenkönig der Serie A für Udinese Calcio 1997/98, als Deutschlands Fußballer des Jahres 1998 und italienischer Meister mit dem AC Mailand 1999. Und wer hatte entscheidenden Anteil daran, wie er es nie versäumt, dem Kollegen Bierhoff zu erzählen, wenn er ihn triff? Marco Bode: „Du verdankst mir dein Golden Goal und damit auch deine Karriere“.

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